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Zwi­schen Zweifel, Spiel­box und SRG- För­de­rung: Léonie Schaub im Ge­spräch


Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Lehrprojekt zuerst komplett scheitert – und daraus am Ende ein gefördertes Projekt, eine eigene Produktidee und sogar eine neue Stelle entsteht? Léonie Schaub, Absolventin des Studiengangs Multimedia Production (MMP) an der FHGR, erzählt im Interview offen von Druck, Umwegen, Durchbrüchen und davon, warum sie rückblickend (fast) alles genau so wieder machen würde.

Léonie, versetzen wir uns zurück an den Anfang: Bachelorsemester, leeres Blatt, viele Erwartungen. Was ging dir damals durch den Kopf?

Ich wusste relativ früh, in welchem Bereich es mit meiner Bachelorarbeit gehen sollte: Bildung. Da ich in der Vergangenheit bereits in diesem Bereich gearbeitet habe, wollte ich nun herausfinden, wie sich Multimedia Production darin auswirken kann. Was genau mein Thema werden würde, wusste ich jedoch lange nicht. Das hat mich am Anfang sehr gestresst, weil andere schon sehr konkrete Ideen hatten. Ich wusste lediglich: Vielleicht etwas mit Bildung. Oder KI. Mehr nicht.

Im Nachhinein würde ich sagen: Das reicht völlig für den Start. Man muss nicht alles von Anfang an wissen.

Deine Arbeit bliebt danach auch bei diesen Themen: KI und Lernen. Wie ist daraus ein konkretes Projekt entstanden?

Das war ein langer Weg! "lacht" Ich hab mich irgendwann konkret für das Thema entschieden und dann einfach mal ausprobiert. Ursprünglich wollte ich einen Workshop zu KI-Tools machen. Das erschien mir die plausibelste Idee. Meine Betreuerinnen haben aber ziemlich klar gesagt: nett, aber zu wenig spannend. Das war im ersten Moment frustrierend, aber extrem wichtig.

Dann kam die nächste Idee, die ziemlich lang dominierte: ein Escape Room zu KI. Klang mega cool – aber ehrlich gesagt hatte ich damals noch keine Ahnung, wie ich das umsetzen soll. Ich habe es trotzdem ins Proposal geschrieben und allen davon erzählt. Alle fanden es toll, und ich dachte nur: Ja… und jetzt? Daraufhin habe ich angefangen, eine konkrete Umsetzung herauszuarbeiten, hab mit verschiedenen Parteien gesprochen, die Erfahrungen mit Escape Rooms haben und meinen ersten Testlauf geplant. .

Léonies Input: Das Dilemma der richtigen Referierenden

Der Ansatz der richtigen Wahl für die Referent*innen war bei uns allen komplett unterschiedlich. Einige agierten aus Sympathie und wählten Personen, welche sie bereits gut kannten. Andere gingen strikt nach Fachbereich. Bei mir war es eine Mischung aus beidem. Ich wählte Elke Schote als Hauptreferentin, die ich bislang nicht kannte, von der ich aber wusste, dass sie viel Erfahrung im Bereich Lern- und Lehrformate hat. Menschlich hat es dann auch super gepasst, aber im ersten Schritt ging es mir um ihre Expertise. Meine weitere Wahl fiel auf Nathalie Fritz, die ich als Mensch sehr sympathisch fand und immer sehr ausführlich Feedback im Ethik Unterricht gab. Diese Kombination funktionierte für mich und mein Thema, während es für andere wohl nicht funktioniert hätte. Die Frage ist also weniger, wer ist richtig, sondern mehr, wer funktioniert für mich.

Dieser erste Testlauf war der Wendepunkt, welcher das Projekt nochmals komplett umwandelte. Was ist passiert ?

Ich habe einen physischen Escape Room getestet und, na ja, er ist wirklich komplett gescheitert. Die Lernenden haben Dinge interpretiert, die gar nicht Teil des Spiels waren, haben Hinweise ignoriert, Abkürzungen genommen oder waren schlicht verwirrt. Meine ganze Intention kam überhaupt nicht an.

Ich bin nach Hause gegangen mit einem Notizbuch voller Fehler und war deprimiert und genervt. Das war im April. Ich habe danach wochenlang nichts am Lehrprojekt gemacht und mich nur auf die Thesis konzentriert. In solchen Momenten hat es geholfen, an "zwei" Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Du wirst der einen Seite überdrüssig oder kommst nicht weiter, also machst du davon eine bewusste Pause und kümmerst dich ums Andere.

