Wie lässt sich mit Studierenden über eine Zukunft diskutieren, die noch niemand kennt? Die Zukunftsbox Tourismus setzt genau hier an: Mit Trendkarten, Megatrendkarten, Wild Cards und Blickwinkelkarten entwickeln Lernende in Kleingruppen narrative Szenarien für den Tourismus im Jahr 2050 und verhandeln dabei Zielkonflikte, Werte und Handlungsoptionen. Entwickelt wurde das Format von Christian Baumgartner (FH Graubünden) und Helga Mayr (PH Tirol) in Anlehnung an die Zukunftsboxen des Futuriums Berlin.
Niederschwelliger Einstieg ins Thema Zukunftsforschung
Themen wie nachhaltige Entwicklung, Zukunftskompetenzen und Futures Literacy gewinnen in der Hochschullehre an Bedeutung, gerade dort, wo Studiengänge sich mit Tourismus, Regionalentwicklung oder Nachhaltigkeit befassen. Die Zukunftsbox bietet einen niederschwelligen Einstieg: Sie verlangt keine vertieften Vorkenntnisse zu Zukunftsforschung, aktiviert Gruppenarbeit statt Frontalunterricht und macht abstrakte Konzepte wie Zielkonflikte oder Nachhaltigkeitsdimensionen an konkreten Szenarien erlebbar. Für Lehrpersonen, die neue Formate für Diskussion und Perspektivenwechsel suchen, liefert die Zukunftsbox eine fertige, wissenschaftlich fundierte Grundlage.
Wie die Methode funktioniert
Der Einsatz gliedert sich in mehrere Bausteine, die sich flexibel kombinieren lassen:
- Trendkarten beschreiben mögliche Entwicklungen in Bereichen wie Mobilität, Reisemotive oder Arbeitsbedingungen. Gruppen von vier bis sechs Lernenden kombinieren mehrere Karten zu einem gemeinsamen Zukunftsszenario.
- Megatrendkarten erweitern den Blick auf übergeordnete Entwicklungen wie Klimawandel oder Digitalisierung.
- Wild Cards bringen unerwartete Ereignisse ein, etwa politische Krisen, und prüfen so die Robustheit der Szenarien.
- Blickwinkelkarten lassen Lernende die Perspektive wechseln, zum Beispiel die von Touristiker:innen, Gästen oder der lokalen Bevölkerung, und machen so unterschiedliche Interessenlagen sichtbar.
Für ein Minimalformat reichen rund zwei Unterrichtsstunden, mit Vertiefungsmodulen sind drei bis vier Stunden empfehlenswert. Der Ablauf reicht von einer kurzen Positionierung im Raum über die Szenarienentwicklung bis zur gemeinsamen Reflexion. Wer die Methode ausprobieren möchte, kann Wunschszenarien im Anschluss auch mit "Backcasting" (Rückwärtsplanung) verknüpfen und daraus konkrete Handlungsschritte für die Gegenwart ableiten.
Feedbacks aus der Erprobung
Zwischen Mai 2023 und März 2024 wurde die Zukunftsbox mit Studierenden an der PH Tirol sowie an Schulen der Sekundarstufe II erprobt, mit Rückmeldungen von 34 SchülerInnen und 39 Lehramtsstudierenden. Die Befragten bewerteten insbesondere die wahrgenommene eigene Kompetenz im Umgang mit dem Material und das Interesse am Thema positiv, während negative Emotionen und Langeweile gering ausgeprägt waren. In den offenen Rückmeldungen wurde die Arbeit mit den Trendkarten häufig als aktivierend und diskussionsfördernd beschrieben.
Take-Aways
- Kartenbasierte Szenarioarbeit macht abstrakte Zukunftsfragen konkret diskutierbar, auch ohne Vorwissen zur Zukunftsforschung.
- Der Perspektivwechsel über Blickwinkelkarten bringt Zielkonflikte und unterschiedliche Interessenlagen greifbar auf den Tisch.
- Bereits ein Minimalformat von zwei Stunden lässt sich ohne grossen Vorbereitungsaufwand in bestehende Module integrieren.
- "Backcasting" eignet sich als Anschlussformat, um von Zukunftsbildern zu konkreten Projektideen in der Gegenwart zu gelangen.
Weiterführende Links und Ressourcen
- Materialien der Zukunftsbox Tourismus (kostenfreier Download, CC BY-SA, inkl. Anleitungen):
↗ https://responseandability.com/bildung/zukunftsbox - Wer die physischen Karten lieber in der Hand hält statt selbst auszudrucken, kann die Zukunftsbox (Deutsch/Englisch) bei Prof. Dr. Christian Baumgartner am ITF ausleihen
- Mayr, H. & Baumgartner, C. (2026): Zukunft gestalten lernen: Die Zukunftsbox Tourismus als Werkzeug für den GW-Unterricht. In: GW-Unterricht 182 (2/2026), S. 60–70. DOI:
↗ https://doi.org/10.1553/gw-unterricht182s60
Kontakt
Prof. Dr. Christian Baumgartner, Institut für Tourismus und Freizeit (ITF)
↗ christian.baumgartner@fhgr.ch
Ausblick
Christian Baumgartner arbeitet zusammen mit Helga Mayr bereits an einer Weiterentwicklung: der Zukunftsbox Future Business. Ein erster Test ist im Rahmen der PRME-Konferenz im September 2026 vorgesehen, im Anschluss wird das Format finalisiert. Ab November 2026 soll dann auch diese Box zum Download bereitstehen.