Die Quereinsteigerin Seraina Fischer (21) hat kürzlich ihr viertes Semester an der FHGR gestartet. Während es nun mit dem Thema Holzbau weitergeht, blickt sie für uns auf die Anfänge ihres Studiums zurück und erzählt von ihrem Wohnungsbau Projekt im vergangenen Semester.
Hallo Seraina. Wer bist du? Woher kommst du?
Hallo, ich bin Seraina Fischer. Ich bin 21 Jahre alt und komme ursprünglich aus dem Kanton Aargau; ich bin im Fricktal aufgewachsen. Ich habe die Lehre als Kauffrau auf der Gemeinde gemacht und gleichzeitig die Berufsmatura absolviert. Schnell habe ich gemerkt, dass das nicht das ist, was ich mein Leben lang machen möchte. Nach meiner Lehre war ich etwas auf Reisen und habe anschliessend noch ein paar Monate auf der Gemeinde gearbeitet. Ich habe mir ein Praktikum in einem Architekturbüro gesucht und bin in Brugg fündig geworden. Das Praktikum hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich danach mit dem Studium begonnen habe.
Was waren deine Aufgaben im Praktikum?
Während des Praktikums habe ich hauptsächlich Modelle gebaut. Zuerst ein Modell von Zimmern eines Rehazentrums. Bei den Innenraummodellen ging es darum, die Zimmer im Massstab 1:20 mit Materialisierung, Farbgebung und Möbel zu bauen, um diese im Modell zu überprüfen. Das zweite Modell war ein Fassadenmodell im Massstab 1:50, das ich von Grund auf selbst gebaut habe.
Wieso Architektur?
Auf der Gemeinde hatten wir eine interne Bauverwaltung – das Bauen war also durch meine Ausbildung bereits ein Thema für mich. Architektur selbst hingegen noch nicht direkt. Es war aber schon immer ein Gebiet, das mich interessiert hat.
Wieso hast du dich für ein Studium an der Fachhochschule Graubünden entscheiden?
Ganz ehrlich? Die Nähe zu den Bergen war schlussendlich der ausschlaggebende Punkt. Im Winter fahre ich sehr gerne und viel Snowboard. Das Studium hier zu absolvieren, bedeutete für mich auch, umzuziehen – und das fand ich toll.
Du bist Quereinsteigerin, hast also nicht, wie gewisse Mitstudierende, davor eine Lehre
im Bauwesen gemacht. Wie war der Einstieg ins Studium für dich?
Zu Beginn wurde ich klar ins kalte Wasser geworfen – vor allem, weil ich während des Praktikums mehr Modelle gebaut und weniger gezeichnet habe. CAD musste ich mir deshalb grösstenteils selbst beibringen. Natürlich war ich ab und zu überfordert, aber alles in allem hat es gut funktioniert. Besonders die Gruppenarbeiten zu Beginn des Studiums haben sehr geholfen. Ich hatte eine tolle Gruppe und konnte immer jemanden fragen. Bereits im zweiten Semester wurde es deutlich besser.
Jetzt, im dritten Semester, merkt man – auch bei den anderen Quereinsteiger:innen in unserer Klasse – nur noch kleine Unterschiede im Bereich CAD und Entwurf. In der Konstruktion hingegen ist das Aufholen schwieriger, da fehlt schlichtweg die Praxis. Im Studium bleibt, obwohl die FH ja sehr viel praktischer ist als andere Schulen, vieles theoretisch. Dieses Jahr besuche ich auch extra etwas mehr Module, damit ich dann ab dem fünften Semester mehr arbeiten und so möglichst schnell Berufserfahrung sammeln kann.
Was war die Aufgabenstellung im Wohnungsbau-Modul?
Wir sollten ein Wohnhaus mit Garten auf einer Parzelle zwischen der Scalettastrasse und der Nordstrasse hier in Chur entwerfen. Vorgabe war, 13 bis 16 Mietwohnungen im mittleren bis höheren Preissegment unterzubringen, einen möglichst durchmischten Wohnungsspiegel zu schaffen und die Umgebung miteinzubeziehen. Auch Gemeinschaftsräume – im oder um das Gebäude herum – sollten eingeplant werden.
Zudem mussten wir ein Zimmer im Wohnungsspiegel haben, welches von jeder Wohneinheit nach belieben – beispielsweise für Gäste oder temporäre Projekte – dazu gemietet werden kann.
Du hast erwähnt, dass ihr diverse Vorübungen gemacht habt. Wie sahen diese aus?
In der Blockwoche entwickelten wir in Zweiergruppen einen Grundriss – bereits im Kontext der Aufgabenstellung. Meine Gruppe erhielt die Vorgaben «Wohnen im Erker» und «Überhöhe», die wir im Grundriss umsetzen mussten. Diesen Grundriss haben wir in die erste Vorübung weitergezogen und optimiert.
In der zweiten Vorübung ging es um die Umgebungsgestaltung – unabhängig vom Volumen. Wir überlegten uns, wie man auf die Parzelle gelangt, wo der Eingang sein soll und welche Zonen gemeinschaftlich oder privat genutzt werden.
In der dritten Vorübung beschäftigten wir uns mit dem Volumen. Jede Person brachte drei Volumenstudien mit, die wir im Situationsmodell gemeinsam diskutierten.
Magst du mir dein Projekt vorstellen?
Mein Hauptthema innerhalb der Wohnungen war das «Über-Eck-Wohnen» sowie eine einzige Erschliessungszone. Das «Über-Eck-Wohnen» war bereits in der Einführungswoche Thema und gefiel mir räumlich sehr. Eine einzige Erschliessungszone war mir wichtig, da Erschliessungsfläche keine Wohnfläche ist. Diese beiden Hauptthemen konnte ich konsequent durchziehen.
