Eigentlich wollten wir einfach einen Dokumentarfilm über die Geschichte eines ungewöhnlichen Schweizer Instruments machen. Doch je tiefer wir in die Handpan-Community eintauchten, desto mehr gerieten wir in eine Welt voller Konflikte, Machtkämpfe und persönlicher Geschichten.
Bericht aus der Perspektive von Cédric Züllig und Luca Mosberger
Die Idee kam ursprünglich aus unserem privaten Umfeld. Lucas Bruder spielt Handpan und erzählte irgendwann von einem eskalierenden Konflikt innerhalb der Szene. Es ging um den Erfinder der ursprünglichen Klangskulptur, um Urheberrechte und darum, wer überhaupt diese Instrumente bauen darf. Wir fanden das zuerst ziemlich absurd. Dieses Instrument steht für viele Menschen für persönlichen Ausdruck, Meditation und Frieden. Und gleichzeitig liefen im Hintergrund anscheinend heftige juristische Auseinandersetzungen. Genau dieser Widerspruch hat uns fasziniert.
Am Anfang wussten wir praktisch nichts über diese Welt und wir gingen vollkommen blauäugig hinein. Doch mit jeder E-Mail, jedem Gespräch und jedem Interview wurde das Thema grösser. Und komplizierter. Irgendwann merkten wir: Das ist nicht mehr nur ein Film über ein Instrument. Das ist ein Film über die Grenze zwischen Kunst, Kommerz und Menschen, deren persönliche Schicksale alle stark von diesen Klangskulpturen geprägt werden.
Direkt ins kalte Wasser
Rückblickend war es völlig naiv. Die erste Person, die wir kontaktierten, war Felix Rohner – der Erfinder des „Hang“ und derjenige, der die Handpan-Community beschuldigt, sein Urheberrecht verletzt zu haben. Eine Person, die innerhalb der Szene fast schon mythisch wirkt und nur selten mit den Medien spricht. Alle sagten uns später, dass das komplett aussichtslos gewesen sei.
Aber: Wir bekamen tatsächlich eine sehr ausführliche, wenn auch klar ablehnende Antwort. Allein das Wort „Handpan“ sorgte bereits für Diskussionen. Dort wurde uns zum ersten Mal bewusst, wie emotional aufgeladen dieses Thema eigentlich ist. Und genau ab diesem Moment begann für uns das Rabbit Hole.
Je tiefer wir eintauchten, desto verrückter wurde es
Mit der Zeit lernten wir immer mehr Menschen aus dieser Szene kennen. Instrumentenbauer:innen, Musiker:innen, Festivalveranstalter:innen und Leute, die wegen der Handpan ihr komplettes Leben verändert hatten. Wir hörten Geschichten von Menschen, die ihren Job kündigten, auf Reisen gingen oder plötzlich alles hinter sich liessen, nachdem sie dieses Instrument entdeckt hatten. Gleichzeitig begegneten wir aber auch unglaublich viel Spannung innerhalb der Community. Es gab Streit, Konkurrenz, verletzte Egos und teilweise Aussagen, bei denen wir während der Interviews einfach nur dachten: „Passiert das gerade wirklich?“
Einmal erzählte uns jemand völlig beiläufig, dass es zwischen zwei Beteiligten sogar zu einer Schlägerei gekommen sei. In solchen Momenten merkten wir immer wieder: Hinter dieser ruhigen, spirituellen Oberfläche steckt extrem viel Drama.
Das Projekt wuchs über sich hinaus
Vor allem das Swiss Handpan Festival war für uns intensiv. Wir filmten praktisch nonstop, suchten Intervieworte, organisierten spontane Gespräche und versuchten gleichzeitig herauszufinden, welche Geschichte wir überhaupt erzählen wollen. Irgendwann hatten wir stundenlanges Material.
Es kam der Moment, an dem wir realisierten: Wir haben keinen 30-Minuten-Film mehr, sondern eher einen 60-Minuten-Film und keine Ahnung, wie wir das jemals kürzen sollen. Das war wahrscheinlich eine der schwierigsten Phasen des gesamten Projekts.
Denn das Problem war nie, dass wir zu wenig Material hatten. Sondern eher, dass alles irgendwie spannend war. Gleichzeitig merkten wir, dass uns oft genau die Bilder fehlten, die wir eigentlich gebraucht hätten. Wir hatten starke Aussagen, starke Interviews – aber nicht immer das passende Bildmaterial dazu. Das war der Punkt, an dem wir verstanden haben, wie schwierig Dokumentarfilm wirklich sein kann.
