Zwischen Kabelsalat, Kommentatorenpult und Teamgeist: MMP-Studierende der FH Graubünden wagten sich an eine echte Live-Produktion – und lernten dabei mehr über Zusammenarbeit, Verantwortung und Nervenstärke als in jedem Unterrichtsraum.
Ein Knopfdruck, und es gibt kein Zurück
Die Kameras laufen. Auf dem Bildschirm flackert das Logo des EHC Arosa, draussen hallen Schlittschuhkanten über das Eis. In der Regie sitzt Carina, Kopfhörer auf, Finger über dem Mischpult. Noch zehn Sekunden. Dann ein leises „Wir sind live“ – und plötzlich zählt jede Bewegung, jedes Wort, jeder Klick.
„Das erste Mal war einfach nur Wahnsinn“, erinnert sich Carina. „Ich wusste, wie eine professionelle Produktion aussieht – aber dass wir das als Studierende wirklich hinbekommen, war fast unglaublich.“
Neben ihr kommentiert Moritz den Spielverlauf. Seine Stimme ist ruhig, routiniert, aber in Wahrheit klopft das Herz schneller als der Puls des Spiels. „Ich war überfordert. Es war live – und du weisst, jetzt zählt’s. Kein zweiter Versuch.“
Ein Projekt, das mit einer Mail begann
Angefangen hat alles unscheinbar: mit einer Mail von Marius Hagger, Dozent im Studiengang Multimedia Production (MMP) an der FH Graubünden. „Das war zu Beginn der Semesterferien im Sommer, als plötzlich das Angebot kam“, erzählt Moritz. „EHC Arosa sucht Studierende für Liveübertragungen. Ich dachte zuerst: cool – aber auch riesig.“
Hagger, der das Projekt an die Studierenden herantrug, sah darin eine echte Chance: „Jahr für Jahr stossen über 120 neue MMP-Studierende dazu. Das kreative Potenzial ist enorm – doch vieles landet ungesehen auf Festplatten. Solche externen Projekte machen sichtbar, was Studierende leisten können.“
Jahr für Jahr stossen über 130 neue MMP-Studierende dazu. Das kreative Potenzial ist enorm – doch vieles landet ungesehen auf Festplatten. Solche externen Projekte machen sichtbar, was Studierende leisten können.
Marius Hagger / Modulleiter Medienbetriebswirtschaft
Neun Studierende aus verschiedenen Semestern fanden sich schliesslich zusammen – spontan, motiviert, neugierig. Unter ihnen Carina Bihlmayer, Moritz Kappeler, Nadja Siegrist, Hannah Jule Buchmann, Aurora Schulte, Nina Keusch, Livia Vogt, Carolina Resta und Lisa Strebel. Ihr Auftrag: die Heimspiele des EHC Arosa professionell live zu streamen. Vier Personen pro Spiel – Kamera, Regie, Kommentar – das war der Plan. „Ich dachte zuerst, das kann gar nicht funktionieren“, sagt Carina und lacht. „Normalerweise brauchst du für so eine Produktion das Doppelte an Leuten.“
Vom Chaos zur Choreografie
Was anfangs nach einem lockeren Studentenprojekt klang, entpuppte sich bald als logistische Herausforderung. Kameraeinstellungen, Audiopegel, Internetverbindungen, Grafiken, Replays – alles musste sitzen. „Wir hatten fast keine Basisinformationen. Learning by Doing – das beschreibt es ziemlich gut“, erzählt Moritz.
In den ersten Wochen wurde viel diskutiert: Wer übernimmt welche Aufgabe? Wie teilt man die Entlohnung fair auf, wenn der Aufwand so unterschiedlich ist? „Wir wollten alles schön demokratisch halten“, sagt Carina. „Aber irgendwann mussten wir einsehen: Eine Produktion braucht Hierarchie. Jemand muss die Verantwortung tragen.“
Sie selbst übernahm schliesslich die technische Leitung. „Ich kann schlecht Dinge abgeben, wenn mir wichtig ist, dass es gut rauskommt“, gibt sie offen zu. Heute weiss sie: „Das war die richtige Entscheidung. Ohne klare Rollen funktioniert’s einfach nicht.“
Zwischen Improvisation und Professionalität
Die Technik wurde am Donnerstag installiert– am Samstag sollte schon live gesendet werden. „Nicht ideal“, erinnert sich Carina. „Ich habe meine Mitstudierenden während des Spiels eingelernt – learning by doing im wahrsten Sinne.“
Im Kommentar war die Situation ähnlich: „Wir hatten unsere Notizen, die Spielerinfos, die Laptops – und dann läuft das Spiel einfach los“, sagt Moritz. „Beim ersten Drittel war ich total überfordert.“
Beim zweiten Spiel wagten sie etwas Neues: zwei Kommentatoren gleichzeitig. „Zu zweit ist es so viel angenehmer“, meint er. „Einer kommentiert, der andere kann Hintergründe liefern. Für die Zuschauer ist das spannender – und für uns entspannter.“
Live heisst: Du triffst Entscheidungen in Sekunden. Wenn du den Knopf gedrückt hast, ist’s passiert. Dann lebst du damit.
