Du trägst sie jeden Tag. Oder du sammelst sie, originalverpackt, als Wertanlage im Schuhschrank. Aber weisst du, wo sie waren, bevor sie bei dir gelandet sind? Eine Reise durch 11 Länder, 96 Fabriken und ein paar unbequeme Wahrheiten.
Der Nike Air Max 90 kostet bei Nike.ch im April 2026 rund 170 Franken. Dasselbe Modell, dieselbe Grösse, dieselbe Farbe – auf DeinDeal.ch für 89 Franken. Fast die Hälfte. Und doch ist es der gleiche Schuh, aus der gleichen Fabrik, mit den gleichen Materialien. Wie kann das sein?
Kurzfassung: Wo werden Nike-Schuhe hergestellt? Nike stellt keinen einzigen Schuh selbst her. 15 unabhängige Hersteller betreiben 96 Fabriken in 11 Ländern. Vietnam fertigt 51 Prozent aller Nike-Schuhe, Indonesien 28 Prozent, China 17 Prozent. Die einzige Ausnahme: Nike produziert die Air-Sole-Einheiten – das technologische Herzstück seiner Laufschuhe – in eigenen Werken in Oregon, Missouri und Vietnam. Alles andere wird ausgelagert. Warum das so ist, was es für den Preis deiner Sneakers bedeutet und was On Running anders macht, erfährst du im Detail weiter unten.
Die Antwort auf die Preisfrage steckt nicht im Schuh. Sie steckt in der Lieferkette dahinter – einem System aus Rohstoffen, Fabriken, Containerschiffen, Zwischenhändlern und Vertriebsentscheidungen, das so komplex ist, dass selbst Nike Jahrzehnte brauchte, um es zu beherrschen. Und für Sneakerheads, die ihre Sammlung als Investment betrachten und für limitierte Editionen vor dem Laden campieren, ist diese Kette besonders relevant: Denn was ein Schuh wert ist, hängt nicht nur vom Design ab, sondern davon, wie knapp er ist – und Knappheit ist nichts anderes als eine Frage der Supply Chain.
Fangen wir ganz vorne an. Nicht bei Nike in Beaverton, Oregon – dem Hauptsitz, wo rund 12'000 Mitarbeitende an Design, Technologie und Marketing arbeiten. Sondern dort, wo der Schuh tatsächlich seinen Anfang nimmt: auf einer Kautschukplantage in Südostasien.
Woraus besteht ein Nike-Schuh? Rohstoffe aus aller Welt
Jeder Nike Air Max besteht aus Dutzenden von Einzelteilen, deren Rohstoffe von verschiedenen Kontinenten stammen. Die Sohle beginnt als Naturkautschuk auf Plantagen in Thailand, Indonesien oder Malaysia – drei Ländern, die zusammen über 70 Prozent des globalen Kautschuks liefern. Der Kautschuk wird geerntet, getrocknet, zu Blöcken gepresst und per Schiff an Verarbeitungsbetriebe transportiert, bevor er überhaupt eine Fabrik von innen sieht.
Aber eine Sohle ist mehr als nur Kautschuk. Für die berühmte Air-Sole-Einheit – jene mit Gas gefüllte Blase in der Ferse, die den Air Max seit 1987 zum Air Max macht – braucht es thermoplastisches Polyurethan. Das klingt technisch, und das ist es auch: Polyurethan wird aus Erdölderivaten hergestellt. Rohöl wird in Raffinerien zu Grundchemikalien aufgespalten, diese werden in petrochemischen Werken zu Vorprodukten weiterverarbeitet, und erst nach mehreren Verarbeitungsstufen entsteht jener Kunststoff, der elastisch genug ist, um als Luftkissen unter deinem Fuss zu funktionieren. Wenn Öllieferungen ins Stocken geraten – wie im Frühjahr 2026, als die Strasse von Hormus durch den Iran-Konflikt faktisch blockiert war –, werden auch diese petrochemischen Vorprodukte teurer. Der Ölpreis wirkt sich also nicht nur auf dein Benzin aus, sondern auf die Sohle deines Sneakers.