Storytelling statt nur schöne Bilder
Während des Projekts haben wir wahrscheinlich am meisten über Storytelling gelernt. Am Anfang dachten wir oft noch zu stark in Themen: Handpan, Gerichtsprozess, Community. Doch relativ schnell merkten wir, dass ein spannendes Thema allein noch keinen guten Dokumentarfilm macht. Entscheidend ist die Frage, welche Geschichte dahinter steckt.
Genau das wurde im Major Videoformate Nonfiktional immer wieder thematisiert. Wir haben viel über Dramaturgie, Emotionen und Interviewführung gesprochen – oft einfach im gemeinsamen Austausch über Filme und Szenen. Besonders prägend war für uns die Erkenntnis, dass gute Interviews oft dort entstehen, wo Fragen unangenehm werden. Solange Gespräche nur an der Oberfläche bleiben, passiert wenig. Aber in den Momenten, in denen Menschen wirklich ehrlich werden, entstehen plötzlich die Szenen, die einen Film tragen.
Rollenaufteilung - Nö.
Eine klare Rollenaufteilung gab es bei uns nie wirklich. Natürlich hatte Luca viel Kontakt mit den Protagonist:innen und kümmerte sich um organisatorische Dinge. Aber Kamera, Regie, Schnitt oder Dramaturgie machten wir grösstenteils gemeinsam. Und ja, das führte manchmal zu Diskussionen.
Sehr langen Diskussionen sogar. Teilweise sassen wir stundenlang im Schnitt und diskutierten über einzelne Szenen, Übergänge oder darüber, welche Person im Film überhaupt noch vorkommen soll. Wir waren beide zu stur, um Dinge einfach loszulassen. Die intensiven Diskussionen über einzelne Szenen haben sich am Ende aber sehr gelohnt.
Der Moment, der alles nochmals verändert hat
Einer der surrealsten Momente des gesamten Projekts kam für uns wahrscheinlich erst ganz am Schluss. Luca ging zusammen mit seinem Bruder an einen Gerichtsprozess rund um den Urheberrechtskonflikt innerhalb der Handpan-Szene. Dass wir dort überhaupt dabei sein durften, war an sich schon erstaunlich. Die Verhandlung war zwar öffentlich, aber das Interesse innerhalb der Community riesig. Und aus irgendeinem Grund wurden ausgerechnet Luca und sein Bruder als Gäste zugelassen. Plötzlich sassen wir damit mitten in einem Konflikt, über den wir monatelang recherchiert hatten. Als der Richter die Anwesenden vorlas und erwähnte, dass Luca an einem Dokumentarfilm zu diesem Thema arbeitet, realisierte auch Felix Rohner, dass wir dort waren. „In diesem Moment habe ich mir wirklich kurz Sorgen gemacht“, erzählt Luca heute.
Während der Pause kam es dann tatsächlich zur ersten Begegnung und einem kurzen Gespräch. Ohne hier genau offen legen zu können, was in diesem Gespräch genau beredet wurde: Der Austausch veränderte unsere Sicht auf den Film nicht grundlegend. Aber es bestätigte vieles von dem, was wir während unserer Recherche bereits gespürt hatten: Hinter diesem Konflikt steckt weitaus mehr als nur ein Streit um ein Instrument.
Was von diesem Projekt bleibt
Dieses Projekt hat uns komplett vereinnahmt. Wir haben monatelang fast nur noch darüber nachgedacht, diskutiert, geschnitten und organisiert. Und trotzdem würden wir wahrscheinlich beide sofort wieder Ja sagen. Weil genau in diesem Chaos die spannendsten Momente entstanden sind. Weil wir gelernt haben, wie viel Arbeit wirklich hinter einem Dokumentarfilm steckt.
Und weil wir gemerkt haben, dass gute Geschichten meistens dort entstehen, wo man ursprünglich nie gesucht hätte. Oder einfacher gesagt: Wir wollten einen Film über ein Instrument machen - und sind stattdessen in einem verrückten Rabbit Hole gelandet
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Cédric Züllig und Luca Mosberger (MMP Jahrgang 2023) haben das Projekt Harmonia im Major Videoformate Nonfiktional gemeinsam umgesetzt. Aktuell sind beide an ihrer Bachelorarbeit dran, in welcher sie jeweils einen weiteren Dokumentarfilm umsetzen.
Der Major Videoformate Nonfiktional fokussiert auf die Konzeption und Umsetzung moderner dokumentarischer Videoformate und wird von Prof. Dr. Ulrike Mothes gleitet. Studierende analysieren Format- und Plattformcharakteristika, vertiefen ihr Wissen in Dramaturgie, Ästhetik und Kameraarbeit und erwerben praxisnahes Know-how in Produktion und Distribution.
Autorenschaft: Anouk Rudin (Projektmitarbeiterin FHGR) in Zusammenarbeit mit Cédric Züllig und Luca Mosberger
Ausgabedatum: Mai 2026
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