Du hast dich für ein Studium entschieden. Vielleicht kommst du direkt aus der Lehre oder der BMS. Vielleicht arbeitest du seit fünf, zehn oder fünfzehn Jahren und willst den nächsten Schritt machen. In beiden Fällen wirst du in den ersten Wochen deines Studiums etwas spüren, das sich anfangs schwer einordnen lässt: eine seltsame Mischung aus Freiheit und Orientierungslosigkeit.
Kein Chef, der dir Aufgaben zuweist. Keine Lehrperson, die den Stoff häppchenweise serviert und kontrolliert, ob du mitkommst. Im Studium bekommst du einen Rahmen — Vorlesungen, Skripte, Deadlines — aber was du daraus machst, liegt bei dir.
Das ist die gute Nachricht. Und gleichzeitig die grösste Herausforderung.
Dieser Artikel ist Teil der Serie «Studienstart vorbereiten: 10 Skills, die dir niemand beibringt». Er vertieft Tipp 1: Übernimm die Regie.
Der Wechsel, der alles verändert
Von der Schule oder Lehre ins Studium
In der Schule und in der Lehre hat jemand anderes die Struktur vorgegeben. Stundenplan, Hausaufgaben, Lernkontrollen — das System hat dafür gesorgt, dass du am Ball bleibst. Du musstest dich nicht fragen, was du lernen sollst, sondern nur, wie gut du es machst.
Im Studium fällt dieses Gerüst teilweise weg. Du bekommst einen Semesterplan, eine Liste von Lernzielen und Zugang zu Materialien. Aber es ist in deiner Verantwortung zu entscheiden, ob du die Texte lesen willst und die Übungen machst. Niemand schickt dir eine Erinnerung, dass die Prüfungsvorbereitung jetzt beginnen sollte. Wenn du drei Wochen lang nichts tust, fällt das anderen Menschen viel weniger auf erst mal — ausser dir selbst, wenn es zu spät ist.
Das bedeutet nicht, dass du allein bist. Dozierende sind ansprechbar, Mitstudierenden geht es ähnlich, und Unterstützung gibt es. Aber du musst sie aktiv suchen. Das ist der entscheidende Unterschied. An der FH Graubünden bist du dafür an einem guten Ort, denn sie hat gem. Bundesamt für Statistik (Indikatoren der Fachhochschulen nach Fachbereich und Hochschule, veröffentlicht am 26.08.2025; Daten bis 2024) bei den Wirtschafts-Studienangeboten das beste Betreuungsverhältnis aller Fachhochschulen in der Schweiz. Während im Schweizer Durchschnitt (Daten 2024) 26.8 Studierende auf eine Lehrperson kommen, sind es an der FH Graubünden nur 18.9 Studierende.
Vom Beruf ins Studium
Wer seit Jahren im Berufsleben steht, kennt Eigenverantwortung. Du managst Projekte, triffst Entscheidungen, organisierst deinen Arbeitsalltag. Der Wechsel ins Studium sollte also leicht fallen, oder?
Nicht unbedingt. Die Verantwortung im Beruf ist eine andere. Du hast klare Ziele, Feedback von Vorgesetzten, Deadlines, die jemand setzt und überwacht. Im Beruf weisst du meistens, was von dir erwartet wird — und ob du es erfüllt hast.
Im Studium ist das diffuser. Der Stoff ist neu, die Bewertungskriterien anders als ein Projektergebnis, und plötzlich bist du wieder in der Rolle der lernenden Person — nach Jahren, in denen du die kompetente Fachperson warst. Das kratzt bei manchen am Selbstbild. Die gute Nachricht: Genau die Fähigkeiten, die dich im Beruf erfolgreich gemacht haben — Probleme erkennen, Prioritäten setzen, Hilfe holen — sind auch im Studium Gold wert. Du musst sie nur auf einen neuen Kontext übertragen.
Was Selbstverantwortung im Studium konkret bedeutet
Selbstverantwortung klingt abstrakt. Deshalb hier fünf Situationen, wie sie im Studienalltag tatsächlich vorkommen:
Du verstehst ein Thema nicht. Die selbstverantwortliche Reaktion ist nicht, zu hoffen, dass es in der nächsten Vorlesung klarer wird. Sondern: den Stoff nochmal durcharbeiten, eine Frage formulieren und sie an die Lehrperson oder eine Studienkollegin schicken — bevor sich das Problem in der Prüfung zeigt. Oder noch besser, du nutzt eine der Lehrveranstaltungen, die an der FH Graubünden in kleinen Klassen stattfinden um deine Fragen zu diskutieren und hilfst damit auch anderen Studierenden, die vielleicht genau die selbe Frage hatten, sie aber nicht stellen wollten.
