Manchmal liegt die beste Methode zur Verbesserung der eigenen Lehre im eigenen Fach. Im Unterricht zu "Consumer Behavior und Tourism Analytics" zeigte sich wiederholt, dass Studierende die Theorie zu Umfragen und Statistik zwar kannten, sie aber nicht sicher anwenden konnten. Statt das Problem improvisiert anzugehen, kam die "Evidence-Based Service Design"-Methode (EBSD) zum Einsatz – dieselbe Methode, die auch im Fach gelehrt wird.
Was EBSD ist – und warum es für die Lehre passt
EBSD ist ein strukturierter Design-Prozess, um Services entlang nachgewiesener Bedürfnisse zu entwickeln. Genau das lässt sich auf die Lehre übertragen: Eine Lehrveranstaltung ist letztlich ein Service, und ein didaktisches Problem ist ein nicht erfülltes Lernbedürfnis. Der Prozess folgt vier Schritten, die sich gut als Leitfragen formulieren lassen:
- Discover: Welche Verständnisprobleme bestehen tatsächlich?
- Define: Welches Lernbedürfnis bleibt dabei unerfüllt?
- Develop: Welche Lösung könnte dieses Bedürfnis befriedigen?
- Deliver: Welcher konkrete Service löst das Problem am effektivsten?
Der Reiz liegt darin, dass jeder Schritt auf Evidenz beruht – nicht auf Annahmen. Bevor eine Lösung entsteht, wird das Problem zuerst gründlich verstanden.
Wie die vier Schritte konkret umgesetzt wurden
Im Discover-Schritt sammelte die Lehrperson mündliches Feedback – aus der Consumer-Behavior-Klasse selbst und aus begleiteten Consultancy Projects – um herauszufinden, wo genau die Schwierigkeiten lagen. Häufig zeigten sich Unsicherheiten bei publizierten Skalen, bei statistischer Signifikanz und bei der Interpretation skalierter Daten. Einfachere Ursachen wie ein fehlender Zugang zu Lehrmaterialien liessen sich ausschliessen.
Im Define-Schritt wurde sichtbar, dass die Studierenden einzelne Schritte oft beherrschten – nur zu spät. Ein t-Test war rasch erklärt, wenn die Datenqualität bereits zu tief oder eine nötige Gruppierung in der Umfrage gar nicht angelegt war. Das eigentliche Problem lag nicht in den einzelnen Schritten, sondern in der fehlenden Verbindung zwischen ihnen. Fragebogendesign, Datenerhebung und Auswertung werden im Studium oft getrennt unterrichtet.
Im Develop-Schritt wurde eine erste Idee getestet: die Übung als Prüfungsleistung zu integrieren. Das funktionierte nur teilweise, weil echte Befragungen kaum Raum für Fehler und Wiederholung liessen und Beispieldatensätze meist zu «sauber» sind. Daraus entstand das präzisere Bedürfnis nach Datensätzen, die Studierende rasch selbst erzeugen können.
Im Deliver-Schritt entstand schliesslich die konkrete Lösung. Ein erster Anlauf über eine externe Plattform erwies sich als zu teuer und wenig praktikabel. Deshalb wurde ein eigenes, schlankes Werkzeug entwickelt, mit dem Studierende den gesamten Forschungsprozess von der Forschungsfrage bis zur Auswertung in kurzer Zeit mehrfach durchspielen können.
Was die Methode gebracht hat
Der eigentliche Gewinn liegt weniger im fertigen Werkzeug als im Vorgehen selbst. EBSD zwang dazu, ein vages «die Studierenden tun sich schwer» in ein klar benanntes Problem zu übersetzen, bevor überhaupt eine Lösung entstand. So wurde aus einem wiederkehrenden didaktischen Ärgernis ein konkretes Lehrartefakt – und nebenbei zeigte sich: Die Studierenden brauchten gar nicht mehr Theorie, sondern die Möglichkeit, den Prozess einmal am Stück zu erleben.
Das Beispiel zeigt, wie eine Fachmethode zum produktiven Werkzeug für die eigene Lehrentwicklung werden kann. Ein strukturierter Prozess hilft, didaktische Probleme systematisch statt intuitiv anzugehen.
Take-Aways
- Bevor eine Lösung entsteht, wird zuerst das Problem geklärt: EBSD trennt Discover und Define bewusst von Develop und Deliver.
- Gezieltes Feedback übersetzt vage Beobachtungen wie "es hakt irgendwo" in benennbare Lernbedürfnisse.
- Oft liegt das eigentliche Problem nicht in einzelnen Inhalten, sondern in der fehlenden Verbindung zwischen ihnen.
- Eine Methode aus dem eigenen Fach lässt sich oft auf die Gestaltung der Lehre übertragen – ein Blick darauf lohnt sich.
- Ein iteratives Vorgehen erlaubt den Start mit einer einfachen Lösung, die sich im Einsatz weiterentwickeln lässt.
Kontakt
Mauro Luis Gotsch
Dozent Institut für Tourismus und Freizeit (ITF)
E-Mail: mauroluis.gotsch@fhgr.ch