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Proaktive Kommunikation im Studium

Pro­ak­tiv kom­mu­ni­zie­ren im Studium: Warum Fragen stellen keine Schwä­che ist

Stell dir folgende Situation vor: Du sitzt in der Vorlesung. Die Lehrperson erklärt ein Konzept. Du verstehst es nicht. Du schaust dich um — alle anderen scheinen mitzukommen. Also sagst du nichts. Du denkst: Ich lese das zu Hause nochmal nach. Oder: Ich frage jemanden nach der Vorlesung. Oder: Vielleicht verstehe ich es nächste Woche.

Drei Wochen später sitzt du vor der Übungsaufgabe und merkst: Du verstehst es immer noch nicht. Nur ist es jetzt drei Wochen her, die Lehrperson ist beim nächsten Thema, und deine Lücke ist grösser geworden.

Das ist kein Einzelfall. Es ist das Standardmuster. Und es hat fast nie etwas mit Dummheit zu tun — sondern mit einer Hemmschwelle, die sich überwinden lässt.

Dieser Artikel ist Teil der Serie «Studienstart vorbereiten: 10 Skills, die dir niemand beibringt». Er vertieft Tipp 7: Kommuniziere proaktiv - besonders wenn es unangenehm ist.

Warum wir schweigen, wenn wir reden sollten

Die Gründe, warum Studierende nicht kommunizieren, sind fast immer dieselben:

Angst, dumm dazustehen. «Alle anderen verstehen es, nur ich nicht.» Das stimmt fast nie. In jeder Vorlesung gibt es mehrere Personen, die dasselbe nicht verstanden haben. Die meisten schweigen — aus genau demselben Grund wie du. Wer die Frage stellt, tut allen einen Gefallen.

Respekt vor Autoritäten. Je nach Unternehmen in dem du arbeitest hast du es dir vielleicht angewöhnt, Vorgesetzte nicht zu hinterfragen. Dozierende sind aber keine Vorgesetzten. Sie sind Fachpersonen, deren Aufgabe es ist, dir beim Lernen zu helfen. Eine Frage ist kein Angriff auf ihre Kompetenz — sie ist ein Zeichen, dass du mitdenkst.

Perfektionismus. «Ich stelle die Frage erst, wenn ich sie perfekt formuliert habe.» Dieser Moment kommt nie. Eine holprige Frage ist unendlich wertvoller als keine Frage. Die Lehrperson versteht trotzdem, was du meinst — und wenn nicht, fragt sie nach. Das ist keine Blamage, das ist ein Gespräch.

Konfliktscheu. In Gruppenarbeiten schweigen viele lieber, als einen Konflikt anzusprechen. Das funktioniert — bis die Frustration so gross ist, dass der Konflikt explodiert. Oder bis jemand stillschweigend die Arbeit der anderen übernimmt und am Ende verbittert ist. Frühzeitig ansprechen ist unbequem. Zu spät ansprechen ist schmerzhaft und je länger du wartest, desto schwieriger wird es.


Kommunikation mit Dozierenden

Die Beziehung zu Dozierenden ist eine der am meisten unterschätzten Ressourcen im Studium. Die meisten Studierenden nutzen sie nicht — oder nur im Notfall. Dabei sind Dozierende nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Ansprechpersonen, Sparringpartner und manchmal Türöffner.

Fragen stellen — wann und wie

In der Lehrveranstaltung: Kurze, klare Fragen, die dem Verständnis dienen. «Können Sie das Beispiel nochmal erklären?» oder «Wie hängt das mit dem zusammen, was wir letzte Woche besprochen haben?» reichen. Du musst keine brillante Frage formulieren. Du musst nur den Mund aufmachen.

Per E-Mail: Wenn die Frage länger ist oder die Vorlesung nicht der richtige Moment war. Dazu gleich mehr.

In einem Einzeltermin oder nach der Vorlesung: Für Fragen, die mehr Kontext brauchen. «Ich arbeite die Übung durch und komme bei Aufgabe 3 nicht weiter — können wir kurz drüberschauen?» Das ist konkreter als «Ich verstehe nichts» und gibt der Lehrperson einen Ansatzpunkt.

Wann du dich melden solltest

Drei Situationen, in denen Studierende sich fast immer zu spät melden:

Du verstehst den Stoff nicht. Melde dich jetzt, nicht in drei Wochen. Je früher du die Lücke schliesst, desto kleiner ist sie.