Eine Deadline kollidiert mit einer Arbeitswoche. Die selbstverantwortliche Reaktion ist nicht, die Abgabe in der letzten Nacht zusammenzuschustern. Sondern: drei Wochen vorher den Kalender anschauen, den Engpass erkennen und die Arbeit vorziehen — oder sich frühzeitig melden um herauszufinden, ob es Alternativen gibt.
Das Feedback auf eine Arbeit ist schlechter als erwartet. Die selbstverantwortliche Reaktion ist nicht, die Note als ungerecht abzustempeln. Sondern: das Feedback lesen, nachfragen, wenn etwas unklar ist, und verstehen, was du beim nächsten Mal anders machen kannst.
Du merkst Mitte Semester, dass du den Anschluss verlierst. Die selbstverantwortliche Reaktion ist nicht, in Panik zu geraten oder aufzugeben. Sondern: ehrlich Bilanz ziehen, einen Plan machen und dir Hilfe holen — bei Mitstudierenden, Dozierenden oder der Studienleitung.
Ein Gruppenarbeitsmitglied liefert nicht. Die selbstverantwortliche Reaktion ist nicht, die Arbeit stillschweigend zu übernehmen oder sich hinterher zu beschweren. Sondern: das Gespräch suchen, Erwartungen klären und — falls nötig — die Lehrperson einbeziehen.
In jedem dieser Beispiele liegt der Unterschied im gleichen Punkt: Du wartest nicht, bis jemand anderes das Problem löst. Du handelst.
Fünf Fallen, in die fast alle tappen
Selbstverantwortung ist einfach zu verstehen, aber schwer durchzuhalten. Diese Fallen machen es besonders tückisch:
Falle 1: «Das wurde uns nie gesagt.» Im Studium wird nicht alles explizit erklärt. Manchmal musst du selbst herausfinden, wo du Materialien findest, welche Inhalte eine Arbeit genau haben soll oder welches Abgabeformat erwartet wird. Das ist kein Versäumnis der Hochschule — es ist Teil des Lernprozesses. Wer darauf wartet, dass jede Information auf dem Silbertablett kommt, wird ständig frustriert sein.
Falle 2: «Ich bin halt nicht gut darin.» Die Überzeugung, dass bestimmte Fähigkeiten angeboren sind — Mathe, Schreiben, Präsentieren — ist eine bequeme Ausrede. Bequem, weil sie dich davon befreit, es zu versuchen. Die Realität: Fast jede Fähigkeit lässt sich verbessern, wenn du bereit bist, dich damit auseinanderzusetzen. Nicht jede/r wird zum Mathe-Genie, aber jede/r kann besser werden als heute. Der erste Schritt ist, «ich kann das nicht» durch «ich kann das noch nicht» zu ersetzen.
Falle 3: Pseudo-Produktivität. Drei Stunden am Laptop sitzen, Folien durchscrollen, Texte markieren und das Gefühl haben, viel gelernt zu haben. In Wahrheit hast du beschäftigt ausgesehen, aber wenig behalten. Selbstverantwortung heisst auch, ehrlich zu dir selbst zu sein: Habe ich wirklich gelernt — oder nur Zeit investiert und meinen Fokus sinnvoll gelegt?
Falle 4: Vergleich mit anderen. Die Kollegin scheint alles auf Anhieb zu verstehen. Der Sitznachbar hat die Aufgabe in der Hälfte der Zeit gelöst. Vergleiche sind Gift, weil du immer nur die Oberfläche siehst. Du weisst nicht, wie viel Vorwissen jemand mitbringt oder wie viel Zeit die Person zu Hause investiert hat. Dein Massstab bist du selbst — letztes Semester versus dieses Semester.
Falle 5: Hilfe holen als Schwäche sehen. Gerade Berufserfahrene tappen in diese Falle. Du bist es gewohnt, Probleme selbst zu lösen. Im Studium ist Fragen stellen aber keine Schwäche, sondern eine der effizientesten Strategien. Dozierende sehen lieber eine ehrliche Frage als eine falsch verstandene Abgabe.
Werkzeuge und Gewohnheiten, die helfen
Du musst das Rad nicht neu erfinden. Diese Werkzeuge und Gewohnheiten sind einfach, kosten wenig Zeit und machen einen grossen Unterschied:
Semesterstart-Ritual. Nimm dir am Anfang jedes Semesters 30 Minuten und beantworte schriftlich drei Fragen: Was sind meine drei wichtigsten Ziele für dieses Semester? Was könnte mich davon abhalten? Was tue ich, wenn es schwierig wird? Das zwingt dich, vorausschauend zu denken statt nur zu reagieren.
Wochen-Check-in. Jeden Sonntagabend fünf Minuten: Was steht diese Woche an? Was davon ist dringend, was ist wichtig? Wo brauche ich Hilfe? Keine aufwendige Planung — nur ein kurzer Realitätscheck.
