In der Rathaushalle in Chur stehen wieder die Tannenbäume zum Verkauf und ihr Duft strömt in die umliegenden Gassen. Auf diesen ersten Hauch von Weihnachten Anfang Dezember freue ich mich jedes Jahr. Noch bevor ich die Bäume sehe, nehme ich den Ort über den Geruch wahr. Der Duft der Tannenbäume in der Rathaushalle verändert den Raum – plötzlich ist er aufgeladen mit Emotionen, Erinnerungen und Erwartungen. Das erinnert mich daran, dass Architektur nicht nur visuell wahrgenommen werden kann.
Über Architektur und die menschlichen Sinne
Architektur ist eine holistische Erfahrung des Körpers und Geists. Mit dem Themenspektrum Architektur und menschliche Sinne hat sich der finnische Architekt Juhani Pallasmaa in seinem Buch Die Augen der Haut auseinandergesetzt. Er beschreibt darin, wie der Mensch Räume erlebt: «Jede tiefergehende Architekturerfahrung ist multisensorisch; Auge, Nase, Zunge, Ohr, Haut, Skelett und Muskeln beurteilen die Eigenschaften von Raum, Material und Massstab».
Er erweitert die klassischen fünf Sinne zum einen um unsere Fähigkeit, den eigenen Körper in Relation zum gebauten Raum zu setzen. Dabei geht es um Proportionen: Wie hoch ist eine Türöffnung oder ein Eingang in Relation zu einem selbst? Zum anderen um die Dimension der Bewegung im Raum: Wie hoch sind die Treppenstufen? Ist es anstrengend oder gleitet es sich leicht nach oben? Diese verschiedenen Sinneseindrücke bewältigt der Mensch nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Laut Pallasmaa beeinflussen sie sich gegenseitig; sowohl im Moment als auch durch vergangene Erfahrungen.
Vielmehr ist Architektur eine holistische Erfahrung des Körpers und Geists
Sinnliche Erfahrungen und persönliche Erinnerungen
Bei der Lektüre des Buches von Pallasmaa blitzten mir immer wieder persönliche Erlebnisse auf. Sie waren mit sehr dichten Sinneseindrücken verbunden: der Besuch der Ausgrabungen von Delphi in Griechenland oder der Spaziergang durchs Unterdorf von Davos Monstein. In Delphi sind es die von der Sonne aufgewärmten Steine, die im Staub liegen und die Tempelanlagen erahnen lassen. Ihre leicht raue Oberfläche; behauen vor über 2000 Jahren, ist noch heute spürbar. Die trockene Erde verfängt sich in den Rillen und hinterlässt an den Fingern eine leichte Staubschicht. In der Luft verbinden sich die Hitze und der Staub zu einem ganz eigenen Duft.
Im Unterdorf von Davos Monstein beeindruckte mich, wie eng die winzigen Häuser – gemessen an heutigen Standards – beieinanderstehen. Dort, wo eigentlich ein schmaler Weg sein sollte, war der Boden von Gras bedeckt und auf den Halmen war noch leichter Tau zu erkennen. Die Strickbauten waren von der Sonne erwärmt und verströmten ihren ganz eigenen, über die letzten Jahrhunderte entwickelten Geruch. Ich konnte mit der Nase die Jahresringe förmlich spüren. Besonders faszinierend finde ich, wie der Geruchssinn – ein Sinn, den man nicht direkt mit Architektur verbindet – eine wichtige Rolle spielt.
Eine holistische Erfahrung des Körpers und Geists
In den beiden Situationen tauchten auch frühere Erinnerungen auf, zum Beispiel wie sich massive Holzbalken in der Hand anfühlen oder Erde durch die Finger gleitet. Darauf aufbauend konnten sich dichte Eindrücke der zwei Orte in mein Gedächtnis einnisten. Was bringt Architekt:innen und Architektur-Studierenden diese theoretische Auseinandersetzung, die Pallasmaa vor 30 Jahren angedacht hatte, heute?
Pallasmaa zeigt eine Möglichkeit auf, wie Architektur gedacht und entworfen werden kann. Er stellt den Menschen mit seinen Sinnen in den Mittelpunkt. Dabei beschreibt er auf wissenschaftlicher Ebene, wie der Mensch Architektur – die unser Leben rahmt – wahrnimmt. Es ist ein Appell für eine Architektur, die sich allen Sinnen zuwendet und sich auf die Materie konzentriert. Durch die Vielfalt und Breite der Eindrücke kann Architektur jedem, ob Laie oder Fachperson, einen Zugang bieten und so dichte Erinnerungen fördern. Pallasmaa schlussfolgert am Ende seines Buches wie folgt: «Gebäude und Städte erlauben uns, eine formlose Wirklichkeit zu gliedern, zu verstehen und zu erinnern – und letztlich zu erkennen, wer wir sind».
Einmal im Monat beleuchtet die Fachhochschule Graubünden im Bündner Tagblatt
Aspekte rund um das Thema Baukultur.
Ebenfalls von Oliver Hänni: Das Architekturmodell als Werkzeug - Blog - Institut Bauen im alpinen Raum
Autor
Oliver Hänni ist Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Institut für Bauen im alpinen Raum.