Was bedeutet es für die Lieferkette, wenn eine Verkaufsaktion die Nachfrage nach dem Produkt schlagartig steigert? Oder wie beeinflusst eine Lieferverzögerung den Unternehmenserfolg? Wie das alles zusammenhängt, simuliert das am MIT entwickelte «Beer Game» spielerisch. Am nächsten Alumni-Anlass zeigt Dominic Käslin, Leiter der Studienrichtung Digital Supply Chain Management, wie das Spiel funktioniert. Im Interview verrät er, was hinter dem «Beer Game» steckt und was kleine Veränderungen in modernen Liefer- und Wertschöpfungsketten anrichten können.
Dominic, was passiert eigentlich in einer Lieferkette, wenn ein Produkt plötzlich im Angebot ist?
Nehmen wir eine 50 %-Aktion auf Bier. Die Nachfrage im Detailhandel steigt schlagartig. Der Detailhandel bestellt mehr beim Grosshandel, dieser wiederum mehr beim Vertrieb und schliesslich bestellt der Vertrieb mehr bei der Brauerei. Wenn diese Aktion aber nicht transparent in der Supply Chain kommuniziert wird, können vorgelagerte Unternehmen annehmen, die Nachfrage sei dauerhaft gestiegen. Sie erhöhen ihre Produktion oder ihre Lagerbestände – oft viel stärker, als eigentlich nötig wäre. Das führt zu Überproduktion, hohen Lagerkosten und Instabilität in der ganzen Kette. Mit gezielten Informationen liesse sich das vermeiden.
Genau dieses Verhalten simuliert ihr im Beer Game. Was steckt hinter dieser Idee?
Mathematische Systemmodelle sind abstrakt. Viele Menschen verstehen dagegen ein einfaches Produkt wie Bier. In den 1960er-Jahren entwickelte der Systemforscher Jay Forrester deshalb eine einfache Simulation, um komplexe Lieferketten verständlich zu machen. So entstand das Beer Game. Plötzlich war sein Hörsaal voll, weil alle das System spielerisch erleben konnten.
Auch heute gibt es viele Serious Games, aber die meisten werden schnell kompliziert. Das Beer Game lebt von seiner Einfachheit – und gerade deshalb ist der Aha-Effekt enorm.
Wie läuft das Spiel konkret ab?
In dem Spiel nehmen Teilnehmende Rollen in einer einfachen Bier-Lieferkette ein. Konkret gibt es vier Stufen:
- den Bierbrauer
- den Vertrieb
- den Grosshandel
- und den Detailhandel mit den Endkundinnen und Endkunden
In der ersten Spielrunde dürfen die Teilnehmenden nicht miteinander kommunizieren. Jede Gruppe sieht nur ihre eigene Bestellung und ihren eigenen Lagerbestand und kann nur Bestellungen an den eigenen Lieferanten absetzen. Das System wirkt simpel – doch sehr schnell gerät es aus dem Gleichgewicht. Die Nervosität steigt. Nach der ersten Runde gibt es ein Debriefing und Tipps, wie Lieferketten gemanagt werden können. In der zweiten Runde dürfen die Teilnehmenden in ihrer Lieferkette Informationen austauschen und sich koordinieren. Das Ergebnis ist beeindruckend: Mit der richtigen Strategie lassen sich die Supply-Chain-Kosten im Spiel um bis zu 80 oder sogar 90 Prozent senken.
Was sollen die Teilnehmenden aus diesem Workshop mitnehmen?
Vor allem ein Bewusstsein dafür, dass jedes Unternehmen – auch ein kleines – eine Supply Chain hat. Viele KMU verbinden damit nur Lager und Gabelstapler. In Wahrheit geht es aber um den gesamten Fluss von Informationen, Material und Entscheidungen. Das Beer Game zeigt sehr deutlich, wie stark kleine Fehlannahmen grosse Auswirkungen haben können.
Welches theoretische Konzept steht hinter diesem Effekt?
Das zentrale Konzept ist der sogenannte Bullwhip-Effekt, auf Deutsch auch Peitschenschlageffekt genannt. Er beschreibt, dass die Nachfrageschwankungen umso stärker werden, je weiter man sich in der Lieferkette vom Endkunden entfernt.
Der Grund ist fast immer derselbe: fehlende oder verzerrte Informationen. Wenn jede Stufe nur ihre eigene Sicht kennt, werden Bestellungen überreagiert. Ziel ist es, mehr Stabilität in die Kette zu bringen, Kosten zu senken und am Ende die Kundenzufriedenheit zu erhöhen.
Viele unserer Alumni arbeiten im Dienstleistungssektor. Ist das Thema für sie überhaupt relevant?
