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Zwi­schen Studium und Eu­ro­vi­si­on: Mein ESC-Fie­ber­traum

Ein Pitch, zwei Live-Events, 180 Millionen Zuschauer:innen – und wir mittendrin. Was als scheinbar normales Studienprojekt begann, entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer der intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Zwischen Euphorie, Überforderung und Gänsehautmomenten wurde der ESC 2025 für mich zu einem echten Fiebertraum.

Ein Bericht aus der Perspektive von Simone Reinhard

Ich weiss noch genau, wie alles angefangen hat. Eine Mail von meinem Dozent Roland Köppel – kurz, sachlich, fast schon beiläufig formuliert. Ob ich mir grundsätzlich vorstellen könnte, bei einem ESC-Projekt mitzuarbeiten und beim Konzept sowie Pitch zu unterstützen. So, als wäre das etwas ganz Normales. Ich habe nicht lange überlegt. Ehrlich gesagt habe ich sofort zugesagt – noch bevor ich die Mail überhaupt fertig gelesen hatte. Es war mehr ein Bauchgefühl als eine bewusste Entscheidung. Direkt danach habe ich meine Mutter angerufen. Ich weiss noch, wie ich ihr völlig aufgeregt davon erzählt habe, ohne eigentlich selbst zu wissen, was da genau auf mich zukommt.

Was dieses Projekt wirklich bedeutet, habe ich erst in den darauffolgenden Wochen realisiert. Zu diesem Zeitpunkt war ich im 5. Semester. Und plötzlich stand ich vor einer Aufgabe, die alles, was ich bisher im Studium gemacht hatte, in den Schatten stellen würde.

Plötzlich Produktionsleiterin

Was meine Rolle als Produktionsleiterin bei diesem Projekt konkret bedeutet, war mir am Anfang allerdings alles andere als klar. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Und trotzdem war sofort dieses Gefühl da: Das ist eine riesige Chance. Relativ schnell hat sich herauskristallisiert, wo mein Fokus liegen würde. Die organisatorischen Themen – Budget, Logistik, Hotelbuchungen – wurden von unserer Projektleiterin und Dozentin, Flavia Bernold, übernommen. Darüber war ich ehrlich gesagt ziemlich froh. Denn so konnte ich mich voll und ganz auf den kreativen Teil konzentrieren.

Wie gestalten wir eine halbstündige Live-Show, die international ausgestrahlt wird? Wie schaffen wir es, dass sie sowohl vor Ort als auch am Bildschirm funktioniert? Wie erzählen wir eine Geschichte, die hängen bleibt? Und ganz grundsätzlich: Was können wir als Studierende besonders gut – und wie setzen wir genau das gezielt ein?

Gleichzeitig wurde mir sehr schnell bewusst, dass dieses Projekt eine ganz andere Dimension haben würde. Grösser, komplexer, sichtbarer. Und mit dieser Dimension kam auch Verantwortung. Nicht nur für das Projekt selbst, sondern auch für das Team. Für Entscheidungen, die nicht immer allen gefallen würden. Für eine Dynamik unter Studierenden, die plötzlich von Hierarchien geprägt war. Und für die Frage, ob wir dem Anspruch gerecht werden können. Nicht nur für uns, sondern auch für die Schule und für alle, die nach uns kommen. Die Freude war riesig. Aber der Respekt war es auch.

Ein Pitch, der alles verändert

Der Pitch Ende November bei der SRG war unser erster grosser Meilenstein. Und gleichzeitig der Moment, in dem alles hätte enden können, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Wir hatten genau einen Tag Zeit. Einen einzigen Tag, um aus einer Idee ein Konzept zu entwickeln, das die SRG und die ESC-Verantwortlichen überzeugt. Wir haben uns eingeschlossen, gebrainstormt, diskutiert, verworfen, neu gedacht. Es war intensiv, chaotisch, kreativ – alles gleichzeitig.

Parallel dazu haben andere Studierende unsere Ideen visuell aufbereitet, damit wir sie im Pitch überzeugend präsentieren konnten. Der Pitch selbst fand online statt. Rund 15 Personen waren im Call. Wir haben unsere Idee präsentiert, unsere Vision erklärt, versucht zu zeigen, was wir können. Danach hiess es warten.

Die Rückmeldung wurde für den nächsten Abend angekündigt. Nach nicht einmal drei Stunden kam der Anruf.

Zusage.

Ich weiss noch genau, wie surreal sich dieser Moment angefühlt hat. Wir waren völlig überwältigt. Am liebsten hätten wir sofort gefeiert – gleichzeitig wussten wir: Jetzt geht es erst richtig los.

Zusage! Der Start einer Zusammenarbeit zwischen der FHHR und dem ESC

Realität trifft Konzept

Direkt nach der Zusage Ende November 2024 startete die Planung für den ersten Event: den Semi Final Draw Ende Januar. Dabei handelt es sich nicht nur um eine symbolische Stabsübergabe von der bisherigen Host-City an die neue, sondern auch um einen zentralen Moment für den Wettbewerb selbst – denn hier wird live ausgelost, welches Land in welchem Halbfinal und in welcher Reihenfolge auftreten wird.

