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Studientipps: Erfolgreich Notizen machen

Notizen im Studium: So baust du ein System, das wirk­lich funk­tio­niert

Öffne die Notizen aus deiner letzten Weiterbildung, deinem letzten Kurs oder deinem letzten Workshop. Wenn du welche hast. Lies sie durch.

Verstehst du, was du gemeint hast? Kannst du den Zusammenhang rekonstruieren? Oder sind es lose Stichworte, halbe Sätze und Abkürzungen, die damals Sinn ergaben und heute wie eine Fremdsprache aussehen?

Wenn Letzteres: Du bist in guter Gesellschaft. Die meisten Menschen machen Notizen, die im Moment des Schreibens funktionieren — und eine Woche später wertlos sind. Das ist kein Problem, wenn du die Notizen nie wieder brauchst. Im Studium brauchst du sie aber wieder: vor der Prüfung, für die Seminararbeit, manchmal erst ein Jahr später, wenn ein späteres Modul auf einem früheren aufbaut.

Ein gutes Notizsystem löst dieses Problem. Nicht indem es mehr Arbeit macht, sondern indem es die richtige Arbeit zum richtigen Zeitpunkt macht.

Dieser Artikel ist Teil der Serie «Studienstart vorbereiten: 10 Skills, die dir niemand beibringt». Er vertieft Tipp 5: Bau dir ein Notizsystem, das funktioniert.

Warum die meisten Notizen nicht funktionieren

Die häufigste Form von Vorlesungsnotizen ist die Mitschrift: Du schreibst mit, was die Lehrperson sagt oder zeigt. Möglichst vollständig, möglichst wörtlich, möglichst schnell.

Das Problem: Mitschreiben ist eine motorische Tätigkeit, keine kognitive. Dein Gehirn ist damit beschäftigt, Worte aufs Papier oder in die Tastatur zu bringen — nicht damit, den Inhalt zu verstehen. Du funktionierst wie ein Aufnahmegerät: Informationen rein, Informationen raus, nichts bleibt hängen.

Dazu kommt ein zweites Problem: Vollständigkeit ist eine Illusion. Selbst wenn du alles mitschreibst, fehlt der Kontext — die Betonung, das Beispiel, die Frage aus dem Plenum, der Zusammenhang, den die Lehrperson mündlich hergestellt hat. Was übrig bleibt, ist ein Text, der wie ein verkürztes Skript aussieht, aber weniger nützlich ist als das Original.

Gute Notizen funktionieren anders. Sie sind nicht vollständig. Sie sind nützlich.


Was gute Notizen ausmacht

Gute Notizen erfüllen drei Funktionen:

Sie zwingen dich zum Verarbeiten. Nicht abschreiben, sondern umformulieren. Nicht alles festhalten, sondern auswählen: Was ist der Kern? Was ist neu für mich? Was verstehe ich noch nicht? Diese Entscheidungen sind bereits Lernarbeit — wenn du dir nach der Vorlesung die Notizen anschaust, hast du den Stoff schon einmal durchdacht, nicht nur gehört.

Sie sind in sechs Monaten lesbar. Das heisst: ganze Sätze statt Stichworte, wo es auf den Zusammenhang ankommt. Eigene Beispiele statt abstrakter Definitionen. Eine klare Struktur, die du auch ohne Erinnerung an die Vorlesung nachvollziehen kannst. Faustregel: Würde eine fremde Person verstehen, was du geschrieben hast? Dann verstehst du es in sechs Monaten auch noch.

Sie sind auffindbar. Die brillanteste Notiz ist nutzlos, wenn du sie nicht wiederfindest. Das bedeutet: ein konsistentes System für Dateinamen, Ordner oder Tags. Nicht «Notizen_neu_final_v3», sondern eine Struktur, die du durchhältst — zum Beispiel nach Modul und Datum, oder nach Thema und Semester.


Vier Methoden im Überblick

Es gibt nicht die eine richtige Methode. Aber es gibt Methoden, die sich für unterschiedliche Situationen besser eignen als andere. Hier sind vier, die sich im Studienkontext bewährt haben:

Die Cornell-Methode

Du teilst dein Blatt (oder dein Dokument) in drei Bereiche: einen breiten Bereich rechts für deine Notizen, einen schmalen Bereich links für Schlüsselbegriffe und Fragen, und einen Bereich unten für eine kurze Zusammenfassung.

Während der Vorlesung schreibst du rechts mit — in eigenen Worten, nicht wörtlich. Nach der Vorlesung (idealerweise noch am selben Tag) füllst du die linke Spalte: Welche Schlüsselbegriffe tauchen auf? Welche Fragen habe ich? Und unten schreibst du in zwei bis drei Sätzen, worum es im Kern ging.

Die Stärke der Cornell-Methode liegt in diesem Nachbearbeitungsschritt. Er zwingt dich, das Gehörte nochmals aktiv zu durchdenken — und die linke Spalte wird zur idealen Grundlage für Retrieval Practice: Du deckst die rechte Seite ab, liest die Schlüsselbegriffe links und versuchst, den Inhalt aus dem Gedächtnis abzurufen.

