Inhaltsverzeichnis
Drei Beiträge lang standen Wikipedia und Grokipedia im direkten Vergleich. Dabei wurden Quellenarbeit, sprachliche Neutralität und Governance analysiert. Die abschliessende Frage reicht jedoch weiter: Welche gesellschaftliche Bedeutung besitzen öffentliche Wissensplattformen überhaupt noch, wenn künstliche Intelligenz Informationen in Sekunden generieren kann?
Die Untersuchung zeigt, dass digitale Wissensplattformen längst mehr sind als reine Informationsspeicher. Sie prägen, wie historische Ereignisse verstanden, politische Entwicklungen eingeordnet und gesellschaftliche Debatten geführt werden (Pscheida, 2010). Entscheidend wird deshalb nicht nur, welche Informationen sichtbar sind, sondern auch, wie dieses Wissen entsteht.
Wissen entsteht nicht neutral
Wikipedia macht sichtbar, dass Wissen kein fertiges Produkt ist, sondern kontinuierlich ausgehandelt wird. Der Artikel zur Französischen Revolution verbindet historische Ereignisse mit Fragen von Demokratie, Menschenrechten und Volkssouveränität. Der Beitrag zu Donald Trump bündelt politische, juristische und biografische Perspektiven zu einer hochkontroversen Person. Beide Artikel entstehen nicht durch einmalige Generierung, sondern durch fortlaufende Diskussion, Bearbeitung und Korrektur (Pscheida, 2010; van Dijk, 2021).
Gerade diese Offenheit besitzt gesellschaftliche Relevanz. Kuhlen (1999) beschreibt Wissen nicht als reine Ansammlung von Informationen, sondern als interpretierbaren Zusammenhang, dessen Wahrheitswert eingeordnet werden muss. Öffentliche Wissensplattformen schaffen Transparenz darüber, wie Wissen entsteht, verändert und legitimiert wird.
KI-generierte Systeme verschieben dieses Prinzip grundlegend. Grokipedia präsentiert fertige Synthesen, ohne die dahinterliegenden Prozesse sichtbar zu machen. Die Inhalte wirken objektiv und abgeschlossen, obwohl Auswahl, Gewichtung und algorithmische Entscheidungen weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Bias bleibt in KI-Systemen häufig in der Modellogik verborgen und ist für Nutzende nicht direkt rekonstruierbar (Yasseri und Mohammadi, 2025).
Die neue Informationsasymmetrie
Die Attraktivität KI-generierter Wissenssysteme liegt auf der Hand. Inhalte erscheinen schnell, sprachlich kohärent und visuell modern aufbereitet (Hadad et al., 2026). Gleichzeitig entsteht jedoch eine neue Form von Informationsasymmetrie. Sichtbar bleibt nur das Ergebnis, während Trainingsdaten, Gewichtungen und Qualitätsmechanismen verborgen bleiben. Information lässt sich dabei als Vertrauensgut verstehen, dessen Qualität vor und nach der Nutzung oft nicht vollständig beurteilbar ist (Kuhlen, 1999).
Genau deshalb gewinnen transparente Wissensplattformen an Bedeutung. Wikipedia macht Konflikte, Unsicherheiten und Perspektiven sichtbar. Diskussionsseiten und Versionshistorien ermöglichen es, Veränderungen nachzuvollziehen und Inhalte kritisch zu hinterfragen (van Dijk, 2021). Bias verschwindet dadurch nicht automatisch, bleibt jedoch erkennbar und diskutierbar. In geschlossenen KI-Systemen bleibt Bias dagegen unsichtbar im generierten Text eingebettet (Yasseri und Mohammadi, 2025). Die Frage nach Transparenz ist deshalb keine technische Nebensache, sondern betrifft unmittelbar die Qualität öffentlicher Meinungsbildung.
Warum öffentliche Wissensplattformen relevant bleiben
Im Kern geht es nicht darum, welche Plattform schneller oder effizienter funktioniert. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Form von Wissen langfristig gesellschaftlich vertrauenswürdig bleibt. Dies wird als informationelle Autonomie beschrieben, verstanden als die Fähigkeit, Informationen kritisch zu bewerten und Vertrauen gezielt zu setzen (Kuhlen, 1999).