Das Obermaterial? Je nach Modell eine Kombination aus Synthetikleder, das primär in China und Taiwan gefertigt wird, Mesh-Gewebe aus Polyester – oft recycelt, aber trotzdem energieintensiv in der Herstellung – und Textilien aus spezialisierten Webereien in Vietnam oder Indien. Dazu kommen Klebstoffe (mittlerweile grösstenteils wasserbasiert statt lösungsmittelbasiert), Farbpigmente, Schnürsenkel aus Nylon, Einlegesohlen aus Schaumstoff. Ein einzelner Sneaker vereint leicht 30 verschiedene Materialien aus einem halben Dutzend Ländern.
Bevor auch nur ein einziger dieser Rohstoffe eine Schuhfabrik erreicht, hat er bereits Tausende Kilometer zurückgelegt.
Von der Plantage zur Fabrik: Die Wertschöpfungskette vor der Produktion
Zwischen dem Kautschukbaum in Thailand und der fertigen Sohle in Vietnam liegen mehrere Verarbeitungsschritte in der Wertschöpfungskette, die den Schuh erst möglich machen.
Der Naturkautschuk wird zunächst in Verarbeitungswerken – oft in Thailand oder Malaysia – zu standardisierten Blöcken gepresst. Diese werden an Komponentenhersteller weiterverkauft, die daraus Sohlenmischungen produzieren. Parallel werden synthetische Materialien wie EVA-Schaumstoff (Ethylen-Vinylacetat) und thermoplastisches Polyurethan in petrochemischen Werken hergestellt, häufig in China oder Südkorea. Die Obermaterialien – Mesh, Synthetikleder, Textilien – werden in spezialisierten Textilfabriken gewebt, beschichtet oder mit Trägermaterialien verklebt.
All diese Komponenten müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, damit in der Schuhfabrik der eigentliche Fertigungsprozess beginnen kann. Das klingt banal, ist aber eine logistische Meisterleistung: Ein einziges fehlendes Teil – ein bestimmter Klebstoff, eine spezifische Farbe, ein Sohlenelement – kann eine ganze Produktionslinie zum Stillstand bringen.
Wo produziert Nike? 96 Fabriken in 11 Ländern
Und damit sind wir bei einem Detail, das die meisten überrascht: Nike stellt keinen einzigen Schuh selbst her. Das Unternehmen besitzt weltweit keine Schuhfabrik. Stattdessen arbeitet Nike mit 15 unabhängigen Schuhherstellern zusammen, die insgesamt 96 Fabriken in 11 Ländern betreiben (Nike, 2025, via Cosmo Sourcing).
Die Verteilung: Vietnam fertigt 51 Prozent aller Nike-Schuhe. Indonesien kommt auf 28 Prozent. China, das noch vor zehn Jahren über 60 Prozent der Produktion ausmachte, ist auf 17 Prozent geschrumpft – eine Folge steigender Löhne, geopolitischer Spannungen und Nikes bewusster Diversifikationsstrategie. Die restlichen 4 Prozent verteilen sich auf Indien, Thailand, Brasilien und weitere Standorte.
Die einzige Ausnahme: Nike besitzt eigene Fertigungsanlagen für seine Air-Sole-Technologie – die Air Manufacturing Innovation (Air MI) Facilities. Die zwei Hauptstandorte befinden sich in Beaverton, Oregon, und in St. Charles, Missouri (ein ehemaliger Kunststoffhersteller, den Nike 1991 übernahm). Ein weiterer Standort existiert in der Provinz Dong Nai in Vietnam. Hier werden die Air-Sole-Einheiten hergestellt – das technologische Herzstück, das Nike aus strategischen Gründen nicht an externe Partner abgibt. Seit 2008 enthalten alle Air-Sohlen mindestens 50 Prozent recyceltes Produktionsmaterial, und der Standort in Missouri recycelt über 90 Prozent seines Abfalls (Hypebeast, 2017; Missouri Partnership, 2024).
Warum gerade Vietnam? Tiefere Arbeitskosten als China, gut ausgebaute Hafeninfrastruktur rund um Ho-Chi-Minh-Stadt und internationale Freihandelsabkommen, die Exportzölle in wichtige Absatzmärkte senken. Seit August 2025 gelten allerdings US-Zölle von 20 Prozent auf vietnamesische Waren – ein Grund, warum Nike seine Produktion zunehmend auch auf Indonesien und Indien verteilt.