Geeignet für: Vorlesungen, Seminare, alles mit linearem Ablauf.

Der Zettelkasten

Die Idee: Jede Notiz enthält genau einen Gedanken, in eigenen Worten formuliert, auf eine Karte oder in eine einzelne Datei. Karten werden untereinander verlinkt — nicht nach Modul oder Datum, sondern nach inhaltlichem Zusammenhang.

Der Zettelkasten braucht am Anfang etwas Eingewöhnung. Aber über die Semester entsteht ein Netzwerk aus Gedanken, das Querverbindungen sichtbar macht, die du sonst nie gesehen hättest. Besonders wertvoll für Seminar- und Bachelorarbeiten, wo du Themen aus verschiedenen Modulen zusammenführen musst.

Geeignet für: Selbststudium, Literaturarbeit, langfristigen Wissensaufbau. Weniger für schnelle Vorlesungsmitschriften.

Mind Maps

Eine visuelle Methode: Ein Kernbegriff in der Mitte, Unterthemen als Äste, Details als Verzweigungen. Gut, um einen Überblick zu bekommen und Zusammenhänge räumlich darzustellen.

Die Stärke von Mind Maps liegt in der Strukturierung: Du musst entscheiden, was Hauptthema und was Detail ist, was zusammengehört und was nicht. Diese Entscheidungen sind Lernarbeit. Die Schwäche: Für komplexen, textlastigen Stoff werden Mind Maps schnell unübersichtlich, und sie lassen sich schlecht durchsuchen.

Geeignet für: Brainstorming, Themenüberblick, Prüfungsvorbereitung als Ergänzung zu textbasierten Notizen.

Sketchnotes

Notizen, die Text mit einfachen Zeichnungen, Symbolen und visuellen Elementen kombinieren. Du brauchst dafür kein Zeichentalent — Pfeile, Boxen, Strichmännchen und simple Icons reichen.

Sketchnotes funktionieren, weil sie dich zwingen, den Stoff zu vereinfachen und in eine visuelle Struktur zu übersetzen. Dieser Übersetzungsschritt ist der Lerneffekt. Gleichzeitig sind visuell gestaltete Notizen leichter wiederzuerkennen und angenehmer durchzusehen als Textblöcke.

Geeignet für: Vorlesungen, Zusammenfassungen, Überblicksthemen. Weniger für Detail- oder Rechenarbeit.


Digital oder analog?

Die Antwort darauf kannst nur du dir selbst geben.

Analog (Papier) hat einen kleinen Vorteil bei der Verarbeitung. Wer von Hand schreibt, schreibt langsamer — und ist dadurch gezwungen, stärker auszuwählen und umzuformulieren. Studien zeigen, dass handschriftliche Notizen tendenziell zu besserem Verständnis führen als getippte, wenn die getippten Notizen wörtliche Mitschriften sind.

Digital (Laptop, Tablet) hat den Vorteil der Durchsuchbarkeit, Verlinkung und Portabilität. Wer konsequent in eigenen Worten tippt und nicht wörtlich mitschreibt, hat einen ähnlichen Verarbeitungseffekt wie auf Papier — plus die Möglichkeit, Notizen zu durchsuchen, zu reorganisieren und zu verlinken.

Ein Tablet mit Stift kombiniert beides: handschriftlich arbeiten, digital speichern und durchsuchen.

Die Empfehlung: Wähle das Medium, bei dem du dich am ehesten an ein System hältst. Ein analoges Notizbuch, das du konsequent nutzt, schlägt eine digitale App, die du nach drei Wochen aufgibst. Und umgekehrt.


Digitale Werkzeuge, die sich lohnen

Falls du digital arbeitest, hier drei Werkzeuge, die sich für Studiennotizen bewährt haben:

Notion. Flexibel, vielseitig, gut für strukturierte Notizen mit Datenbanken, Tags und Verlinkungen. Eignet sich für den Zettelkasten-Ansatz und für die Organisation nach Modulen. Kostenlos für den persönlichen Gebrauch mit einer Studierenden-Lizenz. Die Lernkurve ist etwas steiler, aber die Investition lohnt sich, wenn du vier Jahre damit arbeitest.

Obsidian. Auf Verlinkung zwischen Notizen spezialisiert — ideal für den Zettelkasten. Alles wird als einfache Textdateien (Markdown) gespeichert, die dir gehören und nie in einer Cloud verschwinden. Kostenlos wenn du das Tool lokal auf deinem Rechner verwendest. Für die Synchronisierung über verschiedene Geräte fallen Kosten an.

OneNote oder Apple Notes. Weniger mächtig, aber sofort einsatzbereit. Gut genug, wenn du vor allem Vorlesungsnotizen in einer sauberen Ordnerstruktur ablegen willst, ohne ein neues Tool zu lernen.

Wichtiger als das Tool ist die Struktur dahinter. Jedes dieser Werkzeuge funktioniert — wenn du eine Ordnung hast, die du durchhältst.


Notizen in der Vorlesung vs. im Selbststudium

Notizen in der Vorlesung und Notizen im Selbststudium haben unterschiedliche Zwecke — und sollten entsprechend unterschiedlich aussehen.

