Die Ausstellung Architecture of Memory – Recollecting Spaces ist seit knapp drei Wochen in der Stadtgalerie in Chur zu sehen und läuft noch bis zum 12. Dezember 2025. Zeichnungen, Bewegtbilder, Objekte und Erzählungen von rund 60 Architekt:innen und Künstler:innen aus der ganzen Schweiz gehen der Frage nach, wie wir uns an die Räume unserer Kindheit erinnern. Hinter Architecture of Memory stehen drei Frauen: Sonja Elisabeth Fuchs, Elodie Habert und Clara Maria Puglisi. Ich, Barbara vom Institut für Bauen im alpinen Raum, habe mit Clara über die Ausstellung, die Idee und die Prozesse dahinter gesprochen – über Architektur, Kunst und anderes.
Hallo Clara. Wer steckt hinter aka – architektur, kunst und anderes?
Wir sind Sonja Elisabeth Fuchs (Künstlerin und Architektin), Elodie Habert (Architektin) und ich, Clara Maria Puglisi (Architektin). Wir alle sind des Studiums und des Berufs wegen in die Schweiz gekommen: Sonja aus Österreich, Elodie aus Frankreich und ich aus Italien. So ergänzen wir uns bei Architecture of Memory nicht nur in Kunst und Architektur, sondern auch sprachlich.
Wie kam es zu Architecture of Memory? Wie hat alles angefangen?
Die Ausstellung ist auch die Geschichte einer Freundschaft – oder besser gesagt: mehrerer Freundschaften. Elodie habe ich während meiner Lehrtätigkeit an der ETH Zürich in der Professur von Andrea Deplazes kennengelernt. Wir haben uns sofort verstanden, und es war ganz selbstverständlich, sie in dieses entstehende Projekt einzubeziehen. Durch ihre Verbindung zur französischsprachigen Schweiz wurde Architecture of Memory von Anfang an interregional gedacht und getragen. Gleichzeitig ist sie zu einer unverzichtbaren Partnerin geworden – in einem Projekt, das sich als viel intensiver und umfassender herausgestellt hat, als wir es zu Beginn erwartet hätten.
Sonja kenne ich, seit ich in der Schweiz bin – also schon fast zehn Jahre. Als sie vor einigen Jahren beschlossen hat, nicht mehr als Architektin zu arbeiten, wollte sie in Luzern ein Kunststudium beginnen. Die Hochschule Luzern – Design, Film, Kunst setzt zur Zulassung die Teilnahme an einem 24-Stunden-Tag voraus. In dieser Zeit muss ein Projekt realisiert werden – was für eines, spielt keine Rolle.
Da kam Sonja, geprägt von ihrem architektonischen Hintergrund, auf die Idee von Architecture of Memory. Während der 24 Stunden hat sie Freund:innen und Familie sowie die Studierenden und Mitarbeitenden vor Ort eingeladen, einen Raum aus ihrer Kindheit zu skizzieren. Gleichzeitig bat sie die Teilnehmer:innen, die Geschichte hinter der Erinnerung zu erzählen. Skizziert wurde an einem grossen, langen Tisch. Auch ich habe damals mitgemacht und einen Schnitt eines Autos gezeichnet.
Mit dem Auto fuhren wir früher immer nach Sizilien – fünfzehn Stunden lang! Ich war so klein damals, dass ich stehen konnte im Auto. Das Auto war für mich riesig.
Am Ende des Aufnahmetages hat Sonja die Erinnerungen und Geschichten erzählt. Da fiel uns auf, dass es nicht nur um die Nostalgie ging, die in diesem Thema liegt, sondern vor allem um das Gemeinsame und Verbindende. Viele Menschen kennen ähnliche Gefühle oder Bilder aus ihrer Kindheit – ein bestimmter Geruch, ein Licht, eine Ecke im Haus. Diese Erinnerungen sind individuell und gleichzeitig kollektiv. Da realisierten wir, dass das Entstandene Potenzial hat. Wir beschlossen, Architecture of Memory weiterzuentwickeln
Wir begannen, bekannte Architekt:innen und Künstler:innen in der Schweiz anzuschreiben und ihnen dieselben Fragen zu stellen: Können Sie sich an die Räume Ihrer Kindheit erinnern? An Ihr Kinderzimmer, das Lieblingsversteck oder vielleicht den Geruch in der Küche Ihrer Grosseltern? So wuchs aus diesem Experiment langsam eine Ausstellung, und neben unserer Freundschaft entstand auch eine Partnerschaft.