Wie funktioniert Nike? Das Geschäftsmodell hinter dem Swoosh
Was macht Nike dann eigentlich, wenn das Unternehmen keine Schuhe herstellt? Die Antwort: alles andere.
Nike ist im Kern ein Design-, Technologie-, Marketing- und Supply-Chain-Unternehmen. Am Hauptsitz in Beaverton, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Oregon, arbeiten rund 12'000 Mitarbeitende an der Entwicklung neuer Schuhe, an Materialtechnologien wie Flyknit (ein computergestricktes Obermaterial, das Verschnitt um bis zu 60 Prozent reduziert) und an der Air-Technologie, die seit 1987 das Markenzeichen ist. Mindestens ebenso wichtig: Nike orchestriert die gesamte Wertschöpfungskette – von der Rohstoffauswahl über die Fabriksteuerung bis zur Distribution. Das Unternehmen entscheidet, welche Materialien verwendet werden, in welcher Fabrik produziert wird und über welchen Kanal der Schuh zum Kunden gelangt.
Gleichzeitig gibt Nike den Fabriken detaillierte Produktionsvorgaben: Materialspezifikationen, Qualitätsstandards, Fertigungsprozesse. Die unabhängigen Hersteller setzen um, aber die Vorgaben kommen von Nike. Das ist kein freier Markt zwischen Auftraggeber und Fabrik – es ist eine eng gesteuerte Partnerschaft, bei der Nike die Kontrolle über Qualität und Technologie behält, ohne das Kapital in eigene Fabriken binden zu müssen.
Dieses Geschäftsmodell – die Produktion auslagern und sich auf Design, Marke und Supply Chain Steuerung konzentrieren – nennt man in der Fachsprache ein "Asset-Light"-Modell. Es erlaubt Nike, flexibel auf Nachfrageschwankungen zu reagieren, Produktionskapazitäten zwischen Ländern zu verschieben und das Investitionsrisiko zu minimieren.
Und dann ist da das Marketing. Nike investierte im Geschäftsjahr 2024 über 4 Milliarden Dollar in Werbung und Markenpflege. Dazu gehören Sponsoring-Verträge mit Athlet:innen wie LeBron James, Kylian Mbappé oder Naomi Osaka, Kollaborationen mit Rapper Travis Scott oder Sängerin Billie Eilish, die limitierte Schuhserien entwerfen, sowie Kampagnen, die weit über reine Produktwerbung hinausgehen. "Just Do It" ist nicht nur ein Slogan – es ist ein kulturelles Statement, das den Schuh emotional auflädt.
Dieses Modell – selbst nichts produzieren, aber alles kontrollieren – ist in der Sneaker-Industrie Standard. Adidas, Puma, New Balance funktionieren ähnlich. Aber Nike hat es am weitesten perfektioniert.
Die dunkle Seite: Sweatshops und die Frage der Verantwortung
In den 1990er-Jahren wurde dieses Modell auf eine harte Probe gestellt. Berichte über Sweatshop-Arbeitsbedingungen in indonesischen und vietnamesischen Fabriken, über Kinderarbeit in pakistanischen Nähereien und über Löhne, die nicht zum Leben reichten, erschütterten das Unternehmensimage. Nike argumentierte zunächst, die Fabriken gehörten nicht dem Unternehmen – also sei Nike auch nicht verantwortlich für das, was darin geschehe.
Diese Haltung war rechtlich vielleicht haltbar. Moralisch war sie es nicht. Nach Jahren des öffentlichen Drucks begann Nike eine Transparenz-Offensive, die in der Branche ohne Beispiel war: vollständige Offenlegung aller Lieferanten und Fabrikstandorte, regelmässige Audits, ein verschärfter Verhaltenskodex. Gelöst ist das Problem damit nicht – die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Südostasien bleiben Gegenstand berechtigter Kritik. Aber Nike hat zumindest akzeptiert, dass die Verantwortung eines Unternehmens nicht dort aufhört, wo seine eigenen vier Wände enden.
Für das Supply Chain Management steckt darin eine der wichtigsten Lektionen überhaupt: Unternehmen sind nicht nur für das verantwortlich, was sie selbst tun – sondern auch dafür, mit wem sie zusammenarbeiten und was dort geschieht. Wer seine Lieferkette nicht kennt, riskiert nicht nur seinen Ruf, sondern auch die Existenzgrundlage der Menschen, die in dieser Kette arbeiten.