Carina Bihlmayer / MMP23
Trotz aller Hektik lief es überraschend gut. „Klar, es gab Fehler“, erzählt Carina. „Falsche Replays, wackelige Bilder – aber das gehört dazu. Live heisst: Du triffst Entscheidungen in Sekunden. Wenn du den Knopf gedrückt hast, ist’s passiert. Dann lebst du damit.“
„Wir sind keine Profis – aber verdammt engagiert“
Dass sie Studierende sind, wissen die wenigsten Zuschauerinnen und Zuschauer. „Die Leute erwarten einen vollprofessionellen Livestream“, sagt Moritz. „Und das ist gut so. Es zwingt uns, diesen Standard zu erreichen.“
Die Liga und der EHC Arosa zeigten sich nach den ersten Spielen begeistert. „Sie waren positiv überrascht, wie gut das funktioniert hat“, sagt Carina. „Am Anfang gab’s Skepsis – am Ende Anerkennung.“
Für Marius Hagger ist das kein Zufall: „Die Studierenden haben das ernst genommen – und professionell umgesetzt. Ich wollte, dass sie nicht nur etwas lernen, sondern auch fair entlohnt werden.“
Dass das Projekt honoriert wurde, ist für viele im Team mehr als nur eine finanzielle Motivation. „Es war ein echtes Studienprojekt mit echtem Druck – und echtem Lohn, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn“, sagt Moritz.
Lernen, was man im Hörsaal nicht lernen kann
Für die meisten von uns war das Projekt mehr als nur eine Erfahrung. Es war ein Crashkurs in Teamarbeit, Kommunikation und Eigenverantwortung. „Wir sind keine geschlossene Klasse, sondern ein zusammengewürfelter Haufen aus verschiedenen Semestern“, sagt Carina. „Und trotzdem haben wir uns gefunden.“ Die Studierendengruppe setzt sich zu einem Grossteil aus Studierenden vom fünften Semester zusammen. Zwei Teammitglieder sind erst im dritten Semester. Die Dynamik des Teams stört das jedoch nicht. Jeder lernt hier von jedem.
Dass Fehler passieren dürfen, gehört dazu. „Ich habe im ersten Spiel fünfmal ‚Ball‘ gesagt statt ‚Puck‘“, lacht Moritz. „Jetzt hängt bei mir im Kommentarraum ein Zettel mit ‚Puck‘ drauf. Passiert mir nie wieder.“
Die wichtigsten Fakten zum Projekt
Projekt
Live Übertragung der Heimspiele des EHC Arosa
Team
9 Studierende aus dem Studiengang Multimedia Production (FH Graubünden)
Rollen
Regie - Carina Bihlmayer, Hannah Jule Buchmann und Carolina Resta
Kommentar - Moritz Kappeler und Nadja Siegrist
Kamera - Nina Keusch, Aurora Schulte, Livia Vogt und Lisa Strebel
Dozierende & Projektbetreuung
Marius Hagger (FH Graubünden, Dozent Medienwirtschaft)
Auftraggeber
EHC Arosa / Christian Modes (CEO)
Zeitraum
Saison 2024/25 - geplant bis Februar
Besonderheiten
Liveproduktion mit vier Personen pro Spiel, inklusive Grafik, Kommentar und Regie – learning by doing unter realen Bedingungen
Der Blick nach vorn
Das Projekt soll weitergeführt werden – vielleicht schon von der nächsten Generation MMP-Studierender. „Uns war von Anfang an klar, dass wir es nicht ewig machen können“, sagt Carina. „Aber wenn die Jüngeren sehen, wie es läuft, und wir ihnen zeigen können, worauf es ankommt, dann steht der nächsten Crew nichts im Weg.“
Mach’s einfach. Du lernst Dinge, die dir kein Unterricht vermittelt – und du wächst über dich hinaus.
Moritz Kappeler / MMP23
Für alle, die sich fragen, ob sie solche Projekte anpacken sollen, hat Moritz einen Rat: „Mach’s einfach. Du lernst Dinge, die dir kein Unterricht vermittelt – und du wächst über dich hinaus.“
Fazit
Dieses Projekt hat uns gezeigt, was MMP ausmacht: Kreativität, Mut, Verantwortung – und die Bereitschaft, Fehler als Teil des Lernens zu sehen. Wir sind keine Fernsehprofis. Aber wir sind Studierende, die gezeigt haben, was möglich ist, wenn man Chancen annimmt und sie mit Leidenschaft umsetzt. Oder, wie Carina es sagt: „Was willst du mehr? Ein reales Projekt, echtes Publikum, echtes Lernen – und das mitten im Studium.“
Was willst du mehr? Ein reales Projekt, echtes Publikum, echtes Lernen – und das mitten im Studium.
Carina Bihlmayer / MMP23
Hier einige Highlights der bisherigen Übertragungen!
Und: Auf Swissleague kannst du kannst du die Streams direkt live mitverfolgen! Aber Achtung: Du brauchst hierzu ein entsprechendes Abo.
Autorenschaft: Anouk Rudin / Projektmitarbeiterin FHGR in Zusammenarbeit mit Moritz Kappeler/ MMP Student JG23, Carina Bihlmayer/ MMP Studentin JG23 und Marius Hagger / Dozent Meidenbetriebswirtschaft MMP
Ausgabe: Oktober 2025