Geld hatten wir keines. Die Leidenschaft für das Thema hat uns angetrieben. So haben wir aus vielen aneinandergereihten A3-Papieren persönliche Einladungen für die Künstler:innen und Architekt:innen gestaltet. Dabei ist auch jene Grafik entstanden, die heute die Plakate und Flyer von Architecture of Memory prägt. Wie genau, kannst du dir im Video ansehen, dass in der Ausstellung gezeigt wird, aber auch online verfügbar ist. Die Idee dahinter war, dass die Leute mitmachen und so das Puzzle in einer künftigen Ausstellung wieder zusammensetzen. Von 100 Einladungen hatten damals 50 Menschen zugesagt. Erfahrung als Kuratorinnen hatten wir ebenfalls keine – aber eine enorme Lust, sie zu sammeln.
Warum habt ihr euch, abgesehen von euren persönlichen Interessen, auf Künstler:innen und Architekt:innen konzentriert?
Architektur und Kunst sind unsere Welt – das ist so. Uns gefällt aber auch, dass das Zeichnen oder, wie später hier in der Ausstellung sichtbar, auch andere Formen des Gestaltens und Erschaffens eine Tätigkeit sind. Es ist ein Mittel, um eine persönliche Notiz vom Kopf in den Raum zu bringen. Eine Zeichnung erzählt oft mehr als Worte. Sie repräsentiert und interpretiert Gedanken und integriert Erinnerungen. Das Zeichnen als reines Abbilden wird zu einem Medium, etwas zu erzählen.
Der Schriftsteller Italo Calvino schreibt in Die unsichtbaren Städte über den Reisenden, der eine Vergangenheit entdeckt, von der er nicht mehr wusste, dass er sie hatte. Denn vielleicht ist es wahr, dass ein Ort nicht existiert, wenn er nicht in unseren Köpfen ist. Oder er existiert nur, weil wir ein Bild davon in unserer Erinnerung tragen. Diese Verzerrung, die beim Skizzieren aus der Erinnerung entsteht, ist Teil eines Mechanismus der Übersetzung und Assimilation – und genau dieser ist Untersuchungsgegenstand der Ausstellung Architecture of Memory.
Wie ging es weiter? Von diesen persönlichen Geschichten zur Ausstellung?
Schwierig war, einen Ausstellungsort zu finden. Am Anfang kennt einen niemand, und auch das Projekt ist vielleicht noch nicht an dem Punkt, an dem das Potenzial sichtbar ist. Bei uns wendete sich das Blatt, als erste bekannte Architekt:innen zugesagt haben. Kurz darauf erhielten wir eine Zusage vom Architekturforum in Zürich.
Magst du noch etwas zur Kuration des Raumes sagen?
Uns war wichtig, dass wir nicht nur zehn Positionen zeigen. Die Besuchenden sollen beim Ausstellungsbesuch in diesen fremden Erinnerungen versinken können. Obwohl auch bekannte Künstler:innen und Architekt:innen dabei sind, wollten wir sie nicht hervorheben. Sie sollen einfach Teil des Ganzen sein – und im besten Fall wird man als Besucher:in überrascht. Deshalb sind die Autor:innen jeweils auf der Rückseite zu finden. Neben dem Namen ist ein QR-Code abgedruckt. Scannt man diesen, kann man eine gekürzte Version des Textes lesen oder auch hören.
Übrigens gibt es auch eine Spotify-Playlist Architecture of Memory – Recollecting Spaces mit allen Audios, inklusive der Originaltexte und der englischen Übersetzungen. Die vollständigen Versionen der Texte gibt es nur im Buch. Dieses enthält neben den Geschichten auch eine Abbildung des Beitrags und zudem einen Text von Stephan Zimmerli, den er eigens für diese Publikation verfasst hat. Das Buch kann man in der Ausstellung kaufen oder per Mail an info@architectureofmemory.ch oder via Instagram Direct Message bestellen.
Aber zurück zur Kuration: Schnell war klar, dass wir einen Raum bauen möchten und die Beiträge nicht einfach an die Wände hängen. Auch für die Ausstellungsproduktion waren wir auf Gelder angewiesen. Die Firma Rigips hat sich bereit dazu erklärt, uns zu unterstützen und die Metallstrukturen für uns anzufertigen. Wir entschieden uns für diese verzinkte Stahlstruktur – einerseits, um es schlicht und einfach zu halten, andererseits, um die Bilder mittels Magneten aufhängen zu können. Die Gestelle sind eigentlich für Gipskartonwände vorgesehen. Diese haben wir jedoch durchgehend weggelassen, um die Arbeiten in den Öffnungen platzieren zu können. Wir mochten diese Analogie der unfertigen Wände mit den Erinnerungen, die oftmals auch sehr vage sein können.