Vom Hafen in den Laden: Die Logistik hinter deinem Schuh
Der Schuh ist fertig, verpackt, qualitätsgeprüft. Was jetzt folgt, ist eine logistische Kette, die je nach Route 25 bis 45 Tage dauert.
Die fertigen Schuhe werden in Überseecontainern an die Häfen im Süden Vietnams transportiert, vor allem an den Hafen von Ho-Chi-Minh-Stadt (Cat Lai). Von dort geht es auf ein Containerschiff – betrieben von Reedereien wie Maersk, MSC oder CMA CGM, den drei grössten Containerlinien der Welt.
Die Standardroute nach Europa führt durch die Strasse von Malakka, vorbei an Singapur, durch den Indischen Ozean, durch den Suezkanal und das Mittelmeer bis zu einem europäischen Hafen – Rotterdam, Hamburg oder Genua. Von dort geht es per LKW oder Bahn an regionale Distributionszentren. Für die Schweiz und Teile Europas betreibt Nike ein grosses Logistikzentrum im belgischen Laakdal, von dem aus die Verteilung an Händler und Endkunden erfolgt.
Seit Ende 2023 ist diese Route allerdings unsicherer geworden. Die Huthi-Miliz im Jemen greift Frachtschiffe im Roten Meer an, die auf dem Weg zum Suezkanal sind. Viele Reedereien haben daraufhin ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet – ein Umweg von rund 6000 Kilometern und 10 bis 14 zusätzlichen Tagen Fahrzeit. Das verteuert den Transport und verlängert die Lieferzeiten. Im Frühjahr 2026 kam die Blockade der Strasse von Hormus durch den Iran-Konflikt hinzu. Da ein erheblicher Teil der Sneaker-Materialien – Schaumstoffe, Klebstoffe, Synthetikleder – auf Erdölderivaten basiert, treibt ein Anstieg des Ölpreises nicht nur die Transportkosten, sondern auch die Materialkosten in die Höhe. Welche Risiken die globalen Lieferketten 2026 besonders betreffen, haben wir in einem separaten Artikel zusammengefasst.
Warum kostet der gleiche Nike-Schuh unterschiedlich viel?
Zurück zur Frage vom Anfang: Warum kostet der Nike Air Max 90 bei Nike.ch 170 Franken und auf DeinDeal.ch ab 89 Franken?
Die Antwort liegt im Vertriebskanal. Nike verkauft seine Schuhe über zwei grundlegend verschiedene Wege: direkt an Konsument:innen (über Nike.com, die SNKRS-App und eigene Nike-Stores) oder an Zwischenhändler (Ochsner Sport, Foot Locker, Snipes und andere).
Im Wholesale-Modell kauft der Retailer den Schuh von Nike zum Grosshandelspreis – typischerweise etwa 50 bis 55 Prozent des empfohlenen Verkaufspreises. Bei einem Verkaufspreis von 170 Franken zahlt der Händler also rund 85 bis 95 Franken. Seine Marge muss Ladenfläche, Personal, Lager und Marketing decken. Verkauft er den Schuh zum vollen Preis, bleibt ihm nach Abzug aller Kosten ein überschaubarer Gewinn. Läuft der Schuh nicht, wird er reduziert – und landet auf Plattformen wie DeinDeal, wo ältere Modelle oder weniger gefragte Farbvarianten zu deutlich tieferen Preisen abverkauft werden.
Wenn Nike den Schuh direkt über Nike.ch verkauft, fällt der Zwischenhändler weg. Nike behält die gesamte Marge. Das ist ein Hauptgrund, warum Nike in den letzten Jahren die Zahl seiner Wholesale-Partner weltweit um rund 50 Prozent reduziert hat und aggressiv auf Direktvertrieb setzt.
Und wer bekommt was von deinen 170 Franken? Die Kostenstruktur eines Nike-Sneakers sieht laut Branchenanalysen ungefähr so aus (WearTesters, 2025; Solereview, 2022): Die Herstellungskosten – Material, Arbeit, Fabrikoverhead – betragen rund 28 bis 30 Dollar. Marketing und Werbung verschlingen weitere 5 Dollar pro Schuh. Administration, Forschung und Entwicklung kosten rund 15 Dollar. Wenn Nike an einen Retailer verkauft, bleibt dem Unternehmen ein Nettogewinn von etwa 4 bis 5 Dollar pro Paar. Das ist kein Druckfehler: Von einem 100-Dollar-Schuh bleiben Nike am Ende rund 5 Dollar. Der Rest geht an Fabriken, Logistiker, Händler, Steuern und das eigene Marketing.
