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Audio Post­pro­duc­tion: Mein Roboter aus dem Ak­ku­boh­rer

Drei Minuten Film. Ein Roboter im Wald. Ein Vogel, ein Sturm, Gewehrschüsse und eine ganze Menge Explosionen. Für mein Projekt im Minor Audio Postproduction wurde daraus eine ziemlich intensive Reise in die Welt des Sounddesigns.

Ich gehöre zum MMP-Jahrgang 2024 und war damit einer der ersten Studierenden, die den neu aufgebauten Minor Audio Postproduction bei Neil Raouf besucht haben. Für mein Projekt wollte ich einen animierten Kurzfilm aus einem Videospiel komplett neu vertonen. Was zuerst nach einer überschaubaren Aufgabe klang, wurde schnell zu einem Projekt, in das ich mich immer mehr vertiefte.

Drei Minuten, die alles brauchen

Am Anfang war die Aufgabenstellung noch nicht ganz klar. Irgendwann stand fest: Wir sollten einen rund dreiminütigen Filmausschnitt vertonen. Ob aus einem Kurzfilm, einem Film oder einem anderen audiovisuellen Projekt, war uns freigestellt.

Also begann ich auf YouTube nach Filmclips zu suchen. Dabei bin ich auf einen Kurzfilm gestossen, den ich bereits kannte und ziemlich cool fand. Die Geschichte handelt von einem Roboter, der in einem Wald aufwacht. Er weiss zunächst nicht, wo er ist, und trifft auf einen Vogel. Der Vogel führt ihn durch die Natur. Gleichzeitig wird immer wieder angedeutet, dass der Roboter eigentlich eine andere Aufgabe hat. Später kommen Erinnerungen zurück: Sturm, Gewehrschüsse und eine Kampfszene. Am Ende entscheidet er sich gegen seine ursprüngliche Bestimmung und kehrt in den Wald zurück.

Ich habe aus dem rund siebenminütigen Original die drei Minuten ausgewählt, in denen für mich am meisten passiert. Gerade weil der Film fast keinen Dialog hat, konnte ich mich voll auf die Gestaltung der Sounds konzentrieren.

Frame für Frame

Ein fertiges Soundkonzept hatte ich am Anfang nicht. Ich habe einfach vorne angefangen.
Zuerst habe ich meine Timeline vorbereitet und verschiedene Spuren angelegt: eine für die Ambiance, eine für Soundeffekte, eine für den Vogel, eine grosse für den Roboter, eine eigene Gruppe für die Kampfszene und eine für die Musik. Danach bin ich Sekunde für Sekunde durch den Film gegangen.

Der Vogel springt von einem Ast. Ein Grashalm bewegt sich. Der Roboter läuft durch den Wald. Wasser plätschert. Ein Ast zerbricht. Im Hintergrund verändert sich die Atmosphäre.

Ich wollte zunächst wirklich jedes noch so kleine Detail vertonen. Bei einem Vogel habe ich mir beispielsweise überlegt, welches Geräusch er beim Abspringen und Landen macht oder wie sich ein einzelner Grashalm anhört, wenn er sich bewegt. Neil hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht zwingend jedes Detail vertonen muss. Trotzdem bin ich schliesslich ziemlich stark ins Detail gegangen. Ich habe mich Frame für Frame durchgearbeitet und jeweils überlegt, was ich gerade höre und was ich dazu ergänzen könnte. Für mich hat dieser Workflow funktioniert. Ich würde es heute wieder ähnlich machen.

Timeline Audition I

Timeline Audition II

Der Sound, den man gar nicht bemerkt

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus der Audio Postproduction kam eigentlich durch das Original. Ich hatte die originale Tonspur ganz oben in meiner Timeline und habe sie mit meiner eigenen Version verglichen. Dabei habe ich angefangen, viel genauer hinzuhören: Was haben die Macher des Originals überhaupt vertont? Und was haben sie bewusst weggelassen?

