Prof. Sandra Bühler-Krebs war zu Gast beim Wissenschaftscafé, ein Format, das von der Academia Raetica organisiert wird, und sprach über Baukultur und Tourismus in Graubünden.
Baukultur und Tourismus im historischen Wandel
Das Zusammenspiel von Baukultur und Tourismus zeigt sich in Graubünden besonders deutlich. Historisch begann der Tourismus mit dem Alpinismus, dann folgte der Gesundheitstourismus und die Bäderkultur. Während an vielen Orten heute nur noch Spuren davon zu sehen sind, hat sich beispielsweise Davos durch seine Sanatorien zu einer urban wirkenden Destination entwickelt. Der Tourismus prägt also das Ortsbild – gleichzeitig zieht eine intakte Baukultur Gäste an, vor allem in historischen Bergdörfern, die Ursprünglichkeit vermitteln.
Die sozialen und räumlichen Folgen vom Tourismus
Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig in Graubünden: ca. 24 Millionen Gäste kommen jährlich zu uns, 31 % der Arbeitsplätze liegen im Tourismus-Sektor, welcher knapp 27% der Wirtschaftskraft ausmacht. Der Bau von Zweitwohnungen kurbelt die Branche ebenfalls an. Dies führt aber auch zu Problemen wie zum Beispiel die Verkehrsüberlastung auf der A13 oder eine stark schwankende Bevölkerungsdichte zwischen Haupt- und Nebensaison. Einheimische und Gäste sind nicht immer eine harmonische Konstellation, obgleich sie gegenseitig voneinander profitieren.
Authentizität und Verantwortung in der alpinen Baukultur
Eine zentrale Frage ist jene nach der Authentizität: «Kitschig wird es dann, wenn es nicht mehr echt ist, wenn es nicht authentisch ist.», sagt Prof. Bühler-Krebs. Dazu zählen überdimensionierte Chalet-Bauten oder künstliche Nachbildungen traditioneller Stilelemente. «Es geht nicht darum, alte Traditionen 1:1 nachzubauen. Gute Baukultur analysiert die Merkmale eines Ortes und interpretiert sie zeitgemäss.» Authentizität bedeutet Weiterentwicklung, nicht museale Konservierung.
Baukultur ist keine Geschmacksfrage allein, sondern betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Architekt:innen, Bauämter und auch touristische Akteure tragen Verantwortung. In touristisch geprägten Gemeinden braucht es eine enge Zusammenarbeit. Auch der Tourismus kann zum Erhalt von Baukultur beitragen, etwa durch sorgfältig sanierte Engadinerhäuser. Diese sind für Einheimische jedoch nur selten erschwinglich. Der Tourismus beeinflusst also auch den Immobilienmarkt – in Arosa liegt der Zweitwohnungsanteil bei 73 %. Gemeinden wie Surses regulieren dies mit speziellen Wohnzonen für Einheimische.
Auch logistisch ist der Tourismus in den Alpen eine Herausforderung. In der Lenzerheide sind es 80% Tagestouristen. In den vergangenen Jahren wurde das lokale Transportsystem neu überdacht und entsprechende Infrastrukturbauten realisiert. Churwalden ist seit 2015 der Hauptumschlagplatz geworden. Hier wechseln die Gäste vom Auto oder dem ÖV auf die Bergbahnen.
Das Zusammenspiel von Baukultur und Tourismus zeigt die Campagne «Verliebt in schöne Orte» von Schweiz Tourismus und dem Bundesamt für Kultur. Es lädt ein, auf einer «Tour de Suisse» authentische, baugeschichtlich bedeutende Dörfer zu entdecken.
Dieser Text ist eine Zusammenfassung der Aussagen und Bemerkungen von Prof. Bühler-Krebs am 23. Juni 2025 am Podium des Wissenschaftscafés im Center da Capricorns in Wergenstein in Graubünden. Ebenfalls am Podium teilgenommen haben Alice Bertogg, Produktmanagerin Kultur bei Surselva Tourismus, Kerstin Camenisch, Präsidentin der ICOMOS-Jury, die den Preis Historisches Hotel des Jahres vergibt sowie Ivano Iseppi, Lehrbeauftragter am Institut für Bauen im alpinen Raum. Durch den Abend geführt hat Stefan Forster, Leiter Forschungsbereich Tourismus und Nachhaltige Entwicklung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
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Autorinnen
Sandra Bühler ist Professorin für Architektur und Ortsbildentwicklung am Institut für Bauen im alpinen Raum. Barbara Truog ist wissenschaftliche Mitarbeiterin, ebenfalls am IBAR.