Du schaffst eine Deadline nicht. Melde dich vorher. Nicht am Abgabetag, nicht danach. Eine E-Mail drei Wochen vor der Deadline — «Ich habe ein Kapazitätsproblem wegen XY, kann ich zwei Tage verlängern?» — wird wohlwollender beantwortet als eine kurzfristige Nachricht. Eine E-Mail zwei Tage nach der Deadline wirkt wie eine Ausrede.

Du bist unsicher, was erwartet wird. Lieber einmal zu viel fragen als einmal zu wenig. «Ich möchte sicherstellen, dass ich die Aufgabenstellung richtig verstehe — meinen Sie damit X oder Y?» spart dir Stunden an Arbeit in die falsche Richtung.


E-Mails, die funktionieren

E-Mails an Dozierende sind für viele Studierende eine Hürde. Zu formell? Zu locker? Zu lang? Zu kurz? Ein paar Grundsätze, die immer funktionieren:

Betreffzeile, die den Inhalt sagt. Nicht «Frage» oder «Hallo». Sondern: «Modul SCPY — Frage zur Übungsaufgabe 3» oder «Terminverschiebung Abgabe Projektarbeit». Die Lehrperson bekommt Dutzende E-Mails pro Tag. Eine klare Betreffzeile ist ein Zeichen von Respekt für ihre Zeit.

Anrede und Gruss. «Guten Tag Frau Meier» oder «Hallo Herr Müller» — je nachdem, wie formell die Lehrperson kommuniziert oder natürlich auch in der Du-Form, wenn die Lehrperson dir das vorher angeboten hat. Im Zweifelsfall lieber etwas formeller. «Freundliche Grüsse» am Ende reicht immer, aber jede E-Mail hat eine Anrede und einen Abschluss. Vergiss auch deinen Namen und deine Klasse bitte am Ende der E-Mail nicht!

Kurz, konkret, mit klarer Frage. Sag, worum es geht. Sag, was du bereits versucht hast. Stell eine konkrete Frage. Drei bis fünf Sätze reichen fast immer. Beispiel:

«Guten Tag Herr Müller, ich arbeite an der Übungsaufgabe 3 im Modul SCPY. Bei der Berechnung der Durchlaufzeit komme ich auf ein anderes Ergebnis als in der Musterlösung. Ich habe die Formel aus Kapitel 4 verwendet — liegt mein Fehler dort, oder habe ich die Aufgabenstellung falsch interpretiert? Freundliche Grüsse, [Name]»

Das sind vier Sätze. Sie enthalten alles, was die Lehrperson braucht, um zu helfen. Und ein Pro-Tipp: lies die Modulbeschreibung, die Semesterbeschreibung und Moodle durch, bevor du nachfragst - vielleicht steht die Antwort auf deine Frage bereits dort und du hast es einfach übersehen.

Was du vermeiden solltest: Romane, bei denen die eigentliche Frage im fünften Absatz versteckt ist. Entschuldigungen für das Stellen der Frage («Es tut mir leid, dass ich störe...»). Und E-Mails, die keine Frage enthalten — nur eine Beschreibung des Problems, gefolgt von Stille. Dozierende sind keine Gedankenleser. Sag, was du brauchst und zeige, dass du dir selbst schon Gedanken gemacht hast. Es ist dein Lernprozess und Lehrpersonen schätzen es zu sehen, dass du dir vorher schon Ansätze überlegt hast und können dich mit den Informationen besser coachen.

Achtung: E-Mails sind nicht die Antwort auf alles! Das was du schreibst wird nicht immer so bei der Lehrperson ankommen, wie du es eigentlich ausdrücken wolltest. Wenn du merkst, dass E-Mails missverstanden werden oder deine Frage nicht klar ankommt, greife zum Telefon oder suche das persönliche Gespräch.


Kommunikation im Team

Gruppenarbeiten sind der Ort, an dem Kommunikation am meisten zählt — und am häufigsten scheitert. Die meisten Teamkonflikte entstehen nicht durch böse Absichten, sondern durch unausgesprochene Erwartungen.

Am Anfang: Erwartungen klären

Die wichtigste halbe Stunde in jeder Gruppenarbeit ist die erste. Nicht weil ihr mit der Arbeit beginnt, sondern weil ihr die Spielregeln festlegt. Drei Fragen, die jedes Team am Anfang beantworten sollte:

Was ist unser Anspruch? Will die Gruppe eine Spitzennote, oder reicht eine solide Arbeit? Diese Frage klingt unangenehm, verhindert aber den häufigsten Konflikt: Eine Person investiert zwanzig Stunden, eine andere zwei — und beide denken, sie hätten ihren Teil getan.

