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Institut Bauen im alpinen Raum Blog

Re­cy­cling und Nach­hal­tig­keit – Fokus in der Block­wo­che

Statt direkt am Entwurfstisch zu sitzen, ging es für die Studierenden während der Blockwoche zum Semesterauftakt, nach draussen. Recycling und Nachhaltigkeit beschäftigen die Welt und die Architekturbranche und deshalb auch uns. Eine Recyclinganlage, eine Waldhütte und ein umgebautes Weinlager standen in der Blockwoche auf dem Programm.

Recycling und Nachhaltigkeit, Fokus in der Blockwoche an der FHGR
Umnutzung Weinlager, Basel Foto: Anina Kleiner
Nachhaltigkeit als Lebenshaltung

Im zweiten Semester steht ein Perspektivenwechsel im Zentrum: Nicht der Entwurf bestimmt das Material – sondern das Material den Entwurf. Unter der Leitung von Andreas Gredig, Georg Nickisch, Yuiko Shigeta und Liviu Vasiu beginnen die Studierenden ihre Projekte mit dem, was bereits existiert: Materialien, Fragmente und Bauelemente – gefunden, zurückgewonnen, gesammelt oder umgenutzt – bilden den Ursprung der Projekte und bestimmen von Anfang an den Entwurf. Das verändert den Prozess grundlegend. Konstruktion, Form und Detail entwickeln sich nicht unabhängig voneinander, sondern direkt aus den Eigenschaften des Materials, denn jedes Material bringt andere Voraussetzungen und Möglichkeiten mit. Im Zentrum steht eine einfache Frage: Wie gehen wir sorgfältig mit dem um, was bereits da ist?

«Entsorg’s mir» – die Vögele Recycling AG

Nur wenige Gehminuten vom Atelier entfernt liegt das Recyclingcenter der Vögele Recycling AG in Chur. Schon beim Betreten des Areals wird klar: Hier wird im grossen Massstab gearbeitet. Ein in Leuchtgelb eingekleideter Mitarbeiter empfängt die Studierenden und verteilt ebenso leuchtende Westen. Während der Führung bewegen sich die Studierenden wie Fremdkörper durch diesen kontrollierten Kreislauf. Lastwagen fahren beladen vorbei und kippen Material ab. Dazwischen arbeiten Bagger und Kräne, sortieren, greifen und verladen. Maschinen stampfen, reissen, drücken und schneiden. Es ist laut.

Was auf den ersten Blick wie Abfall wirkt, ist in Wirklichkeit ein Rohstofflager. Der Prozess folgt dabei immer dem gleichen Prinzip: sammeln, sortieren, aufbereiten und wiederverwenden.

«Entsorg’s mir» ist der Slogan und zugleich das Markenzeichen von der Vögele Recycling AG. Der Familienbetrieb erhält Aufträge von Bau-, Gewerbe- und Industriebereich aber auch von Privatkunden. Rund 70’000 Tonnen Material werden hier jährlich verarbeitet. Dazu steht ein ganzer Maschinenpark zur Verfügung. So können möglichst viele Materialien zurückgewonnen werden, wieder in den Herstellungsprozess einfliessen und es entstehen neue Rohstoffe.

Ein zweites Leben für den Abfall

Die Führung macht deutlich: Technisch ist heute fast alles recycelbar – die Herausforderung liegt im Tun. Während Glas, PET und Papier etabliert sind, bleibt Kunststoff oft ungenutzt, obwohl er sich mehrfach wiederverwenden lässt.

Initiativen wie der Bündner Sammelsack versuchen genau hier anzusetzen. Sie schaffen einfache Möglichkeiten, Kunststoff getrennt zu sammeln und so dem Kreislauf wieder zuzuführen. Auch wird die Verbrennung von Kunststoff verhindert, denn diese stellt eine starke Umweltbelastung dar. Auf sammelsack.ch erfährst du, wo du einen Recyclingsack erhältst und wo du ihn gefüllt abgeben kannst.

Ähnlich verhält es sich bei Batterien: Obwohl sie wertvolle Rohstoffe wie Eisen, Nickel, Mangan, Zink und Blei enthalten, wird ein grosser Teil nicht korrekt entsorgt. Von den 120 Millionen Gerätebatterien, die jährlich verkauft werden, werden lediglich 68% recycelt, der Rest landet im Hausmüll. In der Schweiz sind Verbraucher:innen aber verpflichtet, Batterien fachgerecht zu entsorgen und die Anbieterseite ist verpflichtet, diese unentgeltlich zurückzunehmen. Die Erkenntnis aus dem Besuch ist klar: Recycling ist ein konkreter Prozess, der nur funktioniert, wenn alle Beteiligten mitwirken und endet nicht beim Material – es setzt sich im Bauen selbst fort.

