Am 19. Februar 2026 diskutierten über 50 Dozierende am "Forum Lehren & Lernen", wie sich Leistungsnachweise unter den Bedingungen generativer KI weiterentwickeln lassen. Im Zentrum stand nicht die Frage nach Kontrolle, sondern nach Gestaltung: Welche Prüfungsformate sichern Qualität, Fairness und Kompetenzorientierung in einer zunehmend KI-gestützten Lernumgebung?
Prüfungen im Spannungsfeld generativer KI
In ihrer Keynote ordnete ↗ Prof. Dr. Sabine Seufert (Universität St.Gallen, Institut für Bildungsmanagement und Bildungstechnologien) die aktuelle Situation als Phase hoher Dynamik ein. Prüfungen, so ihre zentrale These, bewegen sich künftig in einem Spannungsfeld zwischen KI-restringierten und KI-integrierten Settings.
KI-restringierte Formate – etwa beaufsichtigte Prüfungen oder interaktive mündliche Settings – bleiben relevant, insbesondere zur Sicherung von Basiswissen. Gleichzeitig gewinnen KI-integrierte Formate an Bedeutung: Aufgaben, bei denen Studierende KI bewusst einsetzen, Ergebnisse kritisch prüfen und reflektieren. Entscheidend sind dabei nicht die Tools selbst, sondern die Kompetenz, fachlich fundiert damit umzugehen.
Damit rückt auch "AI Literacy" als Bildungsziel in den Fokus: technisches Grundverständnis, reflektierte Mensch-KI-Interaktion sowie die Fähigkeit, Ergebnisse fachlich einzuordnen und ethisch zu beurteilen.
Diskussion: Nicht kontrollieren, sondern neu gestalten
In der anschliessenden Diskussion zeigte sich ein klares Stimmungsbild. Viele erleben die aktuelle Situation als verunsichernd. Gleichzeitig besteht ein grosser Bedarf an Austausch und hochschulweiter Orientierung. Einigkeit bestand darin, dass die reine Detektion KI-generierter Inhalte keine tragfähige Strategie ist. Zu dynamisch entwickeln sich Modelle und Nutzungspraxen. Nachhaltiger erscheint ein Perspektivenwechsel: Prüfungen müssen so gestaltet sein, dass sie Transfer, Argumentationsfähigkeit und eigenständige Durchdringung sichtbar machen. Zukunftsfähige Assessments messen Performance und Kompetenz – beispielsweise in authentischen Aufgaben oder Portfolioformaten. Diese Ansätze sind didaktisch überzeugend, stellen jedoch hohe Anforderungen an Konzeption und Organisation.
Drei Fälle und mögliche Entwicklungsrichtungen
In drei Arbeitsgruppen wurden unterschiedliche Prüfungssituationen vertieft bearbeitet. Bei unbeaufsichtigten schriftlichen Arbeiten stand "Qualität statt Quantität" im Zentrum. Wenn KI beliebig viel Text generieren kann, verliert Textlänge als Qualitätsmerkmal an Bedeutung. Bewertet werden müssen klar definierte Kriterien wie Transferleistung, Argumentationslogik oder kreative Problemlösung. Zugleich wurde betont, dass in diesem Zusammenhang auch die Lernziele kritisch überprüft und ihre Passung zu den gewählten Prüfungsformaten reflektiert werden müssen.
Im Bereich mündlicher Prüfungen wurde eine Renaissance dialogischer Formate sichtbar. Mündliche Settings ermöglichen es, Verständnis, Begründungskompetenz und eigenständige Argumentation differenziert zu prüfen. KI kann unterstützend bei der Aufgabenentwicklung oder Strukturierung von Bewertungsrastern eingesetzt werden, die finale Beurteilung bleibt jedoch bei den Dozierenden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass betreuungsintensive Formate nur realisierbar sind, wenn Ressourcen und Vergütungssysteme angepasst werden.
Die dritte Gruppe fokussierte Prozessdokumentation und Reflexion. Der Blick richtet sich stärker auf den Entstehungsprozess von Leistungen. Dokumentierte Arbeitsschritte, kommentierte KI-Interaktionen oder strukturierte Reflexionen können Denk- und Metakompetenzen sichtbar machen. Damit solche Leistungen valide beurteilt werden können, braucht es jedoch verbindliche Kriterien und eine dialogische Begleitung.
Strategische Bedeutung für die Hochschule
Das Forum machte deutlich, dass es nicht um isolierte Anpassungen einzelner Prüfungen geht, sondern um eine Weiterentwicklung der Prüfungskultur. Kompetenzorientierte, KI-berücksichtigende Assessments leisten einen direkten Beitrag zur Qualität der Lehre, zur Transparenz gegenüber Studierenden und zur Profilbildung der Hochschule. Der kollegiale Austausch erwies sich dabei als zentraler Erfolgsfaktor. Orientierung entsteht nicht durch Einzelentscheidungen, sondern durch gemeinsame Verständigungsprozesse über Standards, Ziele und Ressourcen.
Aus dem Forum ergeben sich konkrete Umsetzungsaufträge für Prorektorat und TLC. Ziel ist die Entwicklung, Begleitung und Kommunikation von Prüfungsformaten und Bewertungsinstrumenten, die den Einsatz von KI systematisch berücksichtigen und didaktisch fundiert einbinden.
Take-Aways
- Zukunftsfähige Prüfungskultur beginnt bei der Klärung der Lernziele und ihrer kohärenten Überprüfung.
- Nachhaltige Lösungen entstehen durch kluges Aufgaben- und Kriterien-Design, nicht durch reine KI-Detektion.
- KI-restringierte und KI-integrierte Formate koexistieren je nach Kompetenzziel.
- Prozess- und Reflexionsleistungen gewinnen an Bedeutung, benötigen jedoch klare Bewertungsraster.
- Mündliche Prüfungen machen Wissen sichtbar und stärken die Argumentationskompetenz.
Weiterführende Links und Ressourcen
↗ Dokumentation des Workshops (Miro)
Kontakt
Für weitere Informationen zum Workshop und den Ergebnissen wenden Sie sich bitte an das ↗ TLC-Team.