Rund drei Viertel aller Treibhausgasemissionen von Unternehmen entstehen nicht in den eigenen vier Wänden, sondern entlang der Lieferkette — bei Lieferanten, im Transport, bei der Nutzung und Entsorgung von Produkten. Wer Nachhaltigkeit ernst meint, kommt am Supply Chain Management nicht vorbei. Genau hier liegt aber auch die grösste Chance: Durch gezielte Veränderungen in der Beschaffung, Produktion und Logistik können Unternehmen ihren ökologischen Fussabdruck erheblich reduzieren und gleichzeitig Kosten senken.
Dieser Artikel erklärt, was eine nachhaltige Supply Chain ausmacht, wie Emissionen gemessen und reduziert werden, welche Rolle Kreislaufwirtschaft spielt und was das für dich als angehende Fachkraft bedeutet.
Was ist eine nachhaltige Supply Chain?
Eine nachhaltige Supply Chain (auch: Sustainable Supply Chain) verbindet ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele entlang der gesamten Wertschöpfungskette — von der Rohstoffgewinnung über Produktion und Transport bis zur Nutzung und Entsorgung eines Produkts. Das Ziel: Ressourcen effizient einsetzen, Emissionen minimieren und faire Arbeitsbedingungen sicherstellen, ohne die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu gefährden.
In der Praxis heisst das zum Beispiel:
- Lieferanten nach Nachhaltigkeitskriterien auswählen und bewerten
- Transportrouten und -mittel so planen, dass Emissionen reduziert werden
- Verpackungen und Produktdesigns auf Ressourceneffizienz ausrichten
- Transparenz über die gesamte Lieferkette herstellen — bis zum Rohstofflieferanten
Das Thema gewinnt rasant an Bedeutung. In der Schweiz verpflichtet die Sorgfaltspflicht nach Art. 964a ff. OR seit 2022 grössere Unternehmen, über nichtfinanzielle Belange zu berichten. Die EU geht mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) noch weiter — und betrifft über die Lieferkette auch viele Schweizer Zulieferer. Supply Chain Fachkräfte, die Nachhaltigkeit strategisch und operativ umsetzen können, sind entsprechend gesucht.
Scope 1, 2 und 3: Emissionen in der Lieferkette verstehen
Um Nachhaltigkeit in der Supply Chain messbar zu machen, braucht es eine klare Struktur. Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) teilt Treibhausgasemissionen in drei Kategorien ein:
Scope 1 — Direkte Emissionen: Alle Emissionen, die ein Unternehmen selbst verursacht, etwa durch eigene Produktionsanlagen, Heizungen oder Firmenfahrzeuge.
Scope 2 — Indirekte Emissionen aus Energie: Emissionen, die bei der Erzeugung von eingekauftem Strom, Fernwärme oder Dampf entstehen. Das Unternehmen verbraucht die Energie, produziert sie aber nicht selbst.
Scope 3 — Indirekte Emissionen in der Wertschöpfungskette: Hier wird es für das Supply Chain Management richtig relevant. Scope 3 umfasst alle übrigen indirekten Emissionen — sowohl vorgelagert (Upstream) bei Lieferanten als auch nachgelagert (Downstream) bei der Nutzung und Entsorgung durch Kunden. Das GHG Protocol unterscheidet dafür 15 Kategorien, darunter eingekaufte Waren und Dienstleistungen, Transport, Geschäftsreisen, Abfallentsorgung und die Nutzung verkaufter Produkte.
Warum Scope 3 so wichtig ist
Scope-3-Emissionen machen bei den meisten Unternehmen den mit Abstand grössten Anteil aus — laut aktuellen Analysen sind sie im Durchschnitt rund 11 Mal höher als die operativen Emissionen (Scope 1 + 2). Bei einem Konsumgüterunternehmen können sie über 90 % der gesamten CO₂-Bilanz ausmachen.
Das Problem: Scope 3 ist auch am schwierigsten zu messen. Die Daten liegen bei Lieferanten, deren Lieferanten, Logistikdienstleistern und Kunden — oft verteilt über mehrere Kontinente. Viele Unternehmen kennen nicht einmal alle Akteure in ihren vorgelagerten Stufen. Genau hier braucht es Fachkräfte, die Datenflüsse aufbauen, Lieferanten einbinden und Reduktionsstrategien entwickeln können.
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Net-Zero in der Supply Chain: Vom Ziel zur Umsetzung
Net-Zero bedeutet, dass ein Unternehmen netto keine Treibhausgase mehr ausstösst — entweder durch Reduktion auf null oder durch Kompensation der verbleibenden Emissionen. Das Pariser Klimaabkommen (2015) hat das globale Ziel gesetzt, Net-Zero bis 2050 zu erreichen. Über 3'000 Unternehmen weltweit haben sich bisher dazu verpflichtet.
