Wie stellen Sie sich das Paradies vor? Sehr wahrscheinlich als landschaftliche Idylle im Sinne Garten Edens. Im Gegensatz dazu war im Mittelalter das Sinnbild für das Paradies das himmlische Jerusalem, eine in Weiss schillernde steinerne Stadt. Die Vorstellung vom Paradies zeigt meistens die Gegenposition zum gelebten Leben. Im Mittelalter hatte man mehr als genug Natur und so ersehnte man sich die kultivierte Stadt. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts haben den Kontakt zur unberührten Natur oftmals verloren, deshalb ist für die meistens von uns das Paradies eine Naturlandschaft. Diese Sehnsucht nach dem Anderen zeigt sich auch in der alpinen Bautradition.
Von Holz zu Stein
Vom 16. bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden Wohnhäuser im Kantholzblockbau ausgeführt, für Ställe und Scheunen verwendete man den Rundholzblockbau. Um sich vom gewöhnlichen Volk abzugrenzen, baute der lokale Dienstadel – Amtsträger, Kaufleute, Militär und Klerus – für sich Steinhäuser, das Besondere als Distinktionsmerkmal. Neben dem anderen Erscheinungsbild ging es der Nobilität auch darum, zu zeigen, dass man sich das Besondere leisten kann.
Der Kalkputz als Schutz
In der Regel waren diese Steinhäuser mit Kalkputz weiss verputzt, weshalb sie oftmals entsprechend benannt wurden: Casa Alva. Aus Holz oder Stein errichtete Gebäude können ohne Verputz der Witterung trotzen, mit einer äussersten Putzschicht ist der Witterungsschutz besser, zudem erhöht der Kalkputz den Brandschutz entscheidend. Der grosse Feind der historischen Bebauungsstruktur war die Feuersbrunst.
In Rueun steht das 1612 durch Landrichter Johann Simeon Deflorin und seiner Frau Anna von Capol errichtete Obere Deflorinhaus. Als massiver Baukörper steht dieses an prominenter Lage gegenüber der Pfarrkirche. Ganz in der Tradition des Besonderen gedacht, wurde das Obere Deflorinhaus in Bruchstein errichtet und danach verputzt. Sowohl die Fassade als auch die meisten Innenräume zeigten sich ursprünglich in weissem Kalkputz. Im Verlauf der Jahrhunderte wurde vieles ergänzt, oftmals nicht zum Vorteil der Bausubstanz. Der ursprüngliche Kalkputz «erstickte» unter den darüber aufgetragenen Schichten.
Nachhaltige Bautradition im Oberen Deflorinhaus
In der 2022 begonnenen Renovation des Oberen Deflorinhauses – durchgeführt durch das Architekturbüro Nickisch Walder – musste deshalb der Kalksteinputz oftmals komplett neu aufgebaut werden. Hierzu galt es, zuerst die bestehenden Putzschichten zu entfernen und im nächsten Arbeitsschritt fehlerhafte Stellen auszubessern. Anhand der Gewölbehalle (siehe Abbildung weiter unten) kann dieser Arbeitsschritt schön aufgezeigt werden. Im Gegenlicht sehen wir das gefleckte Gewölbe.
Noch im Originalzustand vorhandene Stellen sind heller als die ausgebesserten Stellen, welche eine leicht gräuliche Einfärbung zeigen. Da das ursprüngliche Gewölbe eingeknickt war, mussten nach strukturellen Sanierungsarbeiten an den freigelegten Gewölben sowohl Kanten als auch Gewölbeanschlüsse neu gezogen werden. Mit viel Gespür wurde eine neue und dennoch nicht zu präzise, sondern dem Gebäude entsprechende Linienführung gefunden, ausgeführt durch Joel Aubry, Giulian Caminada und Noah Capeder von Baukunst Graubünden aus Ilanz.
Erst dieses Weiss lässt die durch die feine Handwerksarbeit entstandene Linienführung in Erscheinung treten, ein Licht-Schattenspiel in feinsten Grauabstufungen.
Danach wurde das Gewölbe mit Sumpfkalkmörtel in drei dünnen Schichten verputzt und mit der so edel erscheinenden weissen Sumpfkalkfarbe gestrichen. Erst dieses Weiss lässt die durch die feine Handwerksarbeit entstandene Linienführung in Erscheinung treten, ein Licht-Schattenspiel in feinsten Grauabstufungen. Dieses Spiel weit gefächerter Abschattungen im weissem Kalkputz des Oberen Deflorinhauses ist dermassen bezaubernd, dass gewisse Assoziationen ans Paradies entstehen, ein Paradies bereits im Diesseits und das Paradies nicht als Garten Eden, sondern als edles Licht-Schattenspiel aus Stein, Kalkputz und Kalkfarbe.
Das von der FH Graubünden in Zusammenarbeit mit der Regiun Surselva geführte Surselva Lab organisiert im November 2025 eine Veranstaltungsreihe zum Thema der nachhaltigen Baukultur in der Surselva: am 29. November zum Thema Kalkputz und Kalkfarben in Zusammenarbeit mit Baukunst Graubünden in Ilanz. Hier können Sie sich anmelden.
Einmal im Monat beleuchtet die Fachhochschule Graubünden im Bündner Tagblatt
Aspekte rund um das Thema Baukultur.
Mehr zum Thema: KI im Dienste der Baukultur - Blog - Institut Bauen im alpinen Raum
Autor
Prof. Dr. Daniel Näf ist Dozent am Institut für Bauen im alpinen Raum und leitet interimistisch das Surselva Lab.