Wie drei Studentinnen ihre eigene TV-Sendung auf die Beine stellten und was zukünftige Studierende daraus lernen können. Laila Keller, Jennifer Derrer und Tabea Ramisberger – die Macher*innen hinter einem Grossprojekt, welches die Medienlandschaft von morgen thematisiert.
Bericht aus einem Gespräch zwischen Anouk Rudin, Tabea Ramisberger und Jennifer Derrer.
«Als ich da im Stuhl gesessen hatte und mich das erste Mal im Spiegel ansah, dachte ich, da sässe ein anderer Mensch!» Jennifer Derrer lacht, als sie sich an diesen Moment erinnert. Sie spricht vom ersten Drehtag von Medienmacher*innen. Dieser Tag liegt bereits einige Wochen zurück. Drei der neun geplanten Berichte der Sendungsreihe sind zum Zeitpunkt dieses Gesprächs bereits ausgestrahlt worden. Die beiden Studentinnen Tabea Ramisberger und Jennifer Derrer nehmen mich nochmal mit zurück auf die Reise, welche drei MMP Studentinnen zu ihrer eigenen TV–Sendung geführt haben.
Die Idee einer Sendung entstand ursprünglich in einem Gespräch zwischen Prof. Merle Jothe (Modulleitung Audiovisuelles Erzählen) und Stefan Nägeli (Leitung Somedia Bereich Audio und Video). Viel mehr als ein grober Rahmen stand zu Beginn nicht fest. Konzept, Inhalt und Umsetzung sollten von den Studierenden kommen. Jennifer erinnert sich an den Start: «Die Anfrage kam per Mail von Merle. Ich dachte, da melden sich bestimmt direkt mega viele Leute. Aber dann am ersten Meeting, sass ich allein da. Ich weiss noch, dass ich Merle gefragt habe, ob ich denn die Einzige war, die sich gemeldet hat». Kurz daraufhin konnte Jennifer aufatmen. Noch am gleichen Tag melden sich Tabea und Laila bei ihr bezüglich des Projekts. Das Team stand damit, und aus einer vagen Idee wurde ein ambitioniertes Projekt.
Die Studentinnen erhielten eine einzige Vorgabe: Die Einbindung der 5-minütigen Berichte, welche im zweiten Semester von AVE (Modul Audiovisuelles Erzählen) erstellt wurden. Alles andere - Konzeption, Design und Umsetzung der Sendung - lag in den Händen der Studentinnen.
Schnell war klar, dass die Sendung mehr sein sollte als eine Aneinanderreihung von Beiträgen. Die Sendung soll aktiv ausdrücken, was die Medienschaffenden von heute beschäftigt und damit gegen ein Vorurteil ankämpfen. «Ich glaube, als Gen Z werden wir oft ein wenig belächelt. Gerade auf dem Arbeitsmarkt. Dazu gibt es auch genügend Artikel. Wir wollten mit der Sendung zeigen, was uns wirklich wichtig ist», erklärt Tabea.
Ich glaube, als Gen Z werden wir oft ein wenig belächelt.
Tabea Ramisbergre / MMP Jahrgang 2024
So entstand das Konzept von Medienmacher*innen: Eine Sendung einer Generation, über eine Generation. Produziert für ein Medium, das sie selbst kaum konsumiert.
Machen
Die Idee war klar, aber der Weg dorthin noch lang. Das «Machen» hinter Medienmacher*innen wurde bald zu einem Balance Act für die drei Studentinnen. Denn parallel zu ihrem Grossprojekt lief das anspruchsvolle dritte Semester des MMP Studiums. Für eine längere Zeit fehlte zudem eine Deadline für die Ausstrahlung der Sendung. Das brachte Freiheiten, aber auch Herausforderungen.
«Man schiebt Dinge schneller auf, wenn kein fixer Termin da ist», sagt Jennifer. Das Team kreierte eine Routine für sich selbst, um kontinuierlich am Projekt arbeiten zu können. So entsteht Schritt für Schritt aus einzelnen Puzzleteilen eine vollständige Sendung. Während dem Prozess wurde immer deutlicher, wie komplex ein solches Projekt ist. «Es ist wirklich erstaunlich, was alles in eine Fernsehsendung einfliesst», erzähltTabea. «Wir haben ständig noch etwas gefunden, was berücksichtigt werden muss.» Den effektiven Drehtermin bei der Somedia finden die Studierenden schliesslich Anfang Februar. Eine Erleichterung, wie sie mir erzählen. "Denn wir hatten etwas, auf das wir hinarbeiten konnten."