Der erste Reality-Check kam schneller als erwartet. Beim Location-Visit im Kunstmuseum Basel trafen wir auf alle zentralen Stakeholder: Vertreter:innen der SRG, der EBU, der Stadt Basel, des Museums, der Technikpartner. Und plötzlich wurde klar: Unser Konzept ist ein Anfang, aber noch lange nicht das Endprodukt. Es folgten Anpassungen, Diskussionen, neue Anforderungen. Die EBU brachte ihre Richtlinien ein, die SRG ihre Vorstellungen. Was auf dem Papier gut funktioniert hatte, musste nun in der Realität bestehen. Parallel dazu begannen die konkreten Umsetzungen. Das Technik-Team entwickelte Pläne und Materiallisten. Auf meiner Seite ging es vor allem um Inhalte und Abläufe.

Wir planten Einspieler – darunter auch ein Video, das Basel als Host City inszeniert. Wir strukturierten die Show, legten Timings fest, probten Übergänge. Alles mit dem Ziel, eine exakte Punktlandung zu erreichen: 30 Minuten, nicht mehr, nicht weniger. Ein besonders prägender Teil war die Zusammenarbeit mit der Moderation. Mit Jennifer Bosshard zu arbeiten, war unglaublich spannend. Zu sehen, wie professionell sie arbeitet, welche Erwartungen sie hat und wie sie mit uns als Studierende interagiert, hat mir nochmals eine ganz neue Perspektive gegeben.

Aufnahme für Einspieler mit Jan van Ditzhuijzen

Technikprobe

Aufnahme für Einspieler

Technikprobe

Technikprobe

Technikprobe

Studium? Kurz pausiert.

In dieser Phase hat sich mein Alltag komplett verschoben. Das Studium war gefühlt auf Pause. Zum Glück hatte ich bereits viele Projekte abgeschlossen und die Semesterferien standen bevor. Das hat geholfen – zumindest ein bisschen. Denn Ferien waren es keine.

Vor allem in den letzten zwei Wochen vor dem Event habe ich praktisch durchgehend für den ESC gearbeitet. Tage sind ineinander übergegangen, Wochenenden haben sich nicht mehr wie Wochenenden angefühlt. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war die Energie im Team unglaublich.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Was mich besonders überrascht hat, war die Zusammenarbeit mit der SRG und der EBU. Wir wurden ernst genommen. Von Anfang an. Natürlich gab es Erwartungen. Aber es war auch ein grosses Vertrauen da. Uns wurden Coaches zur Seite gestellt, die uns unterstützt, gefordert und gleichzeitig motiviert haben. Für mich persönlich waren Chantal Walser und Anders Lenhoff unglaublich wichtig. Sie haben mir Sicherheit gegeben – gerade in Momenten, in denen ich selbst gezweifelt habe.

Bei anderen Stakeholdern musste ich mir diese Anerkennung zuerst erarbeiten. Am Anfang wurde oft eher auf die Dozierenden gehört als auf mich. Doch je länger wir zusammenarbeiteten, desto mehr hat sich das verändert. Und genau da habe ich gemerkt: Man muss sich nicht laut durchsetzen, aber man muss klar sein.

Teamdynamik unter Druck

Wir starteten als kleines Kernteam. Mit klaren Rollen, kurzen Wegen und schnellen Entscheidungen. Mit der Zeit wurde das Team grösser. Für die Umsetzung brauchten wir Kameraleute, Regieassistenz, zusätzliche Unterstützung in verschiedenen Bereichen. Es kamen immer mehr Studierende dazu und damit veränderte sich auch die Dynamik. Plötzlich gab es Hierarchien unter uns. Etwas, das sich im Studium sonst oft eher flach anfühlt, wurde hier notwendig. Entscheidungen mussten schnell getroffen werden. Diskussionen konnten wir uns oft schlicht nicht leisten. Natürlich hat das auch zu Reibungen geführt. Es gab Momente, in denen man sich gegenseitig vor den Kopf gestossen hat. Aber gleichzeitig war da immer ein Grundvertrauen. Wir wussten: Wir ziehen am gleichen Strang.

Der Tag, an dem alles zusammenkommt

Der Eventtag des Semi Final Draws begann eigentlich schon am Vortag. Aufbau, letzte Vorbereitungen, letzte Anpassungen. Als wir spät abends im Hotel ankamen, war die Stimmung im Team unglaublich. Eine Mischung aus Vorfreude, Nervosität und Erschöpfung. Am nächsten Morgen ging es früh weiter. Proben, Durchläufe, Hair & Make-up für die Moderation, letzte Checks. Der Zeitplan war durchgetaktet. Und dann kamen die Gäste. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr genau, was mir an diesem Tag alles durch den Kopf ging. Ich habe einfach funktioniert. Und gleichzeitig versucht, den Moment irgendwie wahrzunehmen. Während der Show sass ich bewusst im Publikum. Nicht in der Regie. Ich wusste: Jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand. Also habe ich mich entschieden, die Perspektive zu wechseln und die Übertragung irgendwie zu geniessen. Der erste Teil der Show war anspruchsvoll: Viele Einspieler, viele Übergänge. Danach, bei der eigentlichen Ziehung, konnte ich zum ersten Mal kurz durchatmen.

