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Institut Bauen im alpinen Raum Blog

Visualisierungen aus dem Abschlussprojekt «Mehr Lernen auf gleichem Fussabdruck»

Mehr lernen auf glei­chem Fuss­ab­druck – Ein­blick in ein Ab­schluss­pro­jekt


Felix Flaig (22) stammt ursprünglich aus der Nähe von Stuttgart. Um an der Fachhochschule Graubünden Architektur zu studieren, ist er vor drei Jahren nach Chur gezogen – diesen Sommer schliesst er sein Bachelorstudium ab. Barbara Truog hat mit ihm über sein Abschlussprojekt, den Entwurfsprozess und seine Pläne für die Zukunft gesprochen.

Situationsmodell Schiers 1:200

In Grün: die Aufstockung von Felix

Hallo Felix. Magst du unseren Leser:innen die Aufgabestellung der diesjährigen Thesis kurz erklären?

Das kann ich gerne machen. Es ging darum, einen Bebauungsvorschlag für die Umnutzung und Erweiterung der Evangelischen Mittelschule Schiers (EMS) zu entwickeln. Die bestehenden Gebäude sind in die Jahre gekommen, erfüllen weder die heutigen baulichen Vorschriften noch die funktionalen Anforderungen der Schule. Der Entwurf sollte neue Schul- und Gruppenräume, eine Lernlandschaft, Multi-Media-Räume sowie eine Umorganisation der Schulverwaltung beinhalten. Ob dies ein Ersatzneubau, ein Umbau mit Erweiterung oder wie in meinem Fall eine Aufstockung ist, war uns Studierenden überlassen.

Erzähl mir von deinem Abschlussprojekt.

Die Grundidee meines Abschlussprojektes war, an dem gegenwärtig schwächsten Punkt des Areals weiterzubauen. So verbaue ich keine zusätzliche Fläche und entwickle etwas aus dem Ort heraus. Die drei bestehenden Bauten – Steinbau, Altbau und Zwischenbau – prägen sowohl das Schulareal als auch das Dorfbild und stehen teilweise unter Denkmalschutz. Um dem Bedürfnis nach mehr Raum nachzukommen, entschied ich mich dazu, die heutige eingeschossige Mensa, als niedrigstes und räumlich wie architektonisch unattraktivstes Bauvolumen, aufzustocken. Die klare Tragstruktur aus Beton erlaubt eine unkomplizierte Aufstockung und Erweiterung. Zusätzlich begrenzt die Aufstockung die angrenzende Wiese noch weiter und schafft dadurch eine klar definierte Freifläche.

Visualisierungen aus dem Abschlussprojekt «Mehr lernen auf gleichem Fussabdruck» von Felix Flaig.

Visualisierungen aus dem Abschlussprojekt «Mehr lernen auf gleichem Fussabdruck» von Felix Flaig.


Die Aufstockung ergänzt das Gefüge leise und selbstverständlich. Das Projekt steht exemplarisch für einen Umgang mit dem Bestand, der Respekt und Weiterentwicklung verbindet. Der Bestand wächst räumlich und funktional, ohne seinen Charakter zu verlieren.

Welche neuen Räume entstehen durch die Aufstockung?

Im ersten Stock der Aufstockung entstehen neue Schul- und Gruppenräume, im zweiten ein grosser, flexibler Raum mit mobilen Schiebewänden. Je nach Bedarf kann dieser rund 300 m² grosse Raum in kleinere Einheiten unterteilt oder als Aula, Konferenzraum oder grösseres Lernatelier genutzt werden. Die Nutzer:innen entscheiden, wie sie den Raum verwenden möchten – das schafft Platz für unterschiedliche Unterrichtsformate und sich wandelnde Lernbedürfnisse.

Das klingt spannend. Wie ist es mit der Erschliessung? Und gibt es auch Veränderungen im Aussenraum?

Ein zentrales Element meines Abschlussprojektes ist das neue Treppenhaus, das eine barrierefreie Verbindung zwischen der aufgestockten Mensa und den bestehenden Gebäuden schafft – etwas, das bislang fehlte. Weder die Aula noch die Mensa sind heute barrierefrei zugänglich. Die Aula hat zudem nur einen Fluchtweg, was feuerpolizeilich problematisch ist. Auch im Aussenraum passiert etwas: Die angrenzende Wiesenfläche wird mit Sitzgelegenheiten und Pflanzen neu gestaltet – als ruhiger Rückzugs- und Lernort. Sie bildet einen Kontrast zum bestehenden Betonplatz.

Was hast du an den bestehenden Gebäuden verändert?