Besuch bei der Vögele Recycling AG in Chur, 2. Semester

Nachhaltiges Bauen in den Alpen

Zirkularität ist auch im vierten Semester, dem Holzbau-Semester, Thema. Der Ausstieg aus fossilen Emissionen und ein geringerer Ressourcenverbrauch sind zentrale Ziele unserer Zeit. Architektur beeinflusst, wie wir Ressourcen nutzen und leben. Der Holzbau bildet in den Alpen die Möglichkeit, mit vorhandenem Baumaterial nachhaltig zu bauen.

Je nach Standort und Nutzung sind andere spezifische Lösungen im Umgang mit dem Werkstoff Holz erforderlich. Innovative Lösungen im Holzbau können Grenzen überschreiten, neue Materialkombinationen ausloten oder in der Gebäudetechnik über Low-Tech-Ansätze zu neuer Einfachheit und Kosteneffizienz führen. Unter der Leitung von Nic Freund, Reto Kofmehl, Robert Mair und Norbert Mathis entwickeln die Studierenden des vierten Semesters Projekte, welche gesellschaftliche Relevanz, Gestaltung, Konstruktion und Nachhaltigkeit zusammenbringen. Dabei dient nicht nur der moderne Holzbau als Referenz, sondern auch die lokale Architektur der Walser, weit über die anmutigen Strickbauten hinaus. Diese zeigen, wie eng Bauen, Landschaft und Nutzung miteinander verbunden sind – und wie viel sich aus einfachen Prinzipien lernen lässt.

Nur Holz – die Tegia da vaut

Eine Exkursion führte die Studierenden nach Domat/Ems zur Tegia da vaut, der bekannten Waldhütte vom Bündner Architekten Gion A. Caminada. Wobei die Bezeichnung Hütte jedoch nicht wirklich zu dem passt, was man vor Ort vorfindet, zumindest im ersten Moment nicht. Dafür sorgt alleine schon das auffällig geschwungene Dach. Der Bau erinnert an eine Arche, hat von aussen einen fast schon sakralen Charakter.

Das Projekt zeigt, wie vollumfänglich ein gefällter Baum genutzt werden kann.

Das Holz, das für den Bau der Hütte verwendet wurde, stammt vollständig aus der Region und wurde möglichst ganzheitlich im gemeindeeigenen Sägewerk verarbeitet. Das Material wurde je nach Eigenschaft und Endnutzen unterschiedlich verarbeitet. So wurde zum Beispiel das Kernholz für die Pfosten oder das Riftholz für die Bodenbretter genutzt.

Verschmelzen von Mensch und Natur

Im Innern der Tegia verändert sich die Wahrnehmung sofort. Holz dominiert auch hier den Raum – an Wänden, Boden und Decke. In der Mitte steht ein Ofen aus lokalem Gneis. Er ist eines der wenigen Elemente, das die Materialeinheit bricht – und genau dadurch umso stärker wirkt. Holz prägt den Raum vollständig und erzeugt eine spürbare Ruhe. Die seitlichen Einbauten und die geschlossene Rückwand verstärken den geschützten, fast nischenartigen Charakter des Raums.

Die vierte, gegen Süden gerichtete Fassade öffnet sich gänzlich mit durchgehenden, bodentiefen Fenstern dem Wald und lässt Licht hinein. Holzboden und -decke ziehen sich vom Innen- in den Aussenraum – Haus und Wald verschmelzen. Nicht nur die Materialisierung lässt Innen- und Aussenraum eins werden, sondern auch die Akustik; innen wie aussen schluckt Holz und Gespräche werden gedämpft. Dazu kommt die isolierende Schafwolle, an Decke und Wänden sichtbar.

Warum dieser Ort funktioniert

In einem Beitrag vom BauNetz über Caminadas Waldhütte schreibt der Autor Tim Berge: «Es gibt sie, diese Orte, die eigentlich keiner Architektur bedürfen.» Und trotzdem steht sie da, die Tegia da vaut. Funktioniert sie, weil sie sich vollumfänglich ihrer Umgebung angepasst hat?

Die Hütte wurde 2013 gebaut und dient seitdem als Schule im Wald: für in Waldberufen tätige Menschen der Region, für Schulklassen und Vereine. Daneben kann sie auch für Veranstaltungen gebucht werden. Die Tegia da vaut funktioniert nicht nur wegen ihres praktischen Nutzens oder weil sie sich in ihre Umgebung so wunderbar einfügt, sondern auch, weil wir Menschen uns nach Einfachheit und Verbindung sehnen. Sie will wieder Wald sein – und trifft damit ein Urbedürfnis: den Wunsch nach Verwurzelung. Das Projekt zeigt: Nachhaltiges Bauen ist nicht zwingend komplexer – im Gegenteil.