Wer macht was bis wann? Aufgaben verteilen, Deadlines setzen, schriftlich festhalten. Nicht «wir teilen das irgendwie auf», sondern «Lisa schreibt Kapitel 2 bis Freitag, Marco macht die Datenanalyse bis Sonntag». Schriftlich. In einem geteilten Dokument, das alle sehen und bei längeren Gruppenarbeiten aktualisiert ihr den Status der Aufgaben um nicht erst kurz vor einer Deadline überrascht zu werden, wenn jemand nicht ausreichend daran gearbeitet hat.

Wie entscheiden wir? Was macht ihr, wenn die Leistung einer Person in der Gruppe nicht allen passt, wer macht die Qualitätsprüfung und trifft den Entscheid, wie die endgültige Abgabe aussehen wird? Besprich am Anfang der Gruppenarbeit, wie ihr solche Fragen entscheidet - demokratisch mit Mehrheitsentscheid oder auf eine andere Art?

Wie geben wir uns Rückmeldung? Darf ich deinen Text korrigieren? Sag ich es dir, wenn ich mit deinem Beitrag nicht einverstanden bin? Wie direkt wollen wir miteinander sein? Diese Frage am Anfang zu klären ist hundertmal einfacher, als den ersten Konflikt ohne Regeln zu navigieren.

Wenn es nicht läuft

Jedes Team hat irgendwann ein Problem. Jemand liefert nicht. Jemand dominiert jede Diskussion. Jemand ist nie erreichbar. Was dann?

Sprich es an — früh und direkt. Nicht per Gruppenchat hinter dem Rücken der Person, sondern im Gespräch. «Mir ist aufgefallen, dass dein Teil noch aussteht. Was brauchst du, damit du bis Donnerstag liefern kannst?» ist kein Angriff. Es ist eine Frage. Die meisten Probleme lassen sich so lösen, bevor sie eskalieren.

Beschreibe Verhalten, nicht Charakter. «Du hast die letzten zwei Deadlines nicht eingehalten» ist eine Beobachtung. «Du bist unzuverlässig» ist ein Urteil. Das erste lässt Raum für eine Lösung. Das zweite erzeugt Abwehr. Um die Wahrscheinlichkeit noch weiter zu reduzieren, dass aus einer solchen Aussage ein Konflikt entsteht, kannst Du auch Ich-Botschaften verwenden: «Ich habe den Eindruck», «Ich mache mir Sorgen», «Ich fühle mich angegriffen, wenn Du das so sagst.»

Eskaliere, wenn nötig. Wenn direkte Kommunikation nicht hilft, ist die Lehrperson die richtige Anlaufstelle. Das ist kein Petzen — es ist professionelles Konfliktmanagement. Im Berufsleben würdest du auch nicht monatelang ein Teamproblem aussitzen, ohne deine Führungskraft einzubeziehen.


Feedback geben und nehmen

Feedback ist eines der mächtigsten Lernwerkzeuge — und eines der am meisten gefürchteten. Beides liegt an derselben Sache: Feedback macht sichtbar, wo du stehst. Das ist wertvoll, aber nicht immer angenehm.

Feedback nehmen

Trenne die Sache von der Person. Wenn jemand sagt, dein Methodenteil sei schwach, kritisiert er dein Methodenteil — nicht dich. Das emotional zu trennen ist schwer, aber entscheidend. Hör zu, stell Verständnisfragen, und entscheide danach, was du mit dem Feedback machst.

Frag nach, statt zu raten. Wenn eine Bewertung unklar ist, frag die Lehrperson: «Was genau meinen Sie mit ‹stärkere Argumentation›? Haben Sie ein Beispiel?» Die meisten Dozierenden erklären gerne — sie haben nur nicht immer den Platz, ausführliche Kommentare zu schreiben.

Nicht jedes Feedback ist richtig. Auch Dozierende und Mitstudierende können falsch liegen oder einen anderen Massstab anlegen. Kritisches Denken (Artikel 6) gilt auch hier: Prüfe das Feedback, bevor du es umsetzt.