Instagram Reel zum Semi Final Draw

Der Moment danach

Als die Übertragung vorbei war, habe ich neben der Bühne Chantal Walser gesehen. Sie stand da, schaute mich an, hat applaudiert – und geweint. In diesem Moment ist bei mir alles hochgekommen. Die Anspannung, der Druck, die Wochen davor. Alles ist abgefallen. Wir haben es geschafft. In dieser kurzen Zeit. Mit diesem Team.

Backstage sind wir uns alle in die Arme gefallen. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Simone koordiniert auf der Bühne letzte Punkte vor Start der Live Übertragung

Das Team nach erfolgreicher Durchführung der Live Übertragung vom Semi Draw

Und dann wurde es erst richtig gross

Nach dem Event dachte ich kurz: Jetzt wird es ruhiger. Wurde es nicht.

Direkt danach startete das nächste Projekt: Die live Übertragung der Opening Ceremony & Turquoise Carpet im Mai – der offizielle Startschuss des Eurovision Song Contest. Dabei liefen alle Delegationen über den sogenannten Turquoise Carpet – quasi das ESC-Pendant zum roten Teppich – und wurden entlang einer rund 1,3 Kilometer langen Strecke durch die Basler Altstadt gefeiert. Vom Rathaus über die Mittlere Brücke bis zur Messe entstand dabei eine riesige Parade mit Oldtimer-Trams, Musikgruppen, Tänzer und tausenden Zuschauer. Am Ende folgt in der Messe Basel ein Bühnenprogramm mit Interviews der Delegationen.

Und für uns bedeutete das vor allem eines: Alles wurde etwa dreimal so gross. Dreimal so viele Menschen, dreimal so viel Koordination, dreimal so viel Verantwortung.

Allein die Moderation zeigte das schon: Zwei Kommentatoren für den Stream, eine Moderation auf der Bühne in der Messe und eine weitere beim Rathaus als Startpunkt der Parade – alles musste parallel geplant, betreut und technisch eingebunden werden.

Wir entwickelten ein Setup mit drei Regien, mehreren Live-Teams entlang der Strecke und zusätzlichen Reportage-Teams. Inhalte wurden live produziert, geschnitten und direkt in die Hauptregie eingespeist. Damit das funktioniert, brauchte es nicht nur einen extrem guten Plan, sondern vor allem eines: Vertrauen in ein Team von rund 50 Studierenden.

Kontrollverlust am ESC – und genau darin liegt die Magie

Der Eventtag selbst war überwältigend. Basel war voll. Die Energie war spürbar. Überall Menschen, überall Bewegung. Und dann: Probleme. Kameras gingen verloren. Delegationen verspäteten sich. Politische Kundgebungen mussten beobachtet werden. Und nach etwa zehn Minuten war unser Regieplan eigentlich hinfällig. Die nächsten eineinhalb Stunden waren pure Improvisation. Ich war komplett im Tunnel. Habe funktioniert, reagiert, entschieden. Heute habe ich fast ein Blackout von dieser Zeit. Und trotzdem hat es funktioniert. Irgendwie sogar sehr gut.

Simonne Reinhard während letzter Absprachen vor der ESC Opening Ceremony

Was bleibt

Wenn ich heute zurückblicke, bleibt vor allem eines: ein Gefühl. Ein Gefühl von Zusammenhalt, von Vertrauen, von „wir schaffen das – egal wie“. Diese Projekte haben in mir etwas ausgelöst. Ich habe gemerkt, dass Live meine Welt ist. Diese Energie, dieser Druck, dieser eine Moment, in dem alles zusammenkommt – das ist schwer zu beschreiben, aber unglaublich intensiv. Und wenn ich heute daran denke, fühlt es sich an, als wären wir für einen kurzen Moment Teil von etwas ganz Grossem gewesen.

Ein Fiebertraum – im besten Sinn

Wenn ich diese Zeit in ein Wort fassen müsste, wäre es: Fiebertraum. Ein intensiver, chaotischer, wunderschöner Fiebertraum. Und ich würde jederzeit wieder Ja sagen.

Simone Reinhard (MMP-Jahrgang 2022) hat im Großprojekt „FHGR x ESC” die Produktionsleitung bei den Semi-Final-Draws und der Live-Übertragung der Eröffnungsfeier und des „Turquoise Carpet” übernommen. Nach Abschluss des MMP-Studiums arbeitet Simone inzwischen als Event- und Marketingmanagerin beim Technologie Forum Zug und unterstützt den Major Live Communications des MMP-Studiengangs der FHGR als Lehrbeauftragte.

Ausgabe: Mai 2026

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