Besichtigung der Tegia da vaut von Gion A. Caminada in Domat/Ems

It’s all about Transformation

Viele Orte in der Schweiz verändern sich durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Nutzungen verändern sich, Gebäude verlieren ihre ursprüngliche Funktion, ganze Quartiere werden neu gedacht. Um Ressourcen zu schonen und Graue Energie zu nutzen, gilt heute: Das Neue steckt im Vorhandenen. Die Bauindustrie verbraucht weltweit die Hälfte der Rohstoffe, und die Schweiz produziert pro Sekunde 540 Kilogramm Bauabfall. Eine Umnutzung im Vergleich zu Abriss und Neubau ist ökologischer.

Die Grundlage der Entwurfsarbeit des sechsten Semesters bilden verschiedene Gebäude in Ilanz und Chur – darunter ein ehemaliges Spital und eine frühere Fuhrhalterei – deren zukünftige Entwicklung offen ist. Die Studierenden erarbeiten räumliche Entwürfe, welche die spezifischen Potenziale, Charakteristiken und strukturellen Qualitäten der einzelnen Bauwerke analysieren und weiterdenken. Das Modul wird von den Dozierenden Adriana D’Inca, Philipp Imboden, Lucrezia Vonzun und Georgi Georgiev geleitet.

Vom Industriebau zum Wohnhaus – das Weinlager

Ein Beispiel für eine gelungene Transformation zeigte sich den Studierenden während der Blockwoche in Basel: das ehemalige Coop-Weinlager im Quartier Lysbüchel. Der aus dem Jahr 1955 stammende Industriebau verwandelte sich 2023 in ein Wohnhaus. Die Revitalisierung von Industriebrachen als stadtplanerisches Mittel hat sich bereits oft bewährt. Gerade auch weil in Städten die Frage nach kostengünstigem Wohnraum immer wieder ein Thema ist. Die Stiftung Habitat, die sich in Basel für bezahlbaren Wohnraum einsetzt, hat das Gebäude gekauft und das Zürcher Architekturbüro Esch Sintzel hat den Wettbewerb für die Umnutzung gewonnen.

Insgesamt sind 64 Wohnungen entstanden – von 1,5-Zimmer-Apartments bis zu 7,5-Zimmer-Familienwohnungen. Auch eine Café-Bar, ein Gewerberaum, Joker- und Gästezimmer, ein Gemeinschaftsraum, eine Dachterrasse, Musik-Proberäume, Velo-Parking und eine Einstellhalle fanden Platz im Grundriss.

Zwischen Bewahren und Weiterbauen

Die Prinzipien des Umbaus sind uns eigentlich bekannt. Die Denkmalpflege untersucht das Gebäude oder Teile davon und danach wird definiert, was historisch wertvoll ist und bleiben muss. Das gleiche Vorgehen kann auch sonst angewendet werden. Dabei kann aber das Wort historisch mit nachhaltig ersetzt werden.

Die prägnanten Pilzstützen bildeten den Ausgangspunkt des Entwurfs. Sie werden nicht nur einfach erhalten sondern auf verschiedene Weise freigespielt und in Szene gesetzt.

Die Gestaltung der neuen Innenräume des ehemaligen Weinlagers ist schlicht und zurückhaltend und der Industriecharakter ist nach wie vor präsent. Die prägnanten Pilzstützen definieren das ganze Gebäude und dessen Organisation. Dazu kamen Holzsäulen im doppelten Takt der Betonstützen, ebenfalls mit tragenden Funktionen. Das Holz bringt, auch hier, umgeben von Beton, Wärme hinein.

Die Fassaden wurden neu gemacht, erinnern aber an die industrielle Vergangenheit des Weinlagers. Sie sehen aus, als könnte man sie auseinandernehmen. Auch das gehört dazu: den Bau niemals als etwas Finales anzusehen, denn die Bedürfnisse werden sich wieder verändern und die nächste Transformation wird kommen.

Drei Orte, drei Ansätze – und doch eine gemeinsame Erkenntnis: Nachhaltigkeit ist keine Zusatzaufgabe, sondern eine Haltung, die den Entwurf von Beginn an prägt.

Umnutzung Weinlager, Basel Foto: Samuel Wiermer (SM)

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Foto: Anina Kleiner AK

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www.fhgr.ch/architektur

www.fhgr.ch/ibar

Zum Thema: Nach­hal­ti­ge Bau­tra­di­ti­on in der Sur­sel­va: Oberes De­flor­in­haus in Rueun - Blog - Institut Bauen im alpinen Raum

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