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Institut Bauen im alpinen Raum Blog

Mo­du­la­ri­tät als Konzept – eine Bus­hal­te­stel­le für das Fach­hoch­schul­zen­trum

Lisa (27) und Jana (23), zwei Architekturstudentinnen des ersten Semesters, die ihren Weg von München und Graz an die FHGR nach Chur gefunden haben, sprechen im Interview über ihre Motivation, ihre ersten Erfahrungen im Studium und ihr gemeinsames Projekt: eine modular gedachte Bushaltestelle gegenüber dem zukünftigen Fachhochschulzentrum.

Hallo ihr zwei. Mögt ihr euch als erstes einmal vorstellen? Wer seid ihr?

LT: Ich bin Lisa, 27 Jahre alt und komme ursprünglich aus dem weiteren Münchner Umland. Ich habe zuerst in Erlangen Kunstgeschichte studiert und bin danach für das Innenarchitekturstudium nach München gezogen.

JP: Ich bin Jana, 23 Jahre alt und ursprünglich aus Graz in Österreich. Der Wunsch nach Abwechslung hat mich vor einigen Jahren nach München geführt. Dort habe ich – ebenfalls an der Akademie – Innenarchitektur studiert. Während des Studiums hatten wir aber noch nicht viel Kontakt, da Lisa ein Jahr über mir war. Nur ab und zu gab es semesterübergreifende Projekte.

Wie hat es euch hierher nach Chur an die FHGR geführt?

LT: Nach dem Innenarchitekturstudium hatten wir beide das Gefühl, dass wir noch nicht da sind, wo wir gerne wären. Wir haben das Potenzial hier an der Fachhochschule gesehen: die kleinen Klassen, das Persönliche, die Spezialisierung auf das Bauen im alpinen Raum, was wir beide sehr interessant finden. Auch der Realitätsbezug – mit dem die FH ja wirbt – war ein klarer Pluspunkt. Den Weg nach Chur haben wir aber unabhängig voneinander gefunden.

JP: Ich fand das Bauen im Bestand schon immer spannend und dachte ursprünglich, dass mir das Innenarchitekturstudium genau das bieten würde. Das war jedoch nicht der Fall; es ging primär um das Einrichten. Vor allem das Thema Denkmalschutz hat mir gefehlt – hier in Chur ist das sowohl im Studium als auch in der Realität sehr präsent. Dazu kommt, dass ich selbst sehr gerne in den Bergen bin. Also hat mich auch der mit dem Studium einhergehende Umzug gereizt.

Die Universität Innsbruck war ebenfalls eine Option für mich. Ich habe mich dann aber vor allem wegen der Grösse der Schule und der Klassen sowie der Art der Zusammenarbeit gegen Innsbruck und für Chur entschieden. Ich hatte das Gefühl, dort unterzugehen, und dass ich hier in Chur meinen Platz eher finden würde.

Bushaltestelle Ansicht I

Lageplan Fachhochschulezentrum mit Bushaltestelle

Bushaltestelle Ansicht I

Bushaltestelle Ansicht II

Was war die Aufgabenstellung im Modul «Kleinbau im öffentlichen Raum»? Welche Rahmenbedingungen und Vorgaben gab es?

JP: Die Aufgabe war, eine Bushaltestelle gegenüber dem zukünftigen Fachhochschulzentrum zu entwerfen. Wir sollten mit regenerativen und nachhaltigen Materialien bauen und regionale Baustoffe verwenden. Ausgehend von den bestehenden Bushaltestellen in Chur gab es Vorgaben zur Maximalmasse und Raumhöhe. Zudem sollte die Haltestelle auf Betonfundamenten stehen und so konstruiert sein, dass sie von Lehrlingen aufgebaut und später wieder abgebaut werden kann – also eine modulare Bauweise, bei der auch einzelne Teile leicht austauschbar sind. Eine Werbetafel und ein Abfallhei mussten miteingeplant und der Park nebenan sollte miteinbezogen werden. Das Kostendach lag bei 50'000 Franken.

Stellt mir doch bitte euer Projekt (H)Modul vor.

LT: Unsere Idee war, das Konzept der Modularität auf die Spitze zu treiben. Wir wollten ein so einfaches Konstruktionsprinzip entwerfen, dass es im Grunde von jeder Person – egal mit welchem Hintergrund – innerhalb weniger Schritte aufgebaut werden kann. So entstand das Führungsprinzip der Kreuzüberblattung. Dabei werden Wandscheiben ineinandergesteckt. Diese Wandscheiben sind auf einem Betonfundament mit einem U-Profil verankert und werden mit Dachbalken verbunden. Ein Flachdach schützt vor Witterung.

Diese Konstruktion zieht sich durch das gesamte Projekt: von den Wandelementen über die Sitzinsel, die ebenfalls gesteckt ist, bis zu zwei Lehnsitzen – zwei schräg eingesteckten Holzplatten, an die man sich beim Warten anlehnen kann. So wollten wir unterschiedliche Sitz-, Steh- und Lehnsituationen schaffen – für auf den Bus wartende Personen ebenso wie für Menschen, die einfach eine Verschnaufpause brauchen. Ausserdem und für uns selbstverständlich ist die Bushaltestelle barrierefrei.

JP: Um die Farbigkeit von Chur – beziehungsweise das Wappen – sowie die Gestaltung anderer Bushaltestellen in der Stadt aufzugreifen, haben wir die Stirnseiten der Wandelemente, die übrigens aus Kiefernholz sind, rot lackiert. Der Lack dient auch als Witterungsschutz. Um den Kontrast zu erhöhen, wurden die restlichen Holzflächen weiss lasiert. So wird die Farbe zum identitätsstiftenden Element. Der Projekttitel «H-Modul» verweist sowohl auf das Wort Haltestelle als auch auf die charakteristische H-Form unserer Wandscheiben.

Wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, Materialien in die Hand nehmen, besprechen, ausprobieren und herumbasteln, entsteht oft ganz unverhofft etwas Spannendes.

Lisa Traub
Wie waren euer Vorgehen und die Zusammenarbeit?

JP: Zu Beginn haben wir uns individuell orientiert und recherchiert, was uns jeweils am besten gefiel. Danach haben wir uns zusammengesetzt und geschaut: Wo liegt unser gemeinsamer Nenner? Wo überschneiden sich unsere Ideen? Was ist die Qualität des jeweils anderen? Und können wir daraus etwas entwickeln, das uns beiden gefällt? Die Grundform hatten wir tatsächlich ziemlich schnell. Natürlich gab es im Verlauf immer wieder kleinere Unstimmigkeiten, die wir aber gut kommunizieren und schnell aus dem Weg räumen konnten. Gearbeitet haben wir immer bei Lisa zu Hause – dort hatten wir unsere Ruhe und guten Kaffee.

LT: Unsere Stärken und Schwächen sind, sicher auch durch unseren ähnlichen Background, ähnlich ausgeprägt – das war für das erste gemeinsame Projekt ein Vorteil. So konnten wir uns voll und ganz auf den Entwurf konzentrieren. Wir mussten feststellen, dass bei uns vieles über das Modellbauen funktioniert. Wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen, Materialien in die Hand nehmen, besprechen, ausprobieren und herumbasteln, entsteht oft ganz unverhofft etwas Spannendes.

Was war schwierig? Beim Entwurf? Bei der Konstruktion?

LT: Wir hatten vor allem mit der Sitzbank grosse Schwierigkeiten. Da die Bushaltestelle selbst relativ früh stand, haben wir uns schnell mit Details befasst. Die Sitzbank haben wir über Wochen hinweg immer wieder auseinandergenommen und neu angedacht. Wir wollten die Konstruktionsweise der Bushaltestelle, beziehungsweise das Steckprinzip der Kreuzüberblattung, aufgreifen, jedoch nicht 1:1 kleiner skalieren oder zu kopieren.

Gelöst hat sich das Problem erst, als die Vorgab eines Betonfundaments unter der Sitzbank aufgehoben wurde. So konnten wir unsere Idee stringent durch den ganzen Entwurf ziehen, ohne bei der Sitzinsel eine Ausnahme machen zu müssen.

Konstruktive Ansicht Bushaltestelle

Isometrie Bushaltestelle

Isometrie Stecksystem

Isometrie Sitzbank

Seitenansicht Bushaltestelle

Flyer (H)Modul, Schritt-für-Schritt-Anleitung

Das wollten wir mit der Ikea-Anleitung auch noch einmal verdeutlichen: Der Aufbau unserer Bushaltestelle ist kinderleicht.

Jana Pichler
Was ist das Highlight eures Projektes? Was ist die Grösste Qualität?

JP: Ganz klar die Modularität unserer Bushaltestelle. Das wollten wir mit der «Ikea-Anleitung» auch noch einmal verdeutlichen: Der Aufbau unserer Bushaltestelle ist kinderleicht. Ausserdem kann das System beliebig vergrössert oder verkleinert werden und ist damit an verschiedenen Standorten einsetzbar. Dasselbe gilt für die Farbigkeit. Das Rot könnte an einem anderen Ort ersetzt werden.

Wie hat euch dieses erste Projekt im Studium gefallen?

JP: Ich fand es spannend, weil es sich eben nicht um ein Gebäude, sondern um einen Kleinbau handelte. Man kennt solche Bauten, man nutzt sie selbst – man hat also automatisch einen Bezug dazu.

LT: Mir gefiel die Aufgabe sehr gut. Es war die perfekte Grösse für den ersten Entwurf: schon räumlich, aber nicht zu komplex. Auch die Verortung war toll – man geht täglich daran vorbei, wenn man hier in’s Atelier kommt. Und der Gedanke, dass es umgesetzt werden könnte, also die Nähe zur Realität, war sehr motivierend.

Was wünscht ihr euch für den weiteren Verlauf des Studiums?

JP: Als Nächstes geht es darum, eine Halle zu entwerfen. Von der Dimension her also etwas ganz anderes. Ich bin gespannt, was bei diesem Projekt anders wird, und was gleichbleibt. Ich freue mich, die Menschen an einem Standort stärker miteinzubeziehen – wie dies zum Beispiel die Studierenden des 5. Semesters gerade machen. Ausserdem hoffe ich, dass wir auch Aufgaben im weiteren alpinen Raum bekommen und auch mehr über die dortigen ortsspezifischen Herausforderungen lernen. Und zuletzt bin ich neugierig, wenn auch etwas zögerlich, einmal nicht mit Lisa zusammenzuarbeiten und zu sehen, was ich von den anderen Kommilitonen lernen kann.

LT: Ich bin ebenfalls gespannt auf die kommenden Semester und Projekte. Diese werden bestimmt neue Herausforderungen mit sich bringen, aber dafür sind wir hier. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass wir hier genügend Unterstützung bekommen und – wenn nötig – auch einmal an die Hand genommen werden, um das gut zu meistern. In diesen vergangenen Wochen und Monaten hier an der Fachhochschule habe ich schon fast mehr mitgenommen als in den drei Jahren meines Innenarchitekturstudiums. Es kann nur lehrreich werden. Ich freue mich darauf!

Lisa (l.) und Jana sind diesen Sommer für das Architekturstudium nach Chur gezogen.

www.fhgr.ch/architektur

www.fhgr.ch/ibar

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