Feedback geben

Sei konkret. «Das ist gut» hilft niemandem. «Deine Einleitung stellt das Problem klar dar und macht Lust weiterzulesen» ist nützlich. «Das gefällt mir nicht» hilft niemandem. «In Kapitel 3 fehlt mir der Bezug zur Fragestellung» gibt der Person etwas, womit sie arbeiten kann.

Balanciere. Nicht nur Kritik, nicht nur Lob. Was funktioniert gut? Was könnte besser werden? In dieser Reihenfolge — nicht weil du die Kritik verstecken sollst, sondern weil Menschen offener für Verbesserungsvorschläge sind, wenn sie wissen, dass du auch die Stärken siehst.

Beziehe dich auf die Arbeit, nicht die Person. «Der Text braucht eine stärkere Struktur» statt «Du schreibst unstrukturiert». Kleine Formulierungsunterschiede, grosse Wirkung.


Präsentieren: Weniger Angst, als du denkst

Viele Studierende fürchten Präsentationen mehr als Prüfungen. Verständlich — du stehst allein vor einer Gruppe, und alle schauen dich an. Aber Präsentieren ist eine Fähigkeit wie jede andere: trainierbar und kein Talent.

Vorbereitung schlägt Talent. Die meisten schlechten Präsentationen scheitern nicht am Auftritt, sondern an der Vorbereitung. Wer seinen Inhalt kennt und die Struktur durchdacht hat, kommt auch mit Nervosität zurecht. Wer improvisiert, wird nervös und unklar.

Sprich frei, aber nicht unvorbereitet. Auswendig lernen macht dich starr. Ablesen macht dich langweilig. Der Mittelweg: Kenne deine Kernbotschaften und die Reihenfolge deiner Punkte. Formuliere den ersten und den letzten Satz vorab — der Anfang gibt dir Sicherheit, das Ende gibt der Präsentation einen Abschluss. Alles dazwischen darf und soll frei formuliert sein.

Übe laut. Nicht im Kopf, nicht leise murmelnd — laut, im Stehen, idealerweise vor jemandem. Einmal laut durchsprechen bringt mehr als fünfmal im Kopf durchgehen. Du merkst sofort, wo du stockst, wo die Übergänge holpern und ob deine Zeit aufgeht.


Dein Aktionsplan

Woche 1 — Erste Frage stellen. Nimm dir vor, in der ersten Vorlesung oder per E-Mail eine Frage zu stellen. Egal welche. Das Ziel ist nicht die perfekte Frage, sondern die Hemmschwelle zu senken. Je früher du das tust, desto leichter wird es.

Woche 2 — E-Mail schreiben. Schreib einer Lehrperson eine E-Mail mit dem Format von oben: Betreffzeile, Kontext, was du versucht hast, konkrete Frage. Beobachte die Reaktion — fast immer wirst du eine hilfreiche Antwort bekommen.

Woche 3 — Teamregeln aufstellen. In deiner nächsten Gruppenarbeit: Schlage vor, die drei Fragen zu klären (Anspruch, Aufgabenverteilung, Feedbackregeln). Du musst es nicht als formalen Prozess verkaufen — «Hey, sollen wir kurz klären, wer was macht und bis wann?» reicht.

Woche 4 — Feedback einholen. Bitte eine:n Mitstudierende:n oder eine Lehrperson um Feedback zu einer Arbeit oder einem Beitrag. Konkret: «Kannst du dir meine Einleitung anschauen und mir sagen, ob die Fragestellung klar wird?» Je spezifischer du fragst, desto nützlicher die Antwort.


Fazit

Proaktive Kommunikation ist nicht laut sein. Es ist nicht dauernd reden. Es ist: rechtzeitig sagen, was gesagt werden muss. Fragen stellen, bevor Lücken zu gross werden. Erwartungen klären, bevor Konflikte entstehen. Feedback geben und nehmen, bevor die Abgabe kommt.

Das fühlt sich am Anfang unbequem an. Es wird leichter. Und es ist — neben kritischem Denken — wahrscheinlich die Fähigkeit, die dir nach dem Studium am meisten nützt.


Nächster Artikel in der Serie: Gruppenarbeit: Vom Frust zum funktionierenden Team — wie du Teamarbeit so organisierst, dass am Ende alle zufrieden sind.


Alle Artikel der Serie:


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Prof. Dominic Käslin ist Studienleiter der Bachelorstudienrichtung Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden. Er schreibt hier über Supply Chain Management, Karrierewege und die Zukunft der Wirtschaft.

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