Manchmal dachte ich, dass ich unbedingt noch ein bestimmtes Geräusch brauche. Dann habe ich im Original nachgehört und festgestellt: Das gibt es dort gar nicht. Auf der anderen Seite sind mir Sounds aufgefallen, die ich selbst nie eingebaut hätte. Zum Beispiel gibt es eine Szene mit einem Schmetterling, der über eine Wiese fliegt. Im Original hört man ganz dezent das Flattern seiner Flügel. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, so etwas zu vertonen.

Das war für mich eines der wichtigsten Learnings: Manchmal muss man extrem genau hinschauen und hinhören. Und manchmal ist es genauso wichtig, etwas bewusst wegzulassen.

Tim Brönimann / MMP Jahrgang 2024

Auch bei den Schüssen habe ich etwas gelernt. Der Roboter schiesst im Wald. Zuerst hatte ich den Schuss einfach durchlaufen lassen. Dann sieht man plötzlich die Bäume, die getroffen werden. Ich wäre am Anfang nicht darauf gekommen, dass der Schuss leiser werden sollte, sobald man den Roboter nicht mehr sieht. Aber genau solche kleinen Veränderungen machen einen Unterschied. Es klingt banal, aber der Sound hängt nicht nur davon ab, was passiert, sondern auch davon, was ich als Zuschauer gerade sehe.

Mein Roboter besteht aus einem Akkubohrer

Eine der grössten Herausforderungen in meinem Audio-Projekt war der Roboter selbst. Wenn man im Internet nach «Roboter-Sounds» sucht, findet man zwar schnell irgendwelche Effekte. Aber meistens passt nichts davon wirklich zu dem, was man im Bild sieht. Also habe ich angefangen, anders zu denken.

Ich habe mir überlegt, aus welchen Geräuschen ein Roboter eigentlich bestehen könnte. Am Ende habe ich unter anderem einen Schraubenzieher, einen Akkubohrer und irgendwelche alten Maschinengeräusche verwendet. Ich hatte einen Pool aus solchen Sounds und habe daraus meinen Roboter zusammengesetzt. Teilweise habe ich die Geräusche übereinandergelegt, teilweise nur Ausschnitte verwendet und sie immer wieder angepasst.

Manchmal muss man einfach ausprobieren. Einen Sound nehmen, der eigentlich überhaupt nicht nach Roboter klingt, ihn mit einem zweiten kombinieren – und plötzlich funktioniert es.

Einzeltöne für die Zusammensetzung vom Roboter

Maschine surren
Roboter Schritte
Roboter surren leicht
Roboter surren leicht II
Bohrmaschiene

Die ersten 30 Sekunden

Ein grosser Motivationsschub waren für mich die ersten 30 Sekunden. Als ich diesen Abschnitt zum ersten Mal komplett vertont hatte, habe ich ihn mir unglaublich oft angehört. Ich fand es richtig cool, plötzlich meinen eigenen Sound unter dem Film zu hören. Das hat mich motiviert, weiterzumachen.

Ich glaube, wenn ich zuerst die gesamten drei Minuten des Roboters von vorne bis hinten vertont hätte, ohne zwischendurch ein richtiges Ergebnis zu haben, wäre es schwieriger gewesen. Stattdessen hatte ich schon nach kurzer Zeit einen Abschnitt, bei dem ich wusste: So könnte das Ganze am Ende klingen. Die letzten zweieinhalb Minuten sind mir dadurch viel leichter gefallen.

Für mich war das eine wichtige Erfahrung in der Audio Postproudction: Ein fertiger Abschnitt kann unglaublich viel Motivation geben.

Tim Brönimann / MMP Jahrgang 2024

Wenn die Vertonung plötzlich wie das Original klingt

Mein persönliches Highlight kam allerdings erst später. Am Schluss des Projekts habe ich meiner Familie das Original und meine Vertonung gezeigt. Ich habe ihnen aber nicht gesagt, welches welches ist. Die meisten haben meine Version für das Original gehalten.