Diese Balance zwischen Thesis und Lehrprojekt ist bekanntlich auch immer schwierig zu finden. Wie bist du die Aufgabe angegangen?

Zuerst habe ich die Masterarbeit meiner Kollegin durchgelesen, um ein besseres Verständnis für den Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit zu erhalten. Da ich im dritten Semester im Ausland war, hatte ich das wissenschaftliche Schreiben während dem Studium verpasst und musste diese Lücke zuerst füllen.

Danach recherchierte ich und erstelle ziemlich früh meine Umfrage, da ich die Erkenntnisse daraus für mein Lehrprojekt nutzen konnte. Im Nachhinein habe ich später im Prozess noch viele zusätzliche Quellen gefunden, die mir auch für die Umfrage geholfen hätten, aber das ist wahrscheinlich immer so.

Nach der Umfrage folge die Auswertung und dann eine Fokusphase mit dem Lehrprojekt. Nach besagtem Testlauf startete ich dann mit dem Schreiben der Thesis und empfand dort die grösse Herausforderung darin, einen sinnvollen Ablauf der Themen auszuarbeiten und die Informationen auf das Nötigste zu beschränken. Gerade im KI-Gebiet kamen nämlich fortlaufend neue Papers dazu. Insgesamt war es also ein bisschen ein hin und her zwischen den beiden Projekten.

Du hast vorhin erzählt, du bist an einen Tiefpunkt mit deinem Lehrprojekt nach deinem ersten Testlauf gekommen. Wie hast du den Wiedereinstieg geschafft?

Einerseits: Diesen ersten Testlauf habe ich relativ früh gemacht. So frustrierend der Moment auch war, ich hatte noch Zeit, alles neu zu denken. Ich habe mir diese Zeit auch genommen und war froh, dass ich sie in der Zwischenzeit produktiv nutzen konnte.

Initial habe ich den Faden vom Lehrprojekt wieder aufgenommen, weil ich einfach musste. Inzwischen war es Mai, und nebst dem Abgabetermin standen für mich fixe Termine für weitere Testings an, ebenso wie Termine mit meinen Betreuer*innen. Mir ist dabei wieder mal aufgefallen: Ich funktioniere mit Druck am besten. Deadlines, fixe Testtermine, Verbindlichkeiten mit anderen Menschen – das macht mich produktiv.

Der Austausch mit anderen aus der Klasse hat mir auch extrem geholfen. Wir haben uns einmal im Monat auf freiwilliger Basis getroffen, gemeinsam gearbeitet, uns ausgetauscht. Zu sehen, wo andere stehen, war für mich motivierend, nicht blockierend. Vor allem am Anfang war der Austausch für mich sehr wichtig. Gegen Ende haben wir meistens einfach nebeneinander gearbeitet. Unsere Ansätze waren klar, und in Krisen konnte man sich gegenseitig antreiben.

Aus dem gescheiterten Escape Room wurde am Ende eine Escape Box. Wie kam dieser Wendepunkt?

Nach dem ersten Test war klar: Ein Raum funktioniert nicht. Zu viele Ablenkungen, zu wenig Kontrolle. Nach einer Brainstorming Session mit meiner Schwester kam mir die Idee: Eine Box – ähnlich wie diese Exit-Games.

Das war ein Gamechanger. Keine Ablenkung durch den Raum, klar strukturierte Inhalte, wieder verwendbar. Und dank der Umfrage, die ich vorher gemacht hatte, wusste ich genau, welche Themen reinmüssen: Datenschutz, Ethik, Reflexion – und nicht einfach nur „coole Tools“.

Es war ein grosser Prozess, der sich immer weiter entwickelt hat. Wenn man es genau nimmt, wusste ich also erst im Mai, was ich wirklich als Lehrprojekt machen wollte. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es das richtige war. Dann ging es ans testen, ausarbeiten und verfeinern.

Dein Projekt wurde ja durch die SRG-Förderung unterstützt. Wie kam es dazu?