Für Supply Chains ist das Ziel besonders anspruchsvoll, weil der grösste Hebel in Scope 3 liegt — also ausserhalb der direkten Kontrolle des Unternehmens. Das World Economic Forum (WEF) hat gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) untersucht, wie Unternehmen ihre Lieferketten dekarbonisieren können.
Zentrale Ergebnisse in dieser Studie sind:
- Die Supply Chains von acht Branchen (Lebensmittel, Bau, Mode, Konsumgüter, Elektronik, Automobile, Transport, Berufsbekleidung) sind für rund 50 % der globalen Emissionen verantwortlich.
- Ein signifikanter Teil dieser Emissionen wird direkt oder indirekt von einer überschaubaren Zahl grosser Unternehmen kontrolliert.
- Die Umstellung auf nachhaltige Supply Chains würde die Endkundenpreise laut WEF/BCG nur um 1–4 % erhöhen.
Neun Schritte zur Net-Zero Supply Chain
Der WEF/BCG-Report empfiehlt Unternehmen unter anderem:
- Eine Emissionsbaseline schaffen und mit Lieferantendaten anreichern
- Ambitionierte Reduktionsziele setzen (z. B. mit Science Based Targets)
- Produktdesigns überprüfen — bis zu 80 % der Emissionen einer Supply Chain werden durch Designentscheidungen bestimmt
- Beschaffungsstrategien anpassen und Nachhaltigkeitsstandards im Einkauf verankern
- Gemeinsam mit Lieferanten in Reduktionsmassnahmen investieren
- Branchenweite Standards mit Wettbewerbern entwickeln
- Interne Governance etablieren, die Emissionen als Steuerungsgrösse behandelt
Für angehende Supply Chain Manager:innen heisst das: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema, sondern eine Kernkompetenz. Wer in diesem Feld arbeiten will, braucht Verständnis für Datenanalyse, Lieferantenmanagement, regulatorische Anforderungen und Kreislaufwirtschaft.
Circular Supply Chain: Von der Linie zum Kreislauf
Traditionelle Supply Chains funktionieren linear: Rohstoffe werden gewonnen, zu Produkten verarbeitet, genutzt und dann entsorgt. Dieses „Take-Make-Waste"-Modell stösst ökologisch und ökonomisch an Grenzen.
Die Circular Supply Chain (auch: Kreislaufwirtschaft in der Lieferkette) dreht dieses Modell um. Ziel ist es, Materialien und Produkte so lange wie möglich im Kreislauf zu halten — durch Reparatur, Aufbereitung (Refurbishment), Wiederverwendung (Reuse) und Recycling. Das klassische SCOR-Modell wird dabei um neue Prozessschritte ergänzt: Sammeln, Prüfen und Aufbereiten.
Was bedeutet das konkret?
- Produktdesign für den Kreislauf: Produkte werden so entworfen, dass sie reparierbar, zerlegbar und recyclingfähig sind — Design for Circularity.
- Rücknahmelogistik (Reverse Logistics): Gebrauchte Produkte und Materialien werden systematisch zurückgenommen und in den Kreislauf eingespeist.
- Re-X-Strategien: Recovery (Wiedergewinnung), Reuse (Wiederverwendung), Repair (Reparatur), Refurbishing (Generalüberholung), Recycling (Wiederaufbereitung) — je nach Zustand des Produkts wird der passende Weg gewählt.
- Neue Geschäftsmodelle: Product-as-a-Service, Sharing-Modelle und Leasing statt Eigentum reduzieren den Ressourcenverbrauch und schaffen neue Umsatzquellen.
Die Kreislaufwirtschaft ist dabei nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich attraktiv. Sie reduziert die Abhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten, senkt Beschaffungsrisiken und kann neue Kundensegmente erschliessen. Unternehmen wie On Running, Migros oder Hilti arbeiten bereits an zirkulären Ansätzen in ihren Lieferketten — alles Unternehmen die du auch im DSC Studium an der FH Graubünden näher kennenlernst.
Nachhaltigkeit im SCM: Der Schweizer Kontext
Die Schweiz hat eine besondere Ausgangslage: Pro Kopf gehören die Umweltauswirkungen ihrer globalen Lieferketten zu den höchsten in Europa. Das liegt an der starken internationalen Verflechtung der Schweizer Wirtschaft — viele Schweizer Unternehmen beziehen Rohstoffe und Vorprodukte aus Ländern mit weniger strengen Umweltstandards.