Die 24-Stunden-Regel. Wenn du eine Frage hast, ein Problem bemerkst oder Feedback bekommst, das dich irritiert: Handle innerhalb von 24 Stunden. Nicht in einer Woche, nicht «irgendwann». Schreib die E-Mail, stell die Frage, mach den Termin. Die meisten Probleme werden nicht grösser, weil sie schwierig sind, sondern weil man sie aufschiebt.
Ein Lernjournal. Kein Tagebuch, kein Roman — drei Sätze pro Woche reichen. Was habe ich gelernt? Was hat mich überrascht? Was will ich nächste Woche anders machen? Das baut über die Semester eine Gewohnheit der Reflexion auf, die wertvoller ist als jedes Zeitmanagement-Tool.
Ein Studienbuddy oder eine Lerngruppe. Nicht für alles, aber für die schwierigen Momente. Jemand, mit dem du offen reden kannst, wenn es nicht läuft. Jemand, der nachfragt, ob du deinen Plan eingehalten hast. Selbstverantwortung heisst nicht, alles allein zu machen — es heisst, dir die Unterstützung zu organisieren, die du brauchst. Und an der FH Graubünden gibt es dafür auch die Student Services, die dich bei deiner akademischen, beruflichen und persönlichen Entwicklung begleiten und dafür Beratungen, Coaching, Workshops und Mentoring anbieten - für Themen wie Zeitmanagement, Lernen, Karriereplanung, Studienfinanzierung, Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie, Innere Balance und vielem mehr.
Dein Aktionsplan für die ersten vier Wochen
Damit das hier nicht graue Theorie bleibt, hier ein konkreter Plan. Nimm dir pro Woche eine Sache vor:
Woche 1 — Orientierung: Verschaff dir einen Überblick. Wo findest du was auf Moodle? Wer sind deine Dozierenden? Wie sehen die Semesterpläne aus? Lies die Modulbeschreibungen — nicht nur überfliegen, sondern wirklich zum verstehen. Schreib dir offene Fragen auf.
Woche 2 — Erste Frage stellen: Schreib einer Lehrperson eine E-Mail oder stell eine Frage in der Vorlesung. Ziel ist nicht die perfekte Frage, sondern dass du die Hemmschwelle abbaust. Je früher du das tust, desto leichter wird es.
Woche 3 — System aufsetzen: Richte dein Notizsystem ein, erstelle deine Wochenplanung, blockiere Lernzeiten im Kalender. Mach es einmal richtig, damit du nicht jede Woche von vorn anfängst.
Woche 4 — Erste Reflexion: Setz dich hin und beantworte ehrlich: Was läuft gut? Was nicht? Was überrascht mich? Passe deinen Plan an. Dieser Zyklus — handeln, reflektieren, anpassen — ist der Kern von Selbstverantwortung. Nicht mehr, nicht weniger.
Fazit
Selbstverantwortung im Studium ist keine Charaktereigenschaft, die du mitbringst oder nicht. Es ist eine Arbeitsweise, die du dir aneignen kannst — Schritt für Schritt, Woche für Woche. Die Studierenden, die am meisten vom Studium profitieren, sind nicht die Klügsten oder die mit der meisten Vorerfahrung. Es sind die, die früh verstehen, dass ihnen niemand die Arbeit abnimmt — und die genau darin eine Chance sehen statt ein Problem.
Du hast die Regie. Nutze sie.
Nächster Artikel in der Serie: Ziele setzen, die funktionieren — warum «bestehen» kein Ziel ist und wie du herausfindest, was du wirklich aus dem Studium mitnehmen willst.
Alle Artikel der Serie:
- 1 — Selbstverantwortung im Studium (dieser Artikel)
- 2 — Ziele setzen, die funktionieren
- 3 — Zeitmanagement für Berufsbegleitende
- 4 — Aktiv lernen: Methoden, die funktionieren
- 5 — Notizen, die du in 6 Monaten noch verstehst
- 6 — Kritisch denken lernen
- 7 — Proaktiv kommunizieren
- 8 — Gruppenarbeit: Vom Frust zum Team
- 9 — Deine digitale Lernumgebung einrichten
- 10 — Vom Studium in den Beruf
- Bonus — Präsentieren im Studium
- Bonus — Aktives Zuhören
Weiterlesen:
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Oder schreib mir direkt: dsc@fhgr.ch | +41 81 286 24 38 Prof. Dominic Käslin, Studienleiter
Prof. Dominic Käslin ist Studienleiter der Bachelorstudienrichtung Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden. Er schreibt hier über Supply Chain Management, Karrierewege und die Zukunft der Wirtschaft.