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Institut Bauen im alpinen Raum Blog

Lang­sa­mes Ent­wer­fen – über die ar­chi­tek­to­ni­sche Haltung im Studio Trun

Die Architekturstudierenden des fünften Semesters an der Fachhochschule Graubünden befinden sich im Endspurt des Moduls «Studio Trun». Der Begriff Studio, abgeleitet vom lateinischen studere, bezeichnete ursprünglich einen Ort des konzentrierten Lernens und der vertieften Auseinandersetzung – eine Tätigkeit, die Zeit braucht. Doch was bedeutet langsames Entwerfen? Ist ein Entwurf, der sich verändern und wachsen darf, besser als einer, der über Nacht entsteht?

Langsames Entwerfen. Eine Ausstellung in Trun am Ende der Einführungswoche, Foto Philipp Imboden
Eine Ausstellung in Trun am Ende der Einführungswoche zeigt das Gesammelte der Studierenden, Foto Philipp Imboden
Mehr als ein Durchfahrtsort

Im «Studio Trun» befassen sich die Studierenden – wie der Titel bereits verrät – mit der Gemeinde Trun in der Surselva. Der Ort zeigt sich auf den ersten Blick als typischer Durchfahrtsort: eine Hauptstrasse, ein Volg, einige wenige Restaurants. Aber da ist mehr! Besonders durch die Tuchfabrik, die im 20. Jahrhundert ein wichtiger Arbeitgeber für das Tal war, hat Trun eine etwas alternative Geschichte geschrieben. Noch heute gibt es dadurch Räume und Orte, in denen andere Nutzungen möglich sind als in vergleichbaren Dörfern.

«Trun könnte sich derzeit an einem Wendepunkt befinden», meinen Philipp Imboden, Adriana D’Inca, Georgi Georgiev und Lucrezia Vonzun. «Mit dem entstehenden Kulturtourismus steigt das Interesse am Ort. Jetzt können öffentliche Räume noch sensibel weitergedacht werden – bevor sich rein ökonomische Interessen durchsetzen», führt Imboden aus. Die vier Dozierenden eint ihr Interesse am Bestand, zugleich bringen sie unterschiedliche Bezüge zu Graubünden und zur Praxis mit. «Diese verschiedenen Blickweisen auf den Bestand ermöglichen eine enorm reichhaltige Diskussion. Niemand hat das Gefühl, es besser zu wissen als die anderen», erzählt Vonzun.

Den Ort lesen lernen

Der Einstieg ins Modul erfolgte für die Studierenden über Spaziergänge, inspiriert vom Soziologen Lucius Burckhardt. Dieser begründete die Promenadologie, auch Spaziergangswissenschaft genannt – eine kulturwissenschaftliche Methode, die untersucht, wie Mobilität und Wahrnehmung unser Planen und Bauen beeinflussen. Anders als das Flanieren ist sie bewusst nostalgiefrei.

Aus den Spaziergängen entwickelten die Studierenden eine investigative Feldforschung. Systematisch und analytisch, zugleich aber auch gestalterisch und feinfühlig näherten sich die Studierenden dem Dorf. Sie traten in Kontakt mit Einheimischen, stellten Fragen, hörten zu und hinterfragten. Sie richteten den Blick nach Innen und Aussen und nahmen verschiedene Perspektiven ein. Denn allzu oft, so die Haltung im Studio Trun, kommt man an einen Ort und legt ihm unbewusst die eigene Realität auf.

Trun prägt eine ambivalente Beziehung zwischen Abgelegenheit und Weltanbindung. Das Dorf zeigt sich weder als klassisches Tourismusdorf noch als vergessener Ort. Die Studierenden lernen ein lebendiges, kunstbegeistertes und innovatives Dorf kennen, das seine Geschichte schätzt und pflegt. Ziel war es, über das bequeme Klischee von Harmonie, Selbstversorgung und Eigenständigkeit hinauszublicken – und herauszufinden: Was macht diesen Ort wirklich aus?

Das Dorf als Studio

So vergingen die ersten Wochen des Moduls ohne Pläne zu zeichnen oder Modelle zu bauen. Das sind sich die Studierenden nicht gewohnt. Statt einer klar definierten Aufgabe galt es, die eigene Fragestellung und Haltung erst zu entwickeln. Entwerfen, ohne das eigentliche Ziel zu kennen, erwies sich, verständlicherweise, für viele als fordernd.

Dafür aber entstanden Karten und Collagen mit gesammelten Daten und Eindrücken, Interviews mit Einheimischen und Gästen, ein Sammelsurium an Zeichnungen und Fotografien, Geräuschen, Farben und Formen. Alles floss wiederum in Analysen mit ein. Das Gesammelte wurde auch geteilt; so haben die Studierenden selbst öffentliche, alternative Dorfführungen durch Trun gegeben und ihre persönlichen Perspektiven, Wahrnehmungen und Bedeutungen aufgezeigt. Das Dorf selbst wurde so zu ihrem Studio.

Einblick in die alternativen Dorfrundgänge in Trun... (Foto Georgi Georgiev)

...hier in der Skulptur Ogna... (Foto Philipp Imboden)

...und zwischen Häusern und Gärten unterwegs...(Foto Georgi Georgiev)

...bei schönstem Herbstwetter.... (Foto Georgi Georgiev)

....mit toller Begleitung... Foto Philipp Imboden)

(Foto Georgi Georgiev)

...offenen Ohren... (Foto Georgi Georgiev)

...und gezeichneten Karten... (Foto Georgi Georgiev)

(Foto Georgi Georgiev)

(Foto Georgi Georgiev)

(Foto Georgi Georgiev)

(Foto Georgi Georgiev)

Langsames Entwerfen ist eine Haltung: eine Form des Arbeitens, die einem Ort Zeit gibt, sich zu zeigen.

Langsames Entwerfen als Haltung

Das Studio Trun lehrt die künftigen Architekturschaffenden, sich auf einen Ort einzulassen, und zwingt sie, sich zu fragen: «Was ist hier möglich – und zwar nur hier?» Damit verbunden ist eine bewusste Skepsis gegenüber dem «möglichst Bauen», ebenso die Auseinandersetzung mit der Zeitlichkeit von Architektur und der Ökonomie der Mittel: Wie lange soll etwas bestehen? Welche Eingriffstiefe ist gerechtfertigt? Braucht es das wirklich?

Alles Themen, die in einer von Klimawandel, Ressourcenknappheit und gesellschaftlichem Wandel geprägten Welt von zentraler Bedeutung sind. Was wesentlich ist, zeigt sich nicht am Anfang, sondern im Prozess. Durch wiederholtes Hinterfragen und behutsame Entscheidungen können so Projekte entstehen, die vorhandene Qualitäten stärken und neue Perspektiven eröffnen. Langsames Entwerfen ist eine Haltung: eine Form des Arbeitens, die einem Ort Zeit gibt, sich zu zeigen.

Das von den Studierenden gebaute Situationsmodell von Trun, Foto Georgi Georgiev

Einmal im Monat beleuchtet die Fachhochschule Graubünden im Bündner Tagblatt Aspekte rund um das Thema Baukultur.

www.fhgr.ch/architektur

www.fhgr.ch/ibar

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