Regulatorisch bewegt sich einiges. Seit 2022 gilt die Sorgfaltspflicht nach Art. 964a ff. OR, die grössere Unternehmen zur Berichterstattung über nichtfinanzielle Belange verpflichtet. Die europäische CSRD und die Entwaldungsverordnung (EUDR) betreffen über die Lieferkette auch Schweizer Zulieferbetriebe. Das heisst: Auch wenn du bei einem Schweizer KMU arbeitest, wirst du früher oder später mit Nachhaltigkeitsanforderungen in der Lieferkette konfrontiert.
Das schafft Nachfrage nach Fachkräften, die sowohl die betriebswirtschaftliche als auch die ökologische Seite verstehen — genau das Profil, das Supply Chain Absolventinnen und Absolventen mitbringen.
Willst du Nachhaltigkeit in Supply Chains nicht nur verstehen, sondern aktiv gestalten?
Im Bachelor Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden lernst du berufsbegleitend, wie Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten nachhaltig, digital und effizient aufstellen. In der Vertiefung „Sustainable Supply Chain Management & Product Development" setzt du dich gezielt mit Kreislaufwirtschaft, Scope-3-Management und nachhaltiger Beschaffung auseinander. Die Studienrichtung ist CIPS-akkreditiert — als weltweit erstes deutschsprachiges Programm.
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Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist Nachhaltigkeit im Supply Chain Management?
Nachhaltigkeit im Supply Chain Management bedeutet, ökologische, soziale und wirtschaftliche Ziele in alle Prozesse der Wertschöpfungskette zu integrieren — von der Beschaffung über Produktion und Transport bis zur Entsorgung. Ziel ist es, Emissionen zu reduzieren, Ressourcen effizient einzusetzen und faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, ohne die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu gefährden.
Was sind Scope 3 Emissionen?
Scope-3-Emissionen sind alle indirekten Treibhausgasemissionen, die in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen — also bei Lieferanten, im Transport, bei der Nutzung und Entsorgung von Produkten. Sie machen bei den meisten Unternehmen den grössten Anteil der gesamten CO₂-Bilanz aus (oft über 70 %) und sind besonders schwierig zu messen, weil die Daten bei Dritten liegen.
Was ist eine Circular Supply Chain?
Eine Circular Supply Chain (zirkuläre Lieferkette) folgt dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Statt Produkte nach Gebrauch zu entsorgen, werden sie durch Reparatur, Aufbereitung, Wiederverwendung oder Recycling im Kreislauf gehalten. Das reduziert den Ressourcenverbrauch, senkt Emissionen und schafft neue Geschäftsmodelle.
Kann man Nachhaltigkeit im Supply Chain Management studieren?
Ja. Der Bachelor in Digital Supply Chain Management an der FH Graubünden bietet eine Vertiefung in Sustainable Supply Chain Management & Product Development. Das berufsbegleitende Teilzeitstudium (4 Jahre, in Chur oder Zürich) verbindet Betriebsökonomie mit Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Lieferkette. Das Programm ist CIPS-akkreditiert und richtet sich an Berufstätige, die Supply Chains der Zukunft gestalten wollen. Mehr Informationen: fhgr.ch/dsc
Welche Gesetze regeln Nachhaltigkeit in Schweizer Lieferketten?
In der Schweiz gilt seit 2022 die Sorgfaltspflicht nach Art. 964a ff. OR für grössere Unternehmen. Sie verpflichtet zur Berichterstattung über nichtfinanzielle Belange, insbesondere zu Umwelt und Menschenrechten in der Lieferkette. Zusätzlich betreffen EU-Regulierungen wie die CSRD und die Entwaldungsverordnung (EUDR) auch Schweizer Unternehmen, die in europäische Lieferketten eingebunden sind.
Warum ist SCM der Schlüssel zur Nachhaltigkeit von Unternehmen?
Weil der grösste Teil der Umweltauswirkungen eines Unternehmens nicht im eigenen Betrieb entsteht, sondern in der Lieferkette. Studien zeigen, dass die Lieferkettenemissionen im Durchschnitt rund 11 Mal höher sind als die betriebseigenen Emissionen. Durch Massnahmen in Beschaffung, Transport, Produktdesign und Kreislaufwirtschaft können Supply Chain Fachkräfte einen erheblichen Beitrag zur Emissionsreduktion leisten.
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Oder schreib direkt: dsc@fhgr.ch | +41 81 286 24 38 Prof. Dominic Käslin, Studienleiter