Bei einem Direktverkauf über Nike.ch fällt die Retailer-Marge von rund 50 Prozent weg, was Nikes Gewinn pro Paar erheblich steigert. Das erklärt, warum das Unternehmen so konsequent auf seinen eigenen Online-Shop und die SNKRS-App setzt – und warum die Preise dort selten reduziert werden.
Was On Running anders macht: Kreislaufwirtschaft statt Einweg
Jetzt ein Perspektivenwechsel. Denn es geht nicht nur darum, wie Sneakers heute produziert werden – sondern wie es auch anders gehen könnte.
Jedes Jahr werden weltweit über 20 Milliarden Paar Schuhe produziert. Die allermeisten davon enden auf der Deponie. Ein durchschnittlicher Sneaker besteht aus 65 Einzelteilen, verklebt und vernäht, aus Dutzenden verschiedener Materialien. Recycling ist unter diesen Bedingungen praktisch unmöglich – zu aufwändig, zu teuer, zu wenig Material pro Schuh.
In Zürich hat sich ein Unternehmen vorgenommen, das zu ändern. On Running, 2010 in der Schweiz gegründet, lancierte 2020 ein Projekt namens Cyclon, das die Logik der Sneaker-Lieferkette grundlegend hinterfragte. Die Idee: Du kaufst den Schuh nicht – du abonnierst ihn. Für 29.99 Dollar im Monat bekommst du einen Laufschuh, der zu über 50 Prozent aus einem biobasierten Kunststoff hergestellt ist, gewonnen aus Rizinusbohnen – einem nachwachsenden Rohstoff, der nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht. Wenn der Schuh abgenutzt ist, schickst du ihn zurück. On recycelt die Materialien und schickt dir einen neuen (On Running, 2024).
Das Abo-Modell war nicht nur eine Marketing-Idee, sondern löste ein konkretes Problem. Adidas hatte mit dem Futurecraft.Loop einen ähnlichen Ansatz versucht – aber die Kundschaft schickte die Schuhe schlicht nicht zurück (Fast Company, 2020). Das Abo schuf den finanziellen Anreiz, den Kreislauf tatsächlich zu schliessen.
Dieser Ansatz – Zugang statt Besitz, Kreislauf statt Einweg – ist nicht auf Schuhe beschränkt. In der Automobilindustrie, bei Möbeln, bei Elektronik: Abo- und Leasingmodelle, bei denen der Hersteller Eigentümer des Produkts bleibt und die Materialien kontrolliert zurückführt, gewinnen als Modelle der Kreislaufwirtschaft an Bedeutung. On war eines der ersten Unternehmen, das dieses Prinzip konsequent auf Sneakers anwendete.
Im März 2026 hat On das reine Abo-Modell beendet – nach Einschätzung des Unternehmens nicht weil es gescheitert ist, sondern weil es den Ansatz weiterentwickeln wollte. Ab Juni 2026 werden Cyclon-Schuhe erstmals zum normalen Kauf angeboten, und On lanciert ein breiteres Circular-Services-Programm: Rücknahme, Wiederaufbereitung, Weiterverkauf, Recycling – nicht nur für Cyclon-Modelle, sondern zunehmend für die gesamte Produktpalette (T3, 2026). Das Speedboard im neuesten Cloudrise Cyclon 1.1 besteht zu 99,5 Prozent aus recyceltem Material, darunter Substanzen aus zurückgegebenen Schuhen früherer Abonnent:innen (On Running, 2025).
Der Kontrast zu Nike ist markant. Nike managt eine der komplexesten linearen Lieferketten der Welt: Rohstoff, Fabrik, Container, Laden, Mülldeponie. On versucht, den letzten Schritt zu eliminieren und den Kreis zu schliessen. Beide Ansätze sind beeindruckend. Beide sind unfertig. Und beide zeigen, warum Supply Chain Management weit mehr ist als Logistik.
