Frag zehn Studierende am Anfang des Semesters, was ihr Ziel ist, und du hörst neunmal dasselbe: «Bestehen.» Vielleicht noch: «Gute Noten.» Oder: «Durchkommen, ohne den Job zu verlieren.»
Das sind keine Ziele. Das sind Überlebensstrategien. Und sie funktionieren — bis zu dem Punkt, an dem das Semester zäh wird, die Motivation einbricht und du dich fragst, warum du dir das eigentlich antust.
Die Studierenden, die am Ende nicht nur ein Diplom in der Hand halten, sondern tatsächlich gewachsen sind, haben eine Sache anders gemacht: Sie haben sich früh entschieden, was sie aus dem Studium herausholen wollen. Nicht vage, nicht irgendwann — sondern konkret und von Anfang an.
Dieser Artikel ist Teil der Serie «Studienstart vorbereiten: 10 Skills, die dir niemand beibringt». Er vertieft Tipp 2: Entscheide, was du aus dem Studium machst.
Die Grundsatzfrage, die sich niemand stellt
Bevor du über Semesterziele und Lernpläne nachdenkst, musst du eine ehrliche Frage beantworten: Was für eine Studierende, was für ein Studierender willst du sein?
Das ist keine rhetorische Frage. Es gibt grundsätzlich verschiedene Wege durch ein Studium, und alle sind legitim:
Der pragmatische Weg. Du willst den Abschluss. Du investierst, was nötig ist, nicht mehr. Du konzentrierst dich auf die Prüfungen, machst deine Gruppenarbeiten solide und nutzt die restliche Energie für deinen Job und dein Privatleben. Das ist eine bewusste Entscheidung, keine schlechte.
Der Netzwerk-Weg. Dir sind die Kontakte genauso wichtig wie der Stoff. Du gehst auf Veranstaltungen, sprichst mit Dozierenden, baust Beziehungen zu Mitstudierenden auf, die über das Studium hinaus halten. Du weisst: In vier Jahren hast du nicht nur ein Diplom, sondern ein berufliches Netzwerk.
Der Tiefgang-Weg. Du willst wirklich verstehen. Du liest mehr als nur das Pflichtmaterial, stellst unbequeme Fragen, verbindest den Stoff mit deiner Berufspraxis. Du nutzt Seminar- und Projektarbeiten, um dich in Themen einzuarbeiten, die dich langfristig interessieren.
Der Kombinations-Weg. Du mixt aus allem das, was zu deiner Lebenssituation passt. Dieses Semester mehr Fokus auf Netzwerk, nächstes Semester Tiefgang bei einem Thema, das dich packt.
Keiner dieser Wege ist richtig oder falsch. Aber es ist ein Unterschied, ob du dich bewusst entscheidest — oder ob du einfach passierst und am Ende feststellst, dass du vier Jahre lang nur reagiert hast.
Warum die meisten Ziele nicht funktionieren
Du hast wahrscheinlich schon von SMART-Zielen gehört: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert. Das Modell ist nicht falsch, aber es löst ein Problem, das die meisten Studierenden gar nicht haben. Dein Problem ist nicht, dass deine Ziele zu wenig spezifisch sind. Dein Problem ist meistens eines der folgenden:
Du setzt Ziele, die dich nicht interessieren. «Ich will eine 5 in Statistik» ist messbar und terminiert, motiviert dich aber kein Stück, wenn du Statistik hasst. Ein Ziel, das nur auf der Note basiert, bricht zusammen, sobald der Aufwand steigt. Besser: «Ich will am Ende verstehen, wie ich Daten in meinem Job sinnvoll auswerten kann.» Das verbindet den Stoff mit etwas, das für dich relevant ist.
Du setzt zu viele Ziele. Fünf Semesterziele, zehn Vorsätze, drei persönliche Entwicklungsfelder — und nach zwei Wochen ist keins davon präsent. Weniger ist mehr. Zwei bis drei Ziele pro Semester reichen. Die dafür ernst gemeint.
Du setzt Ziele, die du nicht beeinflussen kannst. Eine bestimmte Note ist kein Ziel, das du kontrollierst — die hängt auch von der Prüfungsform, der Korrektur und dem Zufall ab. Was du kontrollierst, ist dein Verhalten: «Ich arbeite jede Woche mindestens drei Stunden den Stoff aktiv durch» ist steuerbar. Die Note ist das Ergebnis — nicht das Ziel.