Im Strickbau habe ich die Raumhöhen jenen des Steinbaus angepasst, um die für Schulräume geforderte Höhe von drei Metern zu erreichen und einen stufenlosen Übergang in den Westbau und in die Aula zu ermöglichen. Die Raumhöhen des Steinbaus bleiben erhalten. Durch die veränderten Deckenhöhen mussten auch die Fenster angepasst werden. In den Bestandsbauten finden nun die neue Lernlandschaft, zusätzliche Klassen-, Gruppen- und Arbeitsräume, Pausen- und Ruhezonen, der Verwaltungstrakt und die Multi-Media-Räume Platz. Auch die heute ungenutzte Terrasse zwischen West- und Altbau wird aktiviert.

Gibt es etwas, das dir besonders gefällt an deinem Abschlussprojekt?

Der oberste Raum der Aufstockung gefällt mir schon sehr gut. Vor allem wenn alle Trennwände geöffnet sind, ist der Raum wahnsinnig attraktiv. Die grosse Glaskuppel bringt viel Licht in den Raum, der sich durch die Fenster bis zum durchgehenden Balkon erweitert. Dabei ergibt sich eine tolle Rundumsicht in den Hof und ins Tal. Der Balkon ist 1.20 Meter breit und erfüllt neben der räumlichen Erweiterung auch eine sicherheitstechnische Funktion: Er dient als zweiter Fluchtweg, als Rettungsbalkon. Gleichzeitig verleiht er dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit und Feinheit. Die natürlichen Materialien – viel Holz, dazu ein geschliffener Terrazzo – tragen zu einer harmonischen Atmosphäre bei.

Ist die Aufstockung das Herz deines Entwurfs?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Es ist das Zusammenspiel aller Elemente, das zählt – das Ensemble als Ganzes.

Wie sieht dein Prozess beim Entwerfen aus?

Ich beginne meist damit, Referenzen, die thematisch passen und ich spannend finde, zusammen zu tragen. Vieles entwickelt sich dann in Diskussionen und im Austausch mit anderen, vor allem auch mit meinen Mitstudierenden. Insbesondere zu Beginn eines Projektes, so auch bei meinem Abschlussprojekt, ist es oftmals ein Auf und Ab. Wenn es dann einmal läuft und man merkt, dass sich etwas stimmig fügt, ist das ein tolles Gefühl.

Modell von Felix, Foto: Oliver Hänni

Modell von Felix, Foto: Oliver Hänni

Was macht dir besonders Freude im Entwurfsprozess – und was eher weniger?

Mir gefällt eigentlich fast alles. Besonders spannend finde ich Tragwerke: Zu überlegen, wie etwas statisch funktioniert, und daraus ein Raster zu entwickeln, auf das alles aufbaut. Dieses Austüfteln macht mir Freude. Weniger begeistert mich manchmal das Pläne zeichnen – das ist eher Fleissarbeit.

Das Modell der Aufstockung vom Abschlussprojekt von Felix, Foto: Oliver Hänni
Modell der Aufstockung, Foto: Oliver Hänni
Was sind deine Pläne nach deinem Abschluss?

Ich möchte gerne eine Weile arbeiten. Am liebsten in Chur oder Umgebung, da ich mich hier sehr wohlfühle und ein tolles Umfeld habe. Somit wünsche ich mir, ein Büro in der Region zu finden, mit einem stimmigen Team und spannenden Projekten. Ich freue mich darauf, Verantwortung zu übernehmen und praktische Erfahrungen zu sammeln. In zwei bis drei Jahren möchte ich noch einen Master machen, vielleicht an der ETH Zürich oder in Mendrisio an der Accademia di Architettura. Aber so weit voraus denke ich noch nicht – das wird sich dann zeigen.

Hast du ein Lieblingsbauwerk?

Im vierten Semester war ich mit meiner Klasse in Venedig auf Studienreise. Daniel Näf war als Dozent mit dabei. Damals und auch heute noch, beeindruckt mich die Detailverliebtheit in Carlo Scarpas Werken in Venedig, vor allem bei der Fondazione Querini Stampalia.

Gib es etwas, das du irgendwann einmal gerne bauen möchtest? Ein Wunsch? Träume!

Ich fände es toll, wenn mein Projekt aus dem 4. Semester einmal auf irgend eine Art Wirklichkeit werden könnte. Da habe ich ein Strandbad für Davos geplant. Ein Wunsch von mir ist sicherlich, einmal eine SAC Hütte bauen zu dürfen. Oder ein grossmassstäbliches Projekt wie zum Beispiel ein Museum, ein Hochschule oder eine Oper wäre auch spannend. Da fehlt es mir aber noch einiges an Erfahrung.

Alles klar, das kling nach einem Plan! Danke dir vielmals für das Gespräch, Felix. Herzliche Gratulation zu deinem gelungenen Abschlussprojekt und alles Gute für deine Zukunft.

www.fhgr.ch/architektur

www.fhgr.ch/ibar

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