Die Zusammenarbeit mit der Somedia stellte dabei eine zusätzliche Challenge dar. Denn nebst der einmaligen Möglichkeit der Zusammenarbeit, kam es öfters zu kommunikativen Herausforderungen. Trotz der nähe des Medienhauses, treffen hier zwei Welten aufeinander. So standen gewisse Dinge in einer langen Warteschlaufe, die innert Sekunden gelöst werden könnten. Der Rückblick der Studierenden hier ist pragmatisch: «Weniger Mails schreiben, oder wenn es geht, einfach kurz rauf gehen.»
Projekte ausserhalb des regulären Curriculums
Prof. Merle Jothe
Im Studiengang Multimediaproduction (MMP) arbeiten Studierende regelmässig mit externen Partner:innen zusammen. Diese Projekte ermöglichen es, praktische Erfahrungen unter realen Bedingungen zu sammeln, Verantwortung zu übernehmen und eigene Ideen umzusetzen.
Dabei entwickeln sie nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch Selbstvertrauen, Teamfähigkeit und ein Verständnis für professionelle Arbeitsprozesse – zentrale Fähigkeiten für den Einstieg ins Berufsleben
Nach wochenlanger Vorbereitung dann endlich der erste Drehtag im Studio. Die Highlights dieses Tages sind nebst dem professionellen Setting kleine, unerwartete Momente.
Für Jennifer tatsächlich die Maske. «Das klingt jetzt random, aber die Visagistin. Als ich da im Stuhl gesessen hatte und mich das erste Mal im Spiegel ansah, dachte ich, da sässe ein anderer Mensch». Für Tabea, die sich in der Regie befand, war es der erste Blick auf das grosse Ganze und den Stolz für die Arbeit ihrer Kolleginnen. «Die beiden haben das ultraseriös gemacht. Ich war einfach nur mega stolz auf sie.»
Doch nicht alles lief nach Plan. Besonders schmerzhaft: Das Intro, an dem das Team intensiv gearbeitet hatte, wurde kurz vor Ausstrahlung doch nur als Teaser verwendet und nicht wie geplant als Intro. Grund dafür: Am Schluss war der Clip doch zu lang. Ein frustrierender Moment für die Studentinnen. «Wahrscheinlich sind die Personen von der Somedia einfach davon ausgegangen, dass wir wissen, wie lange ein solches Intro sein soll. Das wussten wir aber schlicht nicht. Jetzt schon».
Man darf sich nicht scheuen, auch mal nervig zu sein und doppelt nachzufragen.
Tabea Ramisberger / MMP Jahrgang 2024
Bei Grossprojekten während des MMP-Studiums kommt diese Frage immer wieder auf: Wie ist der richtige Umgang, wenn man noch im Studium ist, aber in einem professionellen Umfeld (mit)arbeitet? Ich habe nachgefragt. Tabeas Einschätzung ist schlicht, aber konkret: «Ich glaube, man darf sich nicht scheuen, auch mal nervig zu sein und doppelt nachzufragen.»
Ursprüngliches Intro (mit Stimmen von Mitstudierenden)
Gekürztes Intro
Mehr zum Intro und dem Prozess dahinter findest du im Digezz Beitrag der Studierenden hier
Macher*innen
Für die saubere Umsetzung des Projekts wurden klare Unteraufgaben definiert, welche individuell von den Studentinnen ausgeübt wurden. Grössere Entscheidungen wurden im Plenum getroffen, in welchem vor allem die Kompromissbereitschaft grossgeschrieben wurde. Hier wird betont, dass eigene Ideen manchmal abgelegt werden müssen. Ganz nach dem altbekannten MMP-Motto: Kill your darlings.
Koordination des Projekt in Umsetzung und Planung übernahm Laila Keller. Sie agierte als primäre Schnittstelle zwischen der Somedia und den Studierenden, ebenso pflegte sie den Kontakt mit Merle Jothe zum Austausch. Bei der Produktion des Intros übernahm sie die Regie, während der Sendung war sie Teil des Moderationsteams zusammen mit Jenny. Ihre beiden Kolleginnen beschreiben den Bereich der Moderation «wie für Laila gemacht. Sie ist richtig aufgeblüht!»
Sounddesign wie auch Kamera war in Verantwortung von Tabea Ramisberger. Sie wagte sich ausserdem an die Animation des Intros, was ein bewusster Schritt ausserhalb ihrer Komfortzone war, jedoch auch eines der grössten Learnings. «Ich kannte After Effects lediglich aus dem Vorkurs im ersten Semester und musste mir am Intro ganz schön die Zähne ausbeissen. Ich habe es als Möglichkeit genutzt, mich etwas mehr in den Bereich vertiefen zu können.» Während der Aufnahmen befindet sich Tabea in der Regie und koordiniert die Einspieler. Ein Highlight für sie war, das erste Mal ihre beiden Kolleginnen vor der Kamera stehen zu sehen und mit ihren Job «absolut seriös abzuliefern».