Das fand ich ziemlich cool. Natürlich habe ich viel mehr Zeit in die Vertonung investiert als die ursprünglichen Macher. Bei mir passiert auch deutlich mehr. Das Original ist an vielen Stellen ruhiger, während ich sehr viele Details eingebaut habe. Trotzdem war es für mich eine schöne Bestätigung, dass sich meine Version für andere so selbstverständlich angehört hat.

Vom Interesse zum neuen Arbeitsfeld

Ich muss ehrlich zugeben: Mich hat der Bewerbungsfilm für den Minor von Neil einfach gecatcht. Darin wurde eine Zombie-Apokalypse praktisch nur über Sound erzählt – und das hat unglaublich gut funktioniert.

Ich mache auch sonst gerne Musik und spiele verschiedene Instrumente. Audio hat mich deshalb schon vorher interessiert. Im Minor konnte ich dieses Interesse weiter vertiefen. Nach dem Projekt fühle ich mich auch deutlich wohler im Umgang mit Adobe Audition. Ich habe den Workflow besser kennengelernt und gemerkt, dass mir das Arbeiten mit Audio tatsächlich Spass macht. Ich könnte mir deshalb durchaus vorstellen, später in diesem Bereich zu arbeiten. Ich bin zwar kein Tontechniker, aber das Projekt hat mir gezeigt, dass Audio Postproduction ein Bereich ist, den ich gerne weiter ausprobieren möchte.

Was ich aus Audio Postproduction mitnehme

Für mich war das grösste Learning nicht einfach ein bestimmter Effekt oder eine Funktion in Audition. Es war die Art, wie ich einen Film hören und betrachten kann. Ich achte heute viel stärker darauf, welche Sounds tatsächlich nötig sind. Ich überlege, ob etwas gerade sichtbar ist oder nicht, aus welcher Perspektive wir eine Szene erleben und wie sich dadurch die Lautstärke oder der Charakter eines Geräusches verändern sollte.

Ich habe gelernt, dass man nicht immer nach den offensichtlich passenden Sound suchen muss.

Tim Brönimann / MMP Jahrgang 2024

Ein Roboter braucht nicht zwingend einen Sound, der «Roboter» heisst. Vielleicht ist es ein Akkubohrer. Vielleicht ein Schraubenzieher. Vielleicht drei komplett unterschiedliche Maschinengeräusche übereinander. Am Ende geht es viel ums Ausprobieren.

Mein Tipp für den Minor Audio Posproduction

Wenn ich jemandem, der den Minor Audio Postproduction als Nächstes besucht, einen Tipp geben müsste, wäre es vor allem dieser: Nimm etwas, das dir wirklich gefällt. Mein Kurzfilm hat mir schon vor dem Projekt gefallen. Dadurch konnte ich ihn auch nach unzähligen Durchgängen noch anschauen und hatte immer wieder Lust, neue Sounds auszuprobieren. Die Vertonung kann je nach Anspruch ziemlich aufwendig werden. Wenn einem das Ausgangsmaterial nicht gefällt, kann das schnell mühsam werden.

Und der zweite Tipp: Denkt ein bisschen out of the box. Sucht nicht immer nach einem Sound, der genau das beschreibt, was ihr gerade seht. Überlegt euch lieber, wie etwas klingen könnte – und womit ihr diesen Klang erzeugen könnt.

Denn manchmal besteht ein Roboter eben nicht aus einem Roboter-Sound, sondern aus einem Akkubohrer.

Tim Brönimann (MMP Jahrgang 2024) wird vorraussichtlich die verbliebenen vier Minuten der Gesamtszene weiter vertonen. Das Resultat wird auf Digezz ersichtlich sein.

Der Minor Audio Postproduction fokussiert sich ganz auf die Tongestaltung im Film: Sound Design, Editing, Musikproduktion- und -auswahl, Stimm- und Foleyaufnahmen, Mixing und Mastering sowie der gekonnte und bewusste Einsatz von AI-Tools und MIDI. Geleitet wird der Minor von Neil Raouf.

Autorenschaft: Anouk Rudin (Projektmitarbeiterin FHGR) in Zusammenarbeit mit Tim Brönimann

Ausgabedatum: September 2026

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