Absolut. Man denkt bei Supply Chain Management oft an Fabriken und Warenströme. Aber auch Dienstleistungen haben Lieferketten. Nehmen wir eine Bank: Damit das Kundenerlebnis stimmt, müssen Beraterinnen und Berater richtig eingeplant, Wartezeiten optimiert und externe Leistungen wie IT oder Unternehmensberatung eingekauft und koordiniert werden. Auch hier geht es darum, Prozesse so zu gestalten, dass sie für die Kundschaft reibungslos funktionieren.
Hast du dafür ein konkretes Beispiel aus der Praxis?
Das Feld des Service Supply Chain Managements ist sogar ein eigenes Feld in der Forschung, darum gleich zwei Beispiele. Ein Spital muss zur Versorgung von Patient:innen Supply-Chain-Management-Aufgaben in der Beschaffung, der Leistungserbringung und der Logistik meistern. Dazu gehört die Planung der Kapazitäten von OP-Sälen und von medizinischem Personal, aber auch die Beschaffung von Medikamenten. In der Schweiz sind aktuell einige hundert Medikamente nicht lieferbar und Fachkräfte sind knapp. Entsprechend wirkt gutes Supply Chain Management hier direkt auf die Gesundheit von Menschen. Auch in der Hotellerie und der Gastronomie hängt das Gästeerlebnis von einer gut geführten Supply Chain ab – vom preiswerten Einkauf frischer Lebensmittel, über die Lagerung unter Einhaltung der Kühlkette und Hygienevorschriften bis hin zur Personalplanung für Stosszeiten. Supply Chain Management steuert die wertschöpfenden Prozesse auch im Dienstleistungssektor und hat damit einen wesentlichen Einfluss auf Umsatz, Gewinn und Kundenzufriedenheit.
Was sind aktuell die grössten Herausforderungen im Supply Chain Management?
Da ist zum einen die Zollpolitik der USA, die weltweit Unsicherheit bringt. Dann der Ukraine-Krieg. Ein Beispiel: Die Ukraine ist ein zentraler Produzent eines Edelgases, das in der Halbleiterfertigung für Laser benötigt wird. Plötzlich können die Laser nicht mehr betrieben werden. Eine weitere Herausforderung ist die Künstliche Intelligenz: Viele Unternehmen suchen derzeit nach sinnvollen Use Cases und Pilotprojekten.
Braucht es in Zukunft überhaupt noch Menschen in dieser Branche?
Ja, mehr denn je. Laut dem Future of Jobs Report des World Economic Forum wird es im Bereich Operations und Supply Chain Management sogar einen Zuwachs an Arbeitsplätzen geben. Gerade wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit braucht es Fachleute, die Systeme verstehen, Risiken einschätzen und Prozesse steuern und die KI richtig einsetzen können.
Dein Studienangebot heisst «Digital Supply Chain Management». Was bedeutet dieser Abschluss auf dem Arbeitsmarkt?
Die Studierenden schliessen das Studium mit dem allgemein bekannten Bachelor in Betriebsökonomie ab, ergänzt durch die Nennung der Studienrichtung Digital Supply Chain Management. D.h. sie können in jedem Wirtschaftsfeld arbeiten, sind aber spezialisiert auf die digitale Transformation von wertschöpfenden Geschäftsprozessen. Dadurch sind sie in Fachbereichen wie Einkauf, Planung, Logistik und Distribution genauso gesucht wie im Management von Projekten, Prozessen und Digitalisierungsinitiativen. Unsere Absolvent:innen arbeiten in produzierenden Unternehmen, dem Handel und in Dienstleistungsunternehmen in der ganzen Schweiz.
Zum Schluss noch eine Frage zu deinem Studienangebot: Warum der Zusatz «Digital»? Ist das heute nicht Voraussetzung in jedem Unternehmen?
Weil moderne Lieferketten daten- und technologiegetrieben sind. Es geht darum, Daten zu analysieren, Muster zu erkennen und daraus fundierte Entscheidungen abzuleiten, welche Systeme und Technologien nutzbringend eingesetzt werden können. «Digital» heisst bei uns auch, den Transformationsprozesse dort zu starten, wo ein Unternehmen aktuell steht – ob das nun bei Fax und Briefpost ist oder schon bei elektronischem Datenaustausch und Robotik.
Workshop «Beer Game»: Weshalb ist Koordination innerhalb einer Lieferkette so wichtig?
Der Workshop findet am Donnerstag, 26. März 2026 in Chur statt
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Das Studienangebot «Digital Supply Chain Management» gehört zum Zentrum für Betriebswirtschaftslehre der FH Graubünden. Neben der Lehre ist die FH Graubünden aktiv in der Supply Chain Management-Forschung und bietet Beratungsleistungen wie auch Inhouse Schulungen für Unternehmen an.
Autorin:
Kathrin Ott ist Leiterin des Ehemaligen-Netzwerks FHGR Alumni
Unterstützt wurde die Autorin von ChatGPT
Interviewt wurde:
Prof. Dominic Käslin ist Studienleiter der Bachelorstudienrichtung Digital Supply Chain Management.