Du schreibst Ziele auf und vergisst sie. Ein Ziel, das in einer Schublade liegt, ist kein Ziel. Es ist ein Wunsch. Ziele brauchen regelmässige Sichtbarkeit — auf deinem Schreibtisch, in deiner Notiz-App, in deinem Kalender. Du musst sie nicht täglich anschauen, aber mindestens alle paar Wochen.
Von der Idee zur Woche: Ziele herunterbrechen
Ein Semesterziel allein bringt wenig, wenn du nicht weisst, was du diese Woche dafür tun sollst. Die Brücke zwischen Ziel und Alltag sind Zwischenschritte.
Beispiel: Dein Semesterziel ist «Ich kann am Ende des Semesters eine Beschaffungsanalyse selbständig durchführen.»
Das ist zu gross für eine Woche. Also brichst du es herunter:
Monat 1: Ich verstehe die theoretischen Grundlagen — Modelle, Begriffe, Zusammenhänge. Mein Wochenverhalten: Vorlesung nacharbeiten, Kernbegriffe in eigenen Worten zusammenfassen, eine Übungsaufgabe pro Woche.
Monat 2: Ich kann die Theorie auf einfache Fälle anwenden. Mein Wochenverhalten: Fallstudien durcharbeiten, Lerngruppe treffen, offene Fragen mit Dozierenden klären.
Monat 3–4: Ich kann einen realen Fall analysieren und eine Empfehlung formulieren. Mein Wochenverhalten: Eigenes Beispiel aus dem Job durchdenken, Seminararbeit schrittweise aufbauen, Feedback einholen.
Du musst das nicht in dieser Detailtiefe für jedes Modul machen. Aber für deine zwei bis drei Semesterziele lohnt sich die Übung. Wer weiss, was die Woche ansteht, muss nicht jeden Montag neu entscheiden, ob und wie viel er lernt.
Wenn die Motivation nachlässt
Motivation ist kein Dauerzustand. Sie kommt in Wellen — und irgendwann, meistens zwischen Woche sechs und Woche zehn, kommt ein Tief. Das ist normal. Kein Grund, an dir zu zweifeln. Aber ein Grund, vorbereitet zu sein.
Erinnere dich an das Warum. Warum hast du dieses Studium angefangen? Nicht die offizielle Antwort für den Lebenslauf, sondern die echte. Mehr verdienen? Etwas beweisen? Raus aus dem alten Job? Neue Perspektiven? Schreib es dir auf — jetzt, wo die Motivation noch frisch ist. Du wirst es brauchen.
Mach die nächste Aufgabe kleiner. Wenn du vor einem Berg stehst, hilft es nicht, den Gipfel anzustarren. Frag dich: Was ist der nächste winzige Schritt? Nicht «Seminararbeit schreiben», sondern «Gliederung skizzieren, 15 Minuten». Nicht «Statistik lernen», sondern «Kapitel 3 nochmal lesen, eine Übung rechnen». Kleine Schritte erzeugen Bewegung, und Bewegung erzeugt Motivation — nicht umgekehrt.
Sprich darüber. Das Motivationstief fühlt sich an, als wärst du die einzige Person, der es so geht. Bist du nicht. Sprich mit Mitstudierenden, und du wirst feststellen: Alle kämpfen irgendwann. Das allein hilft schon. Und manchmal entsteht daraus eine Lerngruppe, ein gemeinsamer Arbeitstag oder einfach das Gefühl, nicht allein unterwegs zu sein.
Akzeptiere schlechte Wochen. Nicht jede Woche wird produktiv sein. Krank, gestresst im Job, Privates — das passiert. Ein Ziel ist kein Vertrag, der bei Nichterfüllung gekündigt wird. Es ist eine Richtung. Wenn du eine Woche ausfällst, fang in der nächsten Woche wieder an. Ohne Selbstvorwürfe, ohne «jetzt ist eh alles egal». Das Semester ist lang genug.
Umgang mit Rückschlägen
Rückschläge kommen. Eine schlechte Note, eine Gruppenarbeit, die schiefläuft, ein Modul, das dir partout nicht liegt. Was dann?