Die Bewerbung dafür war eigentlich ziemlich unspektakulär "lacht". Ich dachte mir, ich habe nichts zu verlieren. Ich wusste lange gar nicht, dass es diese Förderung gibt. Als ich davon gehört habe, habe ich einfach eingereicht. Zu Beginn war ich auch unsicher, ob sich das Projekt überhaupt für die Förderung eignen würde, da es schliesslich kein Film war. Als ich die Bestätigung bekam, war ich im ersten Moment selbst etwas überrascht, habe mich aber auch gefreut.

Die beiden MMP Studentinnen Elina Preisig (links) und Léonie Schaub (Mitte) gemeinsam mit Ka-Ren Wang (rechts), Verantwortlicher des SRG Förderprogramms
War der zusätzliche Druck durch die Förderung eher Belastung oder Chance?

Beides. Ich habe den Druck am Anfang gar nicht gesehen. Erst später kam dieses Gefühl: Ich habe hier eine riesige Chance, mache ich genug daraus? Der Druck kam dabei hauptsächlich von mir selbst. Von SRG-Seite war alles sehr entspannt. Aber die Förderung hat mir ermöglicht, gross zu denken: Die Box professionell produzieren zu lassen, eine Webseite aufzubauen, Ressourcen zu entwickeln.

Ohne das Geld hätte ich vieles entweder gar nicht oder viel später gemacht. Heute bin ich extrem froh darum.

Dein Projekt endete nicht mit der Abgabe. Was geschah nach der Abgabe?

Durch die Bachelorarbeit habe ich Workshops gegeben, Schulungen durchgeführt, Kontakte geknüpft. Für mich fühlt es sich trotz der Abgabe ein bisschen so an, als würde das Projekt erst richtig anfangen. Ich habe intensiv daran gearbeitet, die Webseite zu erweitern und bin gerade dabei, herauszufinden, wie ich die Box am besten vermarkten kann. Das ist noch etwas ausserhalb meiner Kernkompetenzen aber eine spannende Herausforderung. Es fühlt sich ziemlich gross an, aber es macht auch unglaublich Spass und erstaunt mich immer wieder, was es alles für Möglichkeiten gibt. Man muss sich nur trauen.

Nebst dem kam die Rektorin des KV Basel auf mich zu mit einem Jobangebot. Ich habe dort eine Weiterbildung zu KI für Lehrpersonen gehalten. Es wurde eine neue Stelle für mich geschaffen, in der es genau um das geht: KI und digitale Tools sinnvoll in die Ausbildung zu integrieren. Es ist im Grunde eine direkte Weiterführung meiner Bachelorarbeit.

Gratuliere dazu! Dann bleibt nur noch eine letzte Frage: Was würdest du Studierenden mitgeben, die jetzt vor ihrer Bachelorarbeit stehen?

Wenn ihr die SRF Förderung in Erwägung zieht: Wieso nicht? Mehr als Probieren könnt ihr nicht. Habt keine Angst davor, euer Thema im Prozess zu finden. Der Weg darf sich ändern. Testet früh, auch wenn es schief geht. Scheitern ist kein Zeichen von Versagen, sondern ein Schritt weiter zur Lösung.

Und: Vertraut eurem eigenen Weg und dem, was ihr braucht und für euch funktioniert. Für mich war die grösste Hilfestellung, verbindliche Termine mit Betreuer*innen oder externen Personen festzulegen. Dennoch war mein eigener Prozess manchmal chaotisch und frustrierend , aber er hat für mich gepasst und mich nun an einen Ort gebracht, den ich zu Beginn der Bachelorarbeit noch nicht mal für möglich hielt.

Schön gesagt. Danke vielmals für deine Einblicke Léonie und für die Zukunft weiterhin alles Gute! Wir sind gespannt, wie es bei dir weitergehen wird.

Das Interview fand zwischen Anouk Rudin / Projektmitarbeiterin FHGR und Léonie Schaub / MMP Studierende JG22 statt.

Im Multimedia Production (MMP) Studiengang der FHGR erlernen die Studierende die Konzeption und Produktion multimedialer, ebenso wie interaktiver Inhalte. Die Bachelorarbeit im sechsten Semester besteht aus zwei Teilen: Bachelor - Thesis (theoretisch) und Bachelor - Arbeit (praktisch).

Die SRG Förderprojekte erfolgt im Rahmen einer Koproduktion zwischen der FHGR und der SRG und unterliegenden geltenden Regelungen des Pacte de l'audiovisuel.

Ausgabedatum: 02.03.2026

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