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Die aus Naturstein errichtete Bibliothek Ezio Vanoni als öffentliches Zentrum von Morbegno im Veltlin. Quelle: Daniel A. Walser

Ver­schlun­ge­ne Täler, grosse Ent­de­ckun­gen

Sommerzeit ist Reisezeit. Auf den Wegen durch die Alpen gibt es dabei viel zeitgenössische Architektur zu entdecken. Regionen wie Graubünden, Vorarlberg und Südtirol sind dafür weithin bekannt, doch auch in anderen alpinen Gebieten gibt es einiges zu entdecken. Architekturstudierende der Fachhochschule Graubünden erkunden im Rahmen ihrer Ausbildung regelmässig solche Regionen und setzen sich systematisch mit deren architektonischen Besonderheiten auseinander. Dabei arbeiten die Studierenden aktiv an Projekten mit – etwa dem Projekt «Zeitgenössische Architektur in den Alpen». Entstanden sind einige zeitgenössische Architekturführer. Die folgende Auswahl gibt einen Einblick.

Das unbekannte Veltin

Den Start macht das Veltlin, das früher zum Kanton Graubünden gehörte. Seitdem der Handel über die Alpen durch die Eröffnung des Gotthardtunnels 1882 zusammengebrochen war, entwickeln sich die beiden Regionen aber sehr unabhängig voneinander.

Der Architekt Luigi Caccia Dominioni ist für seine modernen und poetischen Bauten in Mailand bekannt. Da die Familie ursprünglich aus Morbegno im Veltlin stammt, entwarf er nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Bauten in dieser Region. Es handelt sich um unprätentiöse, aber durchdachte ländliche Architektur, die Morbegno um zwei neue Quartiere erweitert, ohne dabei einen Bruch zwischen Altstadt und Erweiterung entstehen zu lassen. Der bemerkenswerteste Bau ist dabei wohl die aus Naturstein errichtete Bibliothek Ezio Vanoni (1966).

Die aus Naturstein errichtete Bibliothek Ezio Vanoni als öffentliches Zentrum von Morbegno im Veltlin. Quelle: Daniel A. Walser

Von der Infrastruktur zur kultivierten Landschaft im Kanton Uri

Weitere zeitgenössische architektonische Besonderheiten gibt es im Kanton Uri zu entdecken. Hier hat ein grosser Infrastrukturumbau eine neue Dynamik ausgelöst. Nachdem sich Andermatt von einem Militärstützpunkt zu einem touristischen Zentrum gemausert hat und Erstfeld – nach der Eröffnung des Gotthard Basistunnels 2016 – für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) an Bedeutung verlor, war ein Umdenken erforderlich. Bis dahin waren Baukultur und Landschaftsentwicklung vor allem geprägt von praktischer und technischer Innovation – doch das allein reicht heute nicht mehr: So hat etwa die Aufwertung des Bahnhofs Altdorf zu einem strategischen Wirtschaftszentrum im Urner Talboden einen Strukturwandel angestossen – weg vom Tourismus hin zu einem Standort für Dienstleistung und Gewerbe. Ein zentrales Element ist dabei der Neubau des Dienstleistungsgebäudes am Bahnhofplatz von den Architekten Bucher Bründler (2022).

Auch für die lokale Bevölkerung wurde viel getan. Beispielsweise der Hochwasserschutz rund um die Reuss und die Renaturierung und Aufwertung des Seeufers an der Reussmündung zwischen Flüelen und Schattdorf. Dafür wurden am Reussdelta im Urnersee mit dem Gesteinsmaterial aus dem Ausbruch der zweiten Gotthardröhre Inseln zur Steigerung der Artenvielfalt errichtet. Der Bündner Architekt Gion A. Caminda hat im Reussdelta als zentrales, verbindendes Bauwerk – einen Aussichtsturm (2012) – errichtet.

Der neue Bahnhof in Altdorf von Bucher Bründler als Dienstleistungsgebäude und Herzstück für eine neue Entwicklung. Quelle: Daniel A. Walser

Aussichtsturm im Reussdelta von Gion A. Caminada im Kanton Uri. Quelle: Daniel A. Walser

Die Alpen als Experimentierfeld

Das Vorarlberg ist seit längerem ein Ort, wo zeitgenössische Architektur lebt und laufend weiterentwickelt wird. Hier gibt es nicht nur neue Holzbauten, wofür die Region bekannt ist, sondern auch immer mehr Bauten aus Lehm – etwa das Wohnhaus von Martin Rauch in Schlins (2007). Auch das Kunsthaus in Bregenz (1997) von Peter Zumthor ist ein Beispiel dafür, was Architektur zu bewegen vermag. Hier wurde ein Kunstmuseum mit starken Ausstellungsräumen geschaffen, das bis heute Aufsehen erregt und mit seinen bemerkenswerten Ausstellungen neue Wege sucht.

Kunsthaus Bregenz von Peter Zumthor ist bis heute ein Ort des Experimentes für aussergewöhnliche Ausstellungen geblieben. Quelle: Daniel A. Walser

Reisen bildet – und genaues Hinschauen lohnt sich. Die Architekturschaffenden in weniger beachteten Regionen sind oft freier, sofern sie das Vertrauen ihrer Auftraggeber haben. Dadurch entstehen einzigartige Lösungen, die über die reine Bauaufgabe hinausgehen. Sie schaffen einen gesellschaftlichen Mehrwert und sind ein Besuch wert.

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