Trenne Leistung von Identität. Eine 3.5 in Rechnungswesen heisst nicht, dass du dumm bist. Es heisst, dass du in diesem Modul, zu diesem Zeitpunkt, bei dieser Prüfung nicht das Ergebnis geliefert hast, das du wolltest. Das ist ein Datenpunkt, kein Urteil über dich als Mensch. Klingt offensichtlich — ist es im Moment der Enttäuschung aber nicht.
Analysiere, bevor du reagierst. Nicht jeder Rückschlag hat dieselbe Ursache. Hast du zu wenig gelernt? Falsch gelernt? Die Fragestellung missverstanden? Oder war es ein Modul, in dem du bewusst wenig investiert hast? Die Antwort bestimmt, was du änderst — und ob du überhaupt etwas ändern musst.
Passe den Plan an, nicht das Ziel. Wenn ein Weg nicht funktioniert hat, probiere einen anderen. Andere Lernmethode, andere Lerngruppe, andere Zeiteinteilung. Das Ziel bleibt — der Weg dorthin ist flexibel. Aufgeben ist immer eine Option, aber meistens gibt es einen Zwischenschritt, den du noch nicht ausprobiert hast.
Dein Aktionsplan
Vier Schritte, die du vor dem Semesterstart oder in der ersten Woche umsetzen kannst:
Schritt 1 — Grundsatzentscheidung. Beantworte die Frage: Was für ein:e Studierende:r will ich sein? Pragmatisch, vernetzt, vertieft oder eine Mischung? Schreib zwei bis drei Sätze auf. Du kannst das jederzeit ändern — aber starte mit einer bewussten Haltung.
Schritt 2 — Drei Semesterziele. Formuliere maximal drei Ziele für das kommende Semester. Mindestens eines davon sollte nichts mit Noten zu tun haben. Beispiele: «Ich baue eine Lerngruppe auf, die sich regelmässig trifft.» «Ich verstehe am Ende, wie Kostenrechnung in meiner Firma funktioniert.» «Ich halte eine Präsentation, ohne abzulesen.»
Schritt 3 — Monats-Meilensteine. Brich jedes Ziel auf die Monatsebene herunter. Was müsste nach Monat 1, 2 und 3 erreicht sein, damit du Ende Semester am Ziel bist? Du brauchst keine perfekte Planung — eine grobe Vorstellung reicht.
Schritt 4 — Halbzeit-Review. Trag dir einen Termin in den Kalender ein: Mitte Semester, 30 Minuten. An diesem Tag holst du deine Ziele hervor, schaust ehrlich hin und passt an, was nötig ist. Diesen Termin nicht zu löschen, wenn das Semester hektisch wird, ist vielleicht die wichtigste Übung dieses ganzen Artikels.
Fazit
Ziele im Studium sind kein Luxus für Überambitionierte. Sie sind der Unterschied zwischen vier Jahren, die an dir vorbeiziehen, und vier Jahren, die dich verändern. Du musst nicht alles auf einmal wollen. Aber du musst wissen, wohin du gehst — sonst gehst du einfach, wohin der Stundenplan dich schiebt.
Entscheide dich. Schreib es auf. Und schau regelmässig hin.
Nächster Artikel in der Serie: Zeitmanagement für Berufsbegleitende — wie du Studium, Job und Privatleben unter einen Hut bringst, ohne auszubrennen.
Alle Artikel der Serie:
- 1 — Selbstverantwortung im Studium
- 2 — Ziele setzen, die funktionieren (dieser Artikel)
- 3 — Zeitmanagement für Berufsbegleitende
- 4 — Aktiv lernen: Methoden, die funktionieren
- 5 — Notizen, die du in 6 Monaten noch verstehst
- 6 — Kritisch denken lernen
- 7 — Proaktiv kommunizieren
- 8 — Gruppenarbeit: Vom Frust zum Team
- 9 — Deine digitale Lernumgebung einrichten
- 10 — Vom Studium in den Beruf
- Bonus — Präsentieren im Studium
- Bonus — Aktives Zuhören
Weiterlesen:
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Oder schreib mir direkt: dsc@fhgr.ch | +41 81 286 24 38 Prof. Dominic Käslin, Studienleiter
Prof. Dominic Käslin ist Studienleiter der Bachelorstudienrichtung Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden. Er schreibt hier über Supply Chain Management, Karrierewege und die Zukunft der Wirtschaft.