Beim Über-Eck-Wohnen entstehen zwei getrennte Zonen, die dennoch über Blickachsen miteinander verbunden sind – ein rücksichtsvolles Miteinander.
Zudem war mir ein durchmischter Wohnungsspiegel wichtig, um möglichst viele Lebensformen abzudecken. Es gibt eine Grosswohnung sowie 2.5- bis 5.5-Zimmer-Wohnungen. Insgesamt sind es 14 Wohnungen, zwei davon im Erdgeschoss als Maisonettewohnungen.
Besonders bei meinem Projekt ist sicherlich die Überhöhe im Erdgeschoss: Man betritt das Gebäude und geht im Eingangsbereich drei Tritte nach oben bevor man ins Treppenhaus gelangt. Innerhalb der Wohnungen führen wiederum drei Tritte vom Schlaf- und Badbereich nach unten zum Wohn- und Essbereich, welcher dann wieder auf gleicher Höhe wie der Aussenraum liegt. In den Geschossen zwei bis vier sind die Räume dann aber einheitlich hoch.
Auf der Nordseite im zweiten Obergeschoss befindet sich das einzelne Zimmer, das temporär gemietet werden kann – eigentlich ein kleines Studio mit Küche, Bad und Wohn-/Schlafbereich.
Wie hast du die gemeinschaftliche Fläche und den Aussenraum gestaltet?
Im Attikageschoss gibt es eine gemeinsam genutzte, bepflanzte Dachterrasse mit verschiedenen Sitzgelegenheiten. Im Erdgeschoss befindet sich eine Sauna mit direktem Zugang zum Garten für die gemeinschaftliche Nutzung. Die Umgebungsfläche habe ich ebenfalls stehts mit einem gemeinschaftlichen Gedanken ausgearbeitet. Es gibt einen Hauptplatz mit einer Holzpergola. Dort hat es einen grossen Tisch mit Bänken und daneben auch eine Feuerstelle. Auch dieser Ort ist, wie die Dachterrasse, als Treffpunkt der Bewohnenden gedacht.
Wichtig war mir, das Volumen so zu gestalten, dass Privatsphäre gewährleistet ist und zugleich attraktive Aussenräume entstehen. Die Umgebung sollte nicht erst am Schluss ausgearbeitet werden.
Die Erdgeschosswohnungen sind durch Bepflanzungen vom Gemeinschaftlichen geschützt und die Privatsphäre dadurch gewährleistet. Auf der Nordseite habe ich noch einen Kräutergarten angedacht. Dieser befindet sich aber bereits nicht mehr auf «meiner» Parzelle. Die Idee dahinter ist, die Umgebung nicht nur auf der Parzelle zu denken, sondern die Nachbarsparzellen miteinzubeziehen.
Was war für dich die grösste Herausforderung an dieser Aufgabe?
Die polygonalen Wohnungsgrundrisse waren eine grosse Herausforderung. Ich musste lange experimentieren. Oft habe ich eine Wand verschoben, um eine Wohnung zu optimieren – und plötzlich funktionierten die anderen nicht mehr. Anfangs war auch das Volumen zu tief, sodass zu wenig Licht hineinfiel.
Gibt es etwas, das dir besonders gefällt an deinem Projekt?
Ich bin happy, dass ich den ganzen Wohnungsspiegel abdecken konnte. Ausserdem ist mir, meiner Meinung nach, die Integration dieses zusätzlichen Zimmers gut gelungen. Ich denke, dass ziemlich jede Wohnung auf ihrem Stockwerk ihre Qualitäten hat und räumlich spannende Situationen entstanden sind.
Kannst du etwas zu deiner Recherche sagen?
Ich habe sehr viel mit Referenzen gearbeitet. Bereits in den Vorübungen mussten wir alle zu jeder Übung jeweils eine Referenz vorstellen. So haben wir schon am Anfang viele Beispiele gesehen. Danach habe ich eigenständig weiterrecherchiert – Wettbewerbspläne und realisierte Projekte analysiert und für mich relevante Aspekte herausgefiltert.
Ist auf dieser Parzelle tatsächlich ein Wohnungsbau geplant oder ist alles fiktiv?
Die Parzelle ist derzeit leer, abgesehen von einem alten Bauernhaus, das wir in unsere Planung integrieren mussten. Das Projekt ist jedoch fiktiv. Soweit ich weiss, ist keine konkrete Überbauung geplant.
Einen Blick ins nächste Semester?
Im vierten Semester steht das Thema Holzbau an. Wir können wählen, ob wir erneut Wohnungsbau bearbeiten möchten – ich werde mich aber wahrscheinlich für ein anderes Thema entscheiden. Nicht weil ich es nicht spannend finde, im Gegenteil. Trotzdem ist es toll, wieder etwas Neues kennen zu lernen.
Ich freue mich sehr auf das holzbauspezifische Semester. In der Blockwoche haben wir bereits Exkursionen gemacht und Gebäude besichtigt. Es war spannend, gezeichnete Details im Plan zu sehen und gleichzeitig vor Ort zu analysieren. In einer Zimmerei durften wir sogar an einem Wandelement mitarbeiten – alles war vorbereitet, und wir konnten es wie ein Puzzle zusammensetzen. Die Dimensionen unserer Zeichnungen einmal real zu erleben, war sehr eindrücklich. Der Start ins Semester war also super, ich bin gespannt, was noch kommt.
Zu einem weiteren Interview: Modularität als Konzept – eine Bushaltestelle für das Fachhochschulzentrum - Blog - Institut Bauen im alpinen Raum
Autorin
Barbara Truog ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR) und selbstständige Fotografin.