Mehrere Köpfe beugen sich am Abend über einen Stapel Papier – und lesen die Sätze von ihnen unbekannten Personen, die an der Sprachspende-Aktion der Fachhochschule Graubünden, «Mintgadi», mitgemacht haben. «Mintgadi» wird betont auf dem «di» und heisst «Alltag» auf Sursilvan, dem grössten rätoromanischen Idiom. Es geht an diesem Abend um die Alltagssprache, die gesammelt wurde, und man schaut sich gemeinsam die Ergebnisse an.
Zwei Spendenaktionen zu «Mintgadi» haben stattgefunden, im November 2024 und im Herbst 2025. Das Mitmachen war ganz einfach: ein QR-Code führte zu einem Fragebogen der FHGR, der bequem dann ausgefüllt werden konnte, wann und wo es passte. Ein Beispiel für ein Forschungsprojekt, das die Bürgerinnen und Bürger direkt einbezieht. Ein sogenanntes «Citizen-Science-Projekt», unterstützt vom Amt für Kultur in Graubünden, Abteilung Sprachenförderung bzw. auf Sursilvan: «Participaziun dils burgheis.»
217 Muttersprachler haben ihre alltäglich verwendeten Sätze «gespendet»: Co vai cun tei? Tgei marscha? (Wie geht es Dir, was läuft?) – das sind typische Einträge, die Vielfalt und der Umfang der Beiträge sind gross. «Das ist ja interessant», wundern sich derweil die jüngeren und älteren Mitglieder der Diaspora-Gemeinschaft in Luzern, die sich donnerstagabends zum Runden Tisch im Luzern treffen.
Am diesem Abend im Dezember 2025 stellten Nadine Ganz und Elke Schlote, die Initiatorinnen der Sprachspende, die Ergebnisse vor und holten das Feedback der Gruppe ein. Es wurde diskutiert, wie interessant es sei, dass Sprache kulturelle Aspekte mittransportiert: Der gespendete Satz: «Vul ti ver muntatsch il vitg stos ti reiver sin in spitg» – «wer ins Dorf möchte, muss auf den Berg steigen» zeigt die Realität im Bergkanton Graubünden. Die Gruppe vermutet, dies habe eine ältere Person beigetragen, denn das Wort muntatsch erscheint ihnen doch recht altertümlich.
Elke Schlote schaut kurz in ihre Tabelle: Der anonyme Spender ist männlich, aus der Altersgruppe 50-69 und stammt aus Foppa, wohnhaft im Kanton Bern – ein Muttersprachler aus der Diaspora, so wie sie. Das ist die Realität einer Sprechergemeinschaft, die mit Wurzeln in der Surselva über die gesamte Schweiz verteilt lebt.
Die Forschung weiss: die Sprachkompetenz bewahrt sich sehr lange, auch wenn sie im Alltag wegen einer anderen Umgebungssprache nicht gelebt wird, so wie es in der Diaspora der Fall ist (Studie «La diaspora rumantscha en la Svizra tudestga», 2025). Auch in den lokalen Gemeinschaften verschwindet die Sprache auch langsam aus dem Alltag, denn dieser gestaltet sich oft mehrsprachig – sei es in der Familie wegen verschiedensprachiger Eltern, oder in der Öffentlichkeit in den von Tourismus geprägten Orten, wo von Gästen das Deutsche oder gar das Englische als Standard erwartet wird.
«Die Aktion füllt eine Lücke», so die Projektleiterin Prof. Dr. Elke Schlote, denn es gibt zwar viele Initiativen, um die Sprache zu sammeln und zu bewahren, aber gerade die Alltagssprache und ihre Vielfalt im Gebrauch steht meist nicht im Zentrum des Interesses.
Dr. Andrin Büchler, Sprachwissenschaftler an der PH Graubünden und Muttersprachler, ergänzt: «Diese Sammlung ist auch für die Forschung interessant.» Gerade wenn solcherart Informationen über Herkunft, Alter und Wohnort enthalten sind. Er unterstützt das Projekt, indem er stichprobenartig die Qualität der gespendeten Sprache überprüft.
Das Citizen-Science-Projekt möchte über die Teilnahme an der Sprachspende das Bewusstsein in der Bevölkerung über den Wert der Alltagssprache stärken. Erreicht wurde dies durch die öffentlich sichtbare Aufforderung zur Teilnahme an der Sprachspende-Aktion, auf der Postbuslinie durch die Surselva ebenso wie im Cinema Sil Plaz in Ilanz/Glion. Das Ergebnis, die gesammelten authentischen Sprachdaten werden für Bildungs- und Digitalisierungszwecke aufbereitet, gehen in den offenen Datenpool der Lia Rumantscha ein und dienen zur Verbesserung eines rätoromanischen KI-Chatbots («IdiomVoice») – einem weiteren Projekt der FH Graubünden, das unter anderem von GR digital gefördert wird.
Es bleibt nicht bei schriftlichen Aufforderungen: Um den Dialog zu initiieren, besucht die Projektmitarbeiterin Flavia Hobi mehrere Cafés Rumantschs, in Flums, in Rueun und in Sagogn. Die Cafés sind gut besucht, Flavia Hobi kann das Projekt «Mintgadi» vor Interessierten vorstellen. Sie berichtet: «Einige hatten schon vom Projekt gehört, die Sprachspende bereits getätigt oder gar die Werbung im Postauto gesehen. Allgemein stiess das Projekt auf Anklang und ich hoffe, dass sie sich nach meinem Besuch mehr darunter vorstellen können.» Dies zeigt, wie wichtig es ist, die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an dem Citizen-Science-Projekt ernst zu nehmen und in den Austausch zu gehen, während der laufenden Projektphasen wie auch im Anschluss daran.
In der gemeinsamen Abschlussbesprechung sind sich Flavia Hobi, Nadine Ganz und Elke Schlote aus der Projektgruppe einig: Das machen wir wieder! Diesmal wurden Alltagssätze spezifisch für das Idiom Sursilvan gesammelt, für die anderen Idiome kann und sollte eine solche Aktion folgen. Dies ist auch ein Anliegen aus den anderen Sprachen-Gemeinschaften. Ende Februar endet dieses Sprachspende-Projekt. Die Entwicklung des KI-Chatbots zum Üben der Alltagssprache wird noch bis Ende Juni dauern. Ein Meilenstein in der Popularisierung dieses Projekts ist geschafft: ganz frisch ist ein Artikel im Calender Romontsch erschienen!
Ganz, N. (2025). Intelligenza artificiala. In Calender Romontsch 2026, S. 46–49. Somedia Buchverlag. ISBN: 978-3-7298-1229-1
Kurzbeschrieb «Mintgadi» auf Sursilvan:
Il lungatg romontsch svanescha adina dapli el mintgadi e duess perquei vegnir sustegnius en siu diever quotidian. Perquei drovi occurrenzas ch‘animeschan differentas gruppas da populaziun da participar e che las plidadras ed ils plidaders quetan nizzeivels (participaziun dils burgheis). Ei dat gia biaras gruppas e differents forums, nua che la pusseivladad per sentupadas e brats informals vegnan sustegni, per exempel ils Cafés rumantschs ed uniuns ella diaspora. Nus vein fatg l’experienza che quels ein fetg aviarts per inputs tematics che animeschan la participaziun.
Hier gibt es weitere Blogs der FH Graubünden zu lesen.
Autorin: Elke Schlote
Am Projekt beteiligt:
Elke Schlote
Nadine Ganz
Flavia Hobi Sprachenlehrerin FHGR, Lehrmittelentwicklerin PHGR