In der Vorlesung hast du wenig Zeit. Hier geht es darum, das Wesentliche festzuhalten — Kernaussagen, Beispiele, Fragen, die dir in den Sinn kommen. Nicht alles, was auf den Folien steht (das hast du im Skript), sondern was die Lehrperson dazu sagt, was du nicht verstehst und was dich überrascht. Perfektionismus ist hier fehl am Platz. Lieber lückenhafte Notizen, die du nacharbeiten kannst, als der Versuch, alles mitzuschreiben und dabei das Zuhören zu vergessen.

Im Selbststudium hast du Zeit. Hier verarbeitest du: Du ergänzt die Vorlesungsnotizen, formulierst Zusammenfassungen in eigenen Worten, erstellst Karteikarten, vernetzt Themen. Das Selbststudium ist der Moment, in dem aus Rohmaterial echtes Wissen wird. Plane dafür nach jeder Vorlesung 15 bis 30 Minuten ein — am selben Tag, nicht erst am Wochenende. Je frischer die Erinnerung, desto besser die Nachbearbeitung.


Notizen als Prüfungsvorbereitung

Wenn dein Notizsystem funktioniert, ist die Prüfungsvorbereitung keine separate Übung mehr — sie ist der letzte Schritt eines Prozesses, der über das ganze Semester läuft.

Zusammenfassungen schreiben ist keine Prüfungsvorbereitung. Es ist das Minimum. Der eigentliche Wert liegt in dem, was danach kommt: Kannst du die Zusammenfassung zuklappen und den Inhalt aus dem Gedächtnis wiedergeben? Wo stockst du? Das sind die Stellen, die du nochmal anschauen musst.

Die Cornell-Spalte nutzen: Wenn du die Cornell-Methode verwendest, hast du eine fertige Prüfungsgrundlage. Linke Spalte lesen, rechte Spalte abdecken, abrufen. Wo es hakt, nochmal ins Material. Wiederholen. Das ist Retrieval Practice mit deinen eigenen Notizen — effizienter als jede Zusammenfassung.

Karteikarten aus Notizen erstellen: Geh deine Notizen durch und formuliere zu jedem Kernkonzept eine Frage. Die Frage auf die Vorderseite, die Antwort — in eigenen Worten, kurz — auf die Rückseite. Digital (Anki) oder analog (Karteikartenbox). Der Aufwand lohnt sich, weil du die Karten über mehrere Prüfungen und Semester hinweg wiederverwenden kannst.


Dein Aktionsplan

Vor dem Semesterstart: Entscheide dich für ein Medium (Papier, Tablet, Laptop) und ein Werkzeug. Richte eine Grundstruktur ein — einen Ordner oder Notizbuch pro Modul. Mehr brauchst du am Anfang nicht.

Woche 1: Probiere in der ersten Vorlesung die Cornell-Methode. Teile dein Blatt oder Dokument in die drei Bereiche. Schreib während der Vorlesung rechts mit, in eigenen Worten. Noch am selben Abend: linke Spalte und Zusammenfassung ausfüllen. Beobachte, wie es sich anfühlt.

Woche 2: Teste eine zweite Methode — Mind Map oder Sketchnotes — für ein anderes Modul. Vergleiche: Was fällt dir leichter? Was ergibt für welchen Stoff mehr Sinn? Du musst nicht bei einer Methode bleiben. Unterschiedliche Module können unterschiedliche Ansätze verlangen.

Woche 3: Starte die Nachbearbeitungs-Routine. Plane nach jeder Vorlesung 15 bis 30 Minuten für die Aufarbeitung deiner Notizen ein. Fester Termin im Kalender — wie in Artikel 3 beschrieben.

Woche 4: Erstelle für ein Thema deiner Wahl die ersten Karteikarten aus deinen Notizen. Fünf bis zehn Karten reichen. Teste dich damit. So verbindest du dein Notizsystem mit der aktiven Lernstrategie aus Artikel 4 — und hast einen Vorgeschmack darauf, wie Prüfungsvorbereitung aussieht, wenn dein System steht.


Fazit

Ein Notizsystem ist kein Luxus und kein Perfektionismus-Projekt. Es ist das Werkzeug, das den Rest deines Studiums einfacher macht — oder schwerer, wenn du keins hast. Du brauchst nicht das perfekte System. Du brauchst eines, das du benutzt und das in sechs Monaten noch Sinn ergibt.

Investiere jetzt die zwei Stunden, die es braucht, um dein System aufzusetzen. Du sparst dir damit über vier Jahre Studium ein Vielfaches.


Nächster Artikel in der Serie: Kritisch denken lernen — eine Anleitung — warum Hinterfragen keine Rebellion ist und wie du es zur Gewohnheit machst.


Alle Artikel der Serie:


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Oder schreib mir direkt: dsc@fhgr.ch | +41 81 286 24 38 Prof. Dominic Käslin, Studienleiter


Prof. Dominic Käslin ist Studienleiter der Bachelorstudienrichtung Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden. Er schreibt hier über Supply Chain Management, Karrierewege und die Zukunft der Wirtschaft.

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