Öffentliche Wissensplattformen bleiben dafür zentral, weil sie Wissen nicht nur bereitstellen, sondern auch dessen Entstehung sichtbar machen. Genau darin liegt ihre gesellschaftliche Funktion. Sie sind keine nostalgischen Relikte früher Internetkulturen, sondern demokratische Infrastrukturen in einer digitalen Öffentlichkeit, in der Informationen immer schneller produziert, aber nicht automatisch nachvollziehbarer werden (van Dijk, 2021).
Fazit der Blogreihe
Diese Blogreihe führt zu einer zentralen Erkenntnis. Der Vergleich zwischen Wikipedia und Grokipedia ist keine technische Debatte über alte und neue Plattformen. Wikipedia überzeugt durch Transparenz, kollektive Aushandlung und demokratischen Zugang. Grokipedia punktet durch Effizienz und moderne Bedienung, bleibt aber in zentralen Bereichen intransparent. Die äussere wissenschaftliche Form ist nicht automatisch mit Wissenstransparenz gleichzusetzen. Entscheidend für die Qualität digitaler Wissensräume ist nicht die Menge verfügbarer Informationen, sondern die Transparenz ihrer Entstehung (Kuhlen, 1999; Yasseri und Mohammadi, 2025).
Die Frage der Zukunft lautet daher nicht, ob künstliche Intelligenz Wissen erzeugen kann. Die entscheidende Frage lautet, welche Form von Wissen gesellschaftlich sichtbar, überprüfbar und vertrauenswürdig bleiben soll.
Ende der Blogreihe
Glossar
Bias (algorithmisch)
Systematische Verzerrungen in Daten oder Modellen, die sich in generierten Inhalten fortsetzen können, ohne direkt sichtbar zu sein (Yasseri und Mohammadi, 2025).
Informationsasymmetrie
Liegt vor, wenn eine Seite über mehr Wissen verfügt als die andere. Bei Wissensplattformen betrifft dies oft Betreiber oder Systeme gegenüber Nutzenden, die interne Prozesse nicht vollständig kennen (Kuhlen, 1999).
Informationelle Autonomie
Fähigkeit, Informationen selbstständig zu bewerten, einzuordnen und Vertrauen gezielt zu setzen (Kuhlen, 1999).
Informationskompetenz
Fähigkeit, Informationen gezielt zu suchen, kritisch zu bewerten, richtig einzuordnen und sinnvoll zu nutzen (Kuhlen, 1999).
Transparenz
Nachvollziehbarkeit darüber, wie Inhalte entstehen, geprüft und verändert werden (Kuhlen, 1999).
Vertrauensgut
Ein Gut, dessen Qualität von Nutzenden vor oder selbst nach der Nutzung nur schwer beurteilbar ist (Kuhlen, 1999).
Literatur
Greenstein, S., und Zhu, F. (2012). Collective intelligence and neutral point of view: The case of Wikipedia (NBER Working Paper No. 18167). National Bureau of Economic Research.
Hadad, O., et al. (2026). Wikipedia and Grokipedia: A comparison of human and generative encyclopedias. arXiv.
Kuhlen, R. (1999). Die Konsequenzen von Informationsassistenten. Suhrkamp.
Pscheida, D. (2010). Das Wikipedia-Universum: Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. transcript.
van Dijk, J. (2021). The network society (4th ed.). Sage.
Yasseri, T., und Mohammadi, S. (2025). How similar are Grokipedia and Wikipedia? arXiv.
Weitere Blogs der FH Graubünden gibt es hier zu lesen.
Diese Blogreihe wurde von den Studierenden Amel Aloui und Sankavi Thayananthan verfasst. Die Beiträge entstanden im Rahmen des Projektkurses «Kuratierung von Wissen mit Wikis» unter der Leitung von Edzard Schade und Urs Dahinden im Studienangebot Information Science an der Fachhochschule Graubünden.