Ausserdem sollte die Ausstellung einfach auf- und abbaubar sein. Die Positionen sind wie Fenster in einem abstrakten Haus. Dadurch, dass sie an Draht aufgehängt sind, drehen sie sich. Sie schliessen und öffnen sich den Besuchenden. Uns gefällt diese vibrierende Atmosphäre.
Vor Chur war die Ausstellung im Architekturforum in Zürich zu sehen. Wie unterscheiden sich die beiden Ausstellungsorte?
In Zürich waren es zwei Enfilade von Räumen, die mit einem Durchgang verbunden waren. Dort haben wir thematische Inseln geschaffen – zum Beispiel Erinnerungen aus dem Haus der Grosseltern, aus den Ferien oder aus der Natur. Ausserdem gab es einen Tisch mit einer Zeichnungsstation, an dem Besucher:innen mitmachen konnten. Die dort entstandenen Werke wurden dann ebenfalls Teil der Ausstellung.
Hier in Chur haben wir des Platzes wegen leider keinen Tisch, aber auf dem Infotisch in der Mitte des Raumes liegen stets A4-Blätter bereit, die die Besuchenden zum Zeichnen auffordern.
Hier war die Herangehensweise bezüglich der Hängung intuitiver. Einerseits ist der Raum kleiner, andererseits kamen noch Positionen dazu. So haben wir besonders auf die Harmonie der Werke geachtet, die direkt im Dialog zueinander stehen. Die Beiträge an den Wänden oder auch auf dem Boden erweitern die Hauptstruktur und lockern sie bewusst etwas auf. Die Stahlkonstruktion konnten wir in Chur wiederverwenden, was uns sehr freute – vor allem in Kombination mit dem Gewölbe der Stadtgalerie. Diese Gegensätze tun dem Raum sehr gut und machen ihn fast ein wenig unhöflich.
Nach Chur zieht die Ausstellung weiter nach Lausanne. Dort wird sie wahrscheinlich ganz anders sein, da wir in diesem Ausstellungsraum keine Möglichkeit haben werden, die Stahlkonstruktionen wie bisher aufzustellen. Wir sind gespannt, wie es weiter geht mit Architecture of Memory.
Wie stehen für dich Kunst und Architektur in Beziehung zueinander?
Kunst und Architektur sind sich sehr nahe und für mich etwas, auf dem ich ständig aufbaue. Die Positionen hier in der Ausstellung lassen sich nicht klar zuordnen. Eine Künstlerin, Irene Naef, zeigt zum Beispiel die Aufnahme «Staub im Licht». Dafür hat sie ein kleines Modell gebaut, beleuchtet und ein Video aufgenommen, das tanzende Staubpartikel in der Luft zeigt. Also etwas, das der kollektiven Vorstellung nach eher eine architekturschaffende Person tun würde. Umgekehrt hat auch fast keine:r der Architekt:innen einen Grundriss eingereicht – entgegen unseren Erwartungen.
Die beiden Kategorien beeinflussen sich gegenseitig und auch, wie wir selbst die Welt sehen. Wie eine Brille, die einem eine feine Verzerrung der Realität aufdrückt.
Das geschieht in anderen Tätigkeiten natürlich auch, aber in den Bereichen Kunst und Architektur scheint es besonders stark ausgeprägt zu sein.
Habt ihr drei auch selbst ausgestellt?
Unser Beitrag in der Ausstellung ist das Video, über welches wir vorhin bereits gesprochen haben. Dieses zeigt – bruchstückhaft – Auszüge aus den Originalstimmen der Teilnehmenden, aufgenommen während persönlichen Gespräche. Fragmente von Erinnerungen, Gedanken und Erzählungen. Wir haben fast jede Person besucht und uns ihre Geschichte angehört. Wir haben sie aufgenommen, transkribiert, in einen Text verfasst und diesen den Autor:innen nochmals zur Kontrolle geschickt. Der kurze Film gibt also, auf sehr interpretier Art und Weise, einen Einblick in die Entstehung von Architecture of Memory.
Etwas, das du noch erzählen möchtest? Ein Highlight?
Beeindruckend war, wie schnell intime Momente entstanden sind, obwohl wir vor den Treffen Fremde waren. Wir haben aber auch viele Freund:innen eingeladen – auch das war sehr besonders. Durch diese Ausstellung haben wir viele enge Beziehungen nochmals vertieft.
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Autorin
Barbara Truog ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bauen im alpinen Raum IBAR und selbstständige Fotografin.