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Das Smartphone ist für viele aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Es macht aber nicht – wie oft gemeint – per se dumm.

Verdummen wir durch Technik?

Medien bestimmen unseren Alltag. Dazu gehören Radio und Fernsehen. Allerdings dominieren inzwischen Computer, Smartphones und Internet. Neben dem selbstgesteuerten Medienkonsum hat sich eine regelrechte Aufmerksamkeitsökonomie entwickelt, die nur noch wenig mit traditionellen Formen von Journalismus und Werbung gemein hat. In diesem Umfeld entwickeln sich sogenannte «Meme». Darunter versteht man Ideen und Konzepte, die durch regelmässige Wiederholung sich im allgemeinen Bewusstsein festsetzen und sich durch Wiederholung reproduzieren und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Eines dieser Meme ist die «mediale Verdummung».

Text: Christian Glahn / Bild: Christian Glahn, kursiv

Das Smartphone ist für viele aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken. Es macht aber nicht – wie oft gemeint – per se dumm.

Der Flynn-Effekt: der IQ von Nobel-Preis-Träger Albert Einstein würde heute nicht einmal für eine Lehrstelle ausreichen.

Die Idee der medialen Verdummung ist so alt wie die Massenmedien und zieht sich von der Antike bis heute. Die mediale Verdummung taucht immer mit der Verbreitung eines neuen Mediums in die abendländischen Gesellschaften auf. Diese Idee findet sich bereits bei der Kritik an der Schrift durch Platon und lässt sich praktisch für alle Massenmedien nachweisen.

Dieses Meme ist zentraler Bestandteil der sogenannten «digitalen Demenz». Der Begriff wurde durch den Neurologen Manfred Spitzer in Anlehnung an Demenzerkrankungen erfunden, um vor den schädigenden Effekten von digitalen Medien auf die Entwicklung junger Menschen zu warnen. Als Neurologe bleibt Spitzer aber nicht auf der Stufe der geistigen Entwicklung stehen, sondern behauptet, dass die Nutzung digitaler Medien zur physiologischen Degeneration des zentralen Nervensystems beiträgt. Mit anderen Worten: Die digitalen Medien zersetzen unsere Gehirne genauso wie chemische Substanzen und führen somit zwangsläufig zur Verdummung. Der einzige Ausweg ist der möglichst späte Einstieg in den Medienkonsum und auch dann hilft nur die gemässigte Mediennutzung. Für Kinder sollten Computer und Smartphones deshalb tabu sein. Um seiner Vorstellung Nachdruck zu verleihen, führt Spitzer seine Berufung als Mediziner und seine Professur an einer Universität ins Feld.

Das Problem mit dem Meme der medialen Verdummung ist der Widerspruch mit anderen Phänomenen. Zum Beispiele wurde für Computerspiele gezeigt, dass mit ihnen das Gehirn trainiert werden kann: Nutzer und Nutzerinnen von komplexen 3D-Welten mit einer neurologischen Sehschwäche zeigten bessere Sehleistungen nachdem sie Actionspiele am Computer gespielt hatten. Von einer physiologischen Degeneration des Gehirns kann also keine Rede sein. Gleichzeitig wurde in den letzten 100 Jahren ein kontinuierlicher Intelligenzzuwachs in Intelligenztests festgestellt. Dieser sogenannte Flynn-Effekt steht ebenfalls im Wiederspruch zum Meme der medialen Verdummung. Während Intelligenzforscherinnen und -forscher bereits von einem Ende des Flynn-Effekts reden, zeigen die jüngsten Daten der Pisa Studien, dass junge Menschen Informationen je nach Medium anders aufnehmen: Bei den Leseleistungen hat sich beispielsweise gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler digital angebotene Texte besser als die analogen Varianten aufnehmen, obwohl in praktisch keinem teilnehmenden Land regelmässig am Computer gelesen wird.

Das Meme der medialen Verdummung trägt einen wichtigen Kern: Durch eine mediale und medien-technologische Innovation in einer Gesellschaft verändert sich immer auch das Verhältnis zu Information und Wissen. Durch die digitale Revolution verändert sich gleichzeitig auch das Verhältnis von Information und Produktion in nie dagewesener Weise. Deshalb birgt das Meme der digitalen Verdummung die grosse Gefahr in den digitalen Analphabetismus zu führen. Deshalb müssen Bildungsinstitutionen Meme hinterfragen und die Kompetenzen und Fähigkeiten für die Arbeitswelt von Morgen entwickeln, damit ihre Absolventinnen und Absolventen in Zukunft in einer globalen Wirtschaft konkurrenzfähig bleiben.

Am Dienstag, 15. März 2016, erklärt Prof. Dr. Christian Glahn vom Blended Learning Center der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur, anlässlich einer «Uni für alle»-Veranstaltung, die besonderen Herausforderungen und Auswirkungen für Bildungsinstitutionen. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos.


CHRISTIAN GLAHN, PROF. DR.
Prof. Dr. Christian Glahn leitet das Blended Learning Center der HTW Chur.

Dies ist ein Blog-Beitrag der HTW Chur.

Anzahl Kommentare2
Kommentare

Matthias Giger 15.03.2016

Oops, ich meinte natürlich, ich habe mehrere Bücher von Manfred Spitzer gelesen.

Matthias Giger 15.03.2016

Ich habe mehrere Bücher von Manfred Spitzers Buch gelesen. Für mich überwiegt darin die wissenschaftlich fundierte und schlüssige Argumentation. Dass zwei Studien in irgendwelchen Randbereichen einen positiven Effekt von Smartphones aufzeigen, ist noch lange kein Gegenbeweis, erst recht kein fundierter. Wenn man lange genug sucht, findet man auch einige Studien, die einen positiven Effekt bei Zigaretten festmachen, zum Beispiel, dass Raucher untereinander kreative Ideen entwickeln, wenn sie sich in eine Rauchpause verziehen. Ob Manfred Spitzer aus den Erkenntnissen die richtigen Schlüsse für die Gesellschaft ableitet, ist wieder eine andere Frage. Wichtiger als Kritik-Bashing wäre es, konkrete Anwendungen zu entwickeln, die wegweisend sind. Diesbezüglich hinken wir aber den USA weit hinter her. Ich sage nur MOOCs. Weit entscheidender als die Frage auf welchem Gerät etwas stattfindet, ist die Frage was denn stattfindet. Nutzen wir ein Medium informationsorientiert oder unterhaltungsorientiert? Wie bringen wir bestimmte soziale Milieu-Gruppen, z.B. Hedonisten dazu, mehr Information zuzulassen? Und wissen wir gut gebildete Leute, wie sie an das heran kommen, was sie wissen wollen und wissen sollen? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, sollte man sich fragen, wie sich das mit den neuen technischen Möglichkeiten attraktiv umsetzen lässt.
Die Geschichte zeigt auch einen anderen Effekt: Nämlich die blinde unkritische Euphorie über das revolutionäre Potential, die jeweils mit der Einführung eines neuen Massenmediums aufkam, nachzulesen in Joseph Weizenbaums „Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom?“