Vermehrt wird von Architekturbüros während des Entwurfsprozesses in penibler Kleinstarbeit – angelehnt an die Archäologie – vorhandene Bausubstanz untersucht. In dieser Herangehensweise liegt die Chance, das inhärente Potenzial zu erkennen, die Baukultur weiterzuspinnen und Architektur in ihrem Kontext zu verankern. Besonders geeignet für diesen Ansatz sind historische Bauten und Dorfstrukturen, da sie einen gewichtigen Teil des kulturellen Kapitals repräsentieren. Übergeordnet betrachtet, ist der bestehende gebaute Raum das Ergebnis einer über Jahrhunderte gemeinsam gewachsenen Baukultur. Wissen, Techniken und Ideen, die spezifisch für einen Ort sind, wurden in Architektur übertragen.
Resilienz durch Weiterbauen
Dieses im Raum inhärente Kapital kann einen reichen Schatz für die Arbeit von Architekturbüros darstellen. Seit Jahrtausenden besteht die Aufgabe der Architektur darin, Bestehendes weiterzuentwickeln und anzupassen. Im Stadtplan von Florenz etwa zeichnet sich noch heute das Oval des antiken Amphitheaters in der Siedlungsstruktur ab. Ein Beispiel, das zeigt, dass die gebaute Umwelt einem konstanten Prozess unterliegt, in der Entwicklungsschritte ablesbar bleiben. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Bestehenden fördert Wissen zu Tage, wie sich Bauten oder Siedlungen über lange Zeiträume entwickelten und warum sie überdauert haben.
Diese Aspekte lassen sich unter dem Begriff Resilienz zusammenfassen. Architektinnen und Architekten können durch ihre Forschung und in der Anwendung der Erkenntnisse einen wichtigen Beitrag zur Resilienz von Baukultur beitragen. Besonders in Graubünden konnten sich durch präzise architektonische Eingriffe Dörfer beispielhaft behaupten, denen vor 20 Jahren der Niedergang prognostiziert wurde.
Hier wird neues Wissen aus bestehendem Handwerk für zukünftige Lösungen entwickelt.
Alpine Brachen und neue Perspektiven
Grosse Teile von Graubünden wurden 2006 vom ETH Studio Basel als «Alpine Brachen» kategorisiert. Sie bezeichnen Regionen, die seit Jahrzehnten von Abwanderung betroffen und nur schlecht an die ökonomisch starken Zentren angebunden sind. In der umfangreichen Publikation wird die Schweiz aus dem Blickwinkel der Urbanistik und Architektur eingeteilt, was sich im Titel «Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait» widerspiegelt (das Buch ist auf der Website des ETH Studio Basel frei zugänglich).
Das Werk strebt nach einer neuen Übersicht und Unterteilung; bürokratische Grenzen wurden überwunden. Metropolitanregionen, Städtenetze, Stille Zonen, Alpine Resorts und Alpine Brachen bilden die räumlichen Kategorien. Das grösste Territorium stellen die Alpinen Brachen dar, was angesichts der Ausdehnung der Alpen in der Schweiz wenig verwundert. Zahlreiche kleinere und grössere Alpine Ressorts liegen an oder innerhalb dieser Brachen und markieren die touristischen Zentren. Dementsprechend unterschieden die Autorinnen und Autoren in den Alpen zwischen produktiven und unproduktiven Gebieten: Die Ressorts prosperieren dank des Tourismus, während die Brachen zu Geisterdörfern werden.
Orte mit Charakter schaffen
Auch wenn die Dörfer abgeschrieben wurden, gibt es Personen und Vereine, die an sie glaubten und sie gemeinsam mit Architektinnen und Architekten weiterentwickelten. Sie stemmten sich mit innovativen Ideen und Herangehensweisen gegen die Abwanderung. Ausgangspunkt für diese architektonischen Vorhaben waren überwiegend Bestandsbauten. Dies ist beispielhaft für die Gegenwart, da das Bauland knapp ist und viele hochwertige Gebäude mit Potenzial in Siedlungen stehen.
Der forschende Entwurfsprozess entfaltete in solchen Orten seine volle Wirkung. Es wurde freigelegt, analysiert und das Anpassungspotenzial freigelegt. Ziel bei dieser Herangehensweise ist es, herauszufinden, wie vorhandene Ressourcen genutzt werden können, um auf gegenwärtige und zukünftige Anforderungen zu reagieren. Die bereits vorhandenen resilienten Qualitäten der Gebäude werden berücksichtigt. So lässt sich gewährleisten, dass auch in ferner Zukunft weitere Umnutzungen möglich sind und zugleich die Widerstandsfähigkeit der Baukultur gestärkt wird. In den sogenannten «Brachen» schlummert noch viel Potenzial. Sie können beispielhaft vorangehen und aufzeigen, in welche nachhaltige Richtung sich unsere Baukultur entwickeln kann.
Falls Sie mehr über die Herangehensweise des Forschens als Teil des Entwurfsprozesses erfahren möchten: Am Donnerstag, 30. April, um 19.00 Uhr organisiert die Fachhochschule Graubünden in der Aula Türligarten einen Vortrag mit dem Architekturbüro Schneider Stoner. Aus Platzgründen ist eine Anmeldung erforderlich.
Einmal im Monat beleuchtet die Fachhochschule Graubünden im Bündner Tagblatt Aspekte rund um das Thema Baukultur.
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Autor
Oliver Hänni ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Institut für Bauen im alpinen Raum.