Alles, was du vor der Post regeln kannst, machst du vor der Post.
Jennifer Derrer / MMP Jahrgang 2024
Auch Jennifer Derrer wagte sich an eine neue Challenge und übernahm die Verantwortung des Tons während der Aufnahme des Intros und die darauffolgende Postproduktion. Bei der Frage nach Learnings aus dem ganzen Prozess kommt ihre Antwort ziemlich schnell: «Licht. Alles, was du vor der Post regeln kannst, machst du vor der Post». Später führt sie aus, dass während der Aufnahme des Intros mit natürlichem Licht gearbeitet wurde und durch die Länge des Drehs die Lichtsettings – trotz bewölktem Wetter – unglaublich unterschiedlich waren und schwer in der Postproduction auszubessern waren. Weiter war Jennifer nebst Laila im Moderationsteam und stellte sich der Challenge, im richtigen Moment in die richtige Kamera zu schauen.
Medienmachacher*innen
Insgesamt wurden neun Folgen von den drei Studentinnen aufgenommen und auf den Kanälen von der Südostschweiz ausgestrahlt. Jede Ausgabe der Sendereihe präsentierte einen Filmbericht, der im Rahmen des Moduls «Audiovisuelles Erzählen» bei Prof. Merle Jothe im zweiten Semester entstanden ist. Die beiden Moderatorinnen Jennifer Derrer und Laila Keller setzten die jeweiligen Themen in einen grösseren Kontext.
Nebst dem Kernteam waren über zehn weitere Studierende bei der Produktion des Intros, wie auch der Sendung selbst beteiligt. Dieser Support bedeutet den Studentinnen besonders viel. «Es war so schön zu sehen wie involviert alle waren. Ohne diese Unterstützung hätten wir das Projekt nicht so umsetzen können. Nebst unseren Studienkolleg*innen haben auch unsere Familien regelmässig an einem Donnerstagabend eingeschalten, um die Sendung mitverfolgen zu können.»
Die Macherinnen der Sendung Medienmacher*innen blicken zufrieden auf ihr Projekt zurück. Was nehmen sie für sich selbst mit? «Wir schauen jetzt mehr lineares Fernsehen», erzählen sie mit einem Schmunzeln. «Unter anderem auch, weil wir jetzt mehr Verständnis dafür haben, was alles hinter einer solchen Fernsehsendung steckt.»
Wenn jemand sagt, man hätte die Möglichkeit, eine Fernsehsendung von null auf zu machen, dann ist das eine einmalige Gelegenheit.
Tabea Ramisberger / MMP Jahrgang 2024
Sie drücken den Wunsch aus, dass eine nächste Generation das Projekt weiterführt. «Das muss auch nicht unser Format sein. Es wäre toll, wenn es sich stattdessen mit der neuen Generation weiterentwickeln würde.»
Ihre Tipps an diese nächste Generation: Strukturiert und regelmässig arbeiten, eigene Deadines setzen, nicht im Perfektionismus versinken. Und vor allem; Nicht alles auf einmal machen, sondern in Etappen entstehen lassen. Die Frage der Motivation für das Projekt ist einfach: «Wenn jemand sagt, man hätte die Möglichkeit eine Fernsehsendung von null aufzumachen, dann ist das eine einmalige Gelegenheit. Das bekommst du nicht oft.»
Dieser Artikel wurde von Anouk Rudin / FHGR Projektmitarbeiterin auf Basis eines Gesprächs mit Tabea Ramisberger und Jennifer Derrer (MMP Jahrgang 2024) verfasst.
Das Projekt Medienmacher*innen wurde im Rahmen des Moduls «Konvergentes Produzieren» von den Studierenden Jennifer Derrer, Tabea Ramisberger und Laila Keller (MMP Jahrgang 2024) erstellt. In den Digezz Beiträgen "Vom Brainstorming ins Studio: So entsteht unser Format bei TV-Südostschweiz" und "Premiere bei TV Südostschweiz: Medienmacher:innen geht auf Sendung" kann mehr dazu nachgelesen werden."
Das Projekt wurde inniziert von Prof. Merle Jothe (Modulleiterin Audiovisuelles Erzählen ) und Stefan Nägeli (Ansprechpartner Somedia)
April 2026