Warum Lieferketten den Wettbewerb entscheiden
Ein letzter Gedanke, der vielleicht der wichtigste ist.
Lange Zeit galt: Unternehmen konkurrieren gegeneinander. Nike gegen Adidas. On gegen Hoka. Marke gegen Marke. Aber diese Sichtweise greift zu kurz. Heute treten nicht Unternehmen gegeneinander an – sondern deren Lieferketten.
Du kaufst einen Sneaker nicht nur wegen des Designs. Du kaufst ihn, weil er verfügbar ist, wenn du ihn willst. Weil die Qualität stimmt, was eine Frage der Produktion ist. Weil der Preis angemessen ist, was eine Frage der Beschaffung und Logistik ist. Weil er vielleicht nachhaltig hergestellt wurde, was eine Frage des gesamten Wertschöpfungsnetzwerks ist. All das wird nur möglich, weil Dutzende von Unternehmen – Rohstofflieferanten, Komponentenhersteller, Fabriken, Reedereien, Distributoren, Händler – aufeinander abgestimmt handeln.
Und wer das orchestriert? Supply Chain Manager:innen. Menschen, die verstehen, wie globale Warenströme funktionieren, wo die Risiken liegen und wie man ein Netzwerk aus Hunderten von Partnern so steuert, dass am Ende ein Schuh im Regal steht – zum richtigen Preis, zur richtigen Zeit, in der richtigen Qualität.
An der Fachhochschule Graubünden verbindet die Studienrichtung Digital Supply Chain Management im BSc Betriebsökonomie genau diese Fähigkeiten: BWL-Grundlagen, digitale Werkzeuge, globales Verständnis. Nicht als Theorie, sondern als Handwerk – um Ketten wie die von Nike zu durchschauen, Risiken zu antizipieren und Modelle wie das von On weiterzudenken.
Dein Sneaker hat eine Geschichte. Sie beginnt auf einer Kautschukplantage und endet – je nachdem, wie die Zukunft aussieht – entweder auf einer Deponie oder in einem neuen Schuh. Welcher Weg es wird, entscheiden die Leute, die Lieferketten gestalten.
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Quellen:
Cosmo Sourcing. (2025). Where Does Nike Make Shoes and Apparel? Basierend auf Nikes Geschäftsbericht FY2025. https://www.cosmosourcing.com/blog/where-does-nike-make-shoes-and-apparel
Fast Company. (2020, 15. September). You can only get Swiss running brand On's new recyclable shoes via subscription. https://www.fastcompany.com/90550192/you-can-only-get-swiss-running-brand-ons-new-recyclable-shoes-via-subscription
Hypebeast. (2017, 28. Februar). Your First-Ever Look Inside Nike's Air Manufacturing Innovation Facility. https://hypebeast.com/2017/2/nike-air-manufacturing-innovation-facility
Missouri Partnership. (2024, 23. August). Inside Nike's Air Manufacturing Innovation Facility in Missouri. https://missouripartnership.com/inside-nikes-air-manufacturing-innovation-facility-in-missouri/
Nike. (2025). FY2025 NIKE, Inc. Impact Report / Geschäftsbericht. SEC Filing.
Nike Schweiz. (2026). Air Max 90 Schuhe. https://www.nike.com/ch/w/air-max-90-schuhe-auqmozy7ok
On Running. (2024, 21. Mai). On expands its circularity program with the new Cloudrise Cyclon and Cloudeasy Cyclon. Pressemitteilung. https://press.on-running.com/swiss-sportswear-brand-on-expands-its-circularity-program-with-two-new-shoe-models
On Running. (2025, 30. September). On Marks a Notable Step in its Journey towards Circularity with the Launch of the Cloudrise Cyclon 1.1. Pressemitteilung. https://press.on-running.com/on-marks-a-notable-step-in-its-journey-towards-circularity-with-the-launch-of-the-cloudrise-cyclon-11
Solereview. (2022). What does it cost to make a running shoe? https://www.solereview.com/what-does-it-cost-to-make-a-running-shoe/
T3. (2026, März). On doesn't want you to throw your running shoes away anymore. https://www.t3.com/active/running/on-cyclon-initiative-update-0326
WearTesters. (2025). Cost Breakdown of a $100 Nike Shoe. https://weartesters.com/cost-breakdown-100-nike-sneaker/