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Wer heute eine Information sucht, landet meist innert Sekunden auf einer digitalen Wissensplattform. Über viele Jahre galt Wikipedia nahezu als Synonym für frei zugängliches Onlinewissen. Millionen Menschen nutzen die Plattform täglich für schulische Recherchen, berufliche Fragestellungen oder allgemeine Orientierung im Alltag. Die Inhalte entstehen gemeinschaftlich, werden laufend überarbeitet und sind öffentlich dokumentiert (Pscheida, 2010).
Mit dem Aufkommen generativer künstlicher Intelligenz entstehen jedoch neue Formen digitaler Wissenssysteme. Eine davon ist Grokipedia – eine KI-gestützte Plattform, auf der enzyklopädische Inhalte primär automatisiert erstellt werden (Hadad et al., 2024; Yasseri und Mohammadi, 2024). Damit trifft ein etabliertes, gemeinschaftsbasiertes Modell auf eine neue technologisch geprägte Form der Wissensproduktion.
Genau an diesem Punkt setzt unsere vierteilige Blogreihe an. Im Rahmen des Projektkurses an der Fachhochschule Graubünden untersuchen wir, wie sich communitybasierte und KI-generierte Wissensplattformen unterscheiden – und welche Folgen dies für Öffentlichkeit, Vertrauen und Informationsqualität haben könnte.
Worum geht es in dieser Blogreihe?
Die Reihe besteht aus vier eigenständigen Beiträgen, die jeweils einen spezifischen Schwerpunkt setzen und gleichzeitig Teil eines Gesamtbildes sind:
Im ersten Beitrag geht es um die grundlegende Gegenüberstellung von Wikipedia und Grokipedia.
Im zweiten Beitrag analysieren wir Grokipedia anhand konkreter Beispiele aus unserer Untersuchung.
Im dritten Beitrag steht der direkte Vergleich zwischen Wikipedia und Grokipedia im Fokus. Dabei wird aufgezeigt, wie sich communitybasierte und KI-generierte Wissensproduktion hinsichtlich Quellenarbeit, Transparenz, Qualitätskontrolle und struktureller Organisation unterscheiden.
Im vierten Beitrag diskutieren wir, weshalb öffentliche Wissensplattformen gesellschaftlich relevant bleiben.
Zwei Plattformen – zwei unterschiedliche Prinzipien
Wikipedia basiert auf dem Gedanken kollektiver Zusammenarbeit. Freiwillige Autorinnen und Autoren erstellen Beiträge, korrigieren Fehler, diskutieren Formulierungen und ergänzen Quellen. Änderungen bleiben im Versionsverlauf sichtbar. Wissen entsteht dadurch nicht auf einen Schlag, sondern in einem fortlaufenden Aushandlungsprozess (van Dijk, 2021). Gerade diese Offenheit hat wesentlich dazu beigetragen, dass Wikipedia heute weltweit als zentrale Wissensinfrastruktur wahrgenommen wird.
Grokipedia verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz. Statt auf viele menschliche Mitwirkende zu setzen, werden Inhalte mithilfe künstlicher Intelligenz generiert. Für Nutzende wirkt das zunächst attraktiv: Texte erscheinen schnell, oft sprachlich flüssig, strukturiert und umfangreich. Der Zugang ist unkompliziert, die Darstellung modern und effizient (Hadad et al., 2024).
Gleichzeitig wirft dieses Modell neue Fragen auf. Während bei Wikipedia Diskussionen, Bearbeitungen und Quellenarbeit sichtbar sind, bleibt bei KI-Systemen häufig unklar, wie Inhalte genau entstehen, welche Quellen berücksichtigt wurden oder nach welchen Kriterien Aussagen gewichtet werden (Yasseri und Mohammadi, 2024).
Warum das gesellschaftlich relevant ist
Digitale Wissensplattformen sind längst nicht mehr nur Nachschlagewerke. Sie beeinflussen, wie Menschen politische Themen verstehen, historische Ereignisse einordnen oder sich im Alltag orientieren. Wer online nach Informationen sucht, verlässt sich oft auf die zuerst sichtbaren Ergebnisse. Deshalb ist nicht nur entscheidend, was dort steht, sondern auch wie dieses Wissen zustande kommt.
Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle. Informationen sind im digitalen Raum häufig sogenannte Vertrauensgüter: Ihre Qualität kann von Nutzenden oft nicht unmittelbar beurteilt werden. Transparenz, Nachvollziehbarkeit und institutionelle Glaubwürdigkeit gewinnen dadurch stark an Bedeutung (Kuhlen, 1999).
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob künstliche Intelligenz Wissen erzeugen kann. Relevanter ist, unter welchen Bedingungen dieses Wissen glaubwürdig, verantwortbar und gesellschaftlich nützlich bleibt.
Unser Untersuchungsansatz
Im Rahmen unseres Projekts vergleichen wir Wikipedia und Grokipedia anhand zweier bewusst unterschiedlich gewählter Themenfelder. Einerseits betrachten wir mit der Französischen Revolution ein historisches Thema, das stark dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet ist. Andererseits analysieren wir mit Donald Trump eine aktuelle und politisch kontroverse Persönlichkeit.
Diese Kombination erlaubt es, beide Plattformen sowohl bei eher stabilen Wissensbeständen als auch bei dynamischen und polarisierenden Themen zu untersuchen. Analysiert werden insbesondere:
- Quellen und Nachvollziehbarkeit
- sprachliche Neutralität
- Governance und Transparenz
- gesellschaftliche Funktion digitaler Wissensplattformen
Erste Beobachtungen
Bereits zu Beginn zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld. Wikipedia überzeugt vor allem durch nachvollziehbare Prozesse, dokumentierte Bearbeitungen und etablierte Community-Regeln. Grokipedia punktet dagegen eher mit der schnellen Generierung und Aktualisierung von Inhalten, moderner Aufbereitung und einfacher Zugänglichkeit.
Vereinfacht gesagt treffen hier zwei Modelle aufeinander: offene Aushandlung durch Menschen und algorithmische Effizienz durch künstliche Intelligenz.
Welches Modell langfristig mehr Vertrauen schafft, ist keineswegs selbstverständlich – und genau deshalb gesellschaftlich relevant.
Ausblick auf Beitrag 2
Im nächsten Beitrag richten wir den Fokus gezielt auf Grokipedia. Anhand konkreter Beispiele zeigen wir, wie die Plattform arbeitet, wie Quellen dargestellt werden und weshalb eine hohe Anzahl an Referenzen nicht automatisch hohe Transparenz bedeutet.
Nächster Beitrag:
Grokipedia im Praxistest – Schnell, modern, aber auch vertrauenswürdig?
Hier geht es zum zweiten Blogbeitrag.
Glossar
Wikipedia
Freie Online-Enzyklopädie, deren Inhalte gemeinschaftlich von Freiwilligen erstellt und bearbeitet werden (Pscheida, 2010).
Grokipedia
KI-gestützte Wissensplattform, bei der Inhalte überwiegend automatisiert generiert werden (Hadad et al., 2024).
Transparenz
Nachvollziehbarkeit darüber, wie Inhalte entstehen, geprüft und verändert werden (Kuhlen, 1999).
Governance
Regeln, Verantwortlichkeiten und organisatorische Strukturen einer Plattform (van Dijk, 2021).
Vertrauensgut
Ein Gut, dessen Qualität von Nutzenden vor oder selbst nach der Nutzung nur schwer beurteilbar ist (Kuhlen, 1999).
Literatur
Hadad, A., et al. (2024). Wikipedia and Grokipedia: A comparison of human and generative encyclopedias. arXiv.
Kuhlen, R. (1999). Die Konsequenzen von Informationsassistenten. Suhrkamp.
Pscheida, D. (2010). Das Wikipedia-Universum. transcript Verlag.
van Dijk, J. (2021). The Digital Divide. Polity Press.
Yasseri, T., und Mohammadi, E. (2024). Comparing Wikipedia and AI-generated encyclopedic systems. arXiv.
Weitere Blogs der FH Graubünden gibt es hier zu lesen.
Diese Blogreihe wurde von den Studierenden Amel Aloui und Sankavi Thayananthan verfasst. Die Beiträge entstanden im Rahmen des Projektkurses «Kuratierung von Wissen mit Wikis» unter der Leitung von Edzard Schade und Urs Dahinden im Studiengang Information Science an der Fachhochschule Graubünden.