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Schwim­men im Da­teno­ze­an: Lernen, nicht un­ter­zu­ge­hen

Wer sich erinnert, schwimmen gelernt zu haben, weiss womöglich noch, wie kompliziert das war. Überall dieses bedrohliche, atemraubende Element und die ziehende Kraft vom Grund des Wassers. Welch erhebendes Gefühl jedoch, wenn es schliesslich gelingt und man sich ohne fremde Hilfe auf der Oberfläche halten und diese überblicken kann.

Ähnlich ist es mit dem Schwimmen im Datenozean. Es ist heute für Laien fast unmöglich, an den Grund dieses Ozeans zu blicken und die dort schlummernden Schätze und Gefahren im Detail zu verstehen. Gleichzeitig wird es aber immer wichtiger, zumindest an der Oberfläche einen Überblick zu behalten, denn der Umgang mit Daten geht uns alle etwas an.

Unsere von Digitalisierung geprägte Welt ist eine Welt voller Daten. Wir können uns der Bereitstellung persönlicher Daten kaum noch verwehren, profitieren aber auch davon: Die Suche nach dem, was wir wollen, wird durch die gesammelten Daten über unsere Präferenzen erheblich vereinfacht. Angebote können auf diese Weise unseren Bedürfnissen zielgenau angepasst werden. Auch Meinungen und politische Überzeugungen können so zugeschnitten sein, dass sie in angenehmer Übereinstimmung mit unseren eigenen Vorstellungen daherkommen. Und so bekommen wir durch das Geben und Nehmen von Daten das, was Emil Steinberger schon vor langer Zeit forderte: «Ich wett genau das, wo n ich wett». Aber was ist das genau, «das, wo n ich wett»?

Mit einer zunehmend gezielten und datengestützt zugeschnittenen Steuerung von Information wird es immer schwieriger, diese Frage sicher zu beantworten. Es braucht einen guten Überblick über die Oberfläche des Datenozeans, um sich nicht in seinen Tiefen zu verlieren und unterzugehen. Und das ist mindestens so anspruchsvoll, wie das Schwimmenlernen im Wasser. Es gilt, neue Kompetenzen und Sensibilitäten zu entwickeln, neue ethische Prinzipien aufzustellen, Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen, sich vorzuwagen in unbekannte Welten, Ängste abzulegen und dabei gleichzeitig Sorgfalt walten zu lassen.

Dieser «Schwimmunterricht» ist genau das Ziel des von der Fachhochschule Graubünden geleiteten Projekts «Develop Data Literacy». Zu wissen, was man mit Daten machen will, kann, darf und soll: das sind zentrale Fertigkeiten, um Daten in Wissen zu verwandeln und letztendlich gute (datenbasierte) Entscheidungen zu treffen. Und genau diese Kompetenzen sollen gefördert werden. Dabei werden Studierende zu Expertinnen und Experten zum Thema Datenkompetenz.

Das Projekt ist Teil der «Swiss Digital Skills Academy». Gemeinsam mit 12 anderen Schweizer Hochschulen und unter der Koordination der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) engagiert sich die FH Graubünden in diesem Verbund für die Entwicklung und Verbreitung von Lehr- und Lernmaterialien zur Förderung digitaler Kompetenzen. Unterstützt wird das auf vier Jahre angelegte Projekt durch Swissuniversities.

Im Frühjahr 2021 haben Studierende der FH Graubünden im Rahmen eines Seminars erste Konzepte zur Vermittlung von Datenkompetenz entwickelt und diese an einer Online-Konferenz präsentiert. Im kommenden Semester sollen die Konzepte durch Studierende zu schweizweit zugänglichen und nutzbaren Lernangeboten ausgebaut werden. Diese sollen dann voraussichtlich ab Herbst nächsten Jahres auf einer Plattform der EPFL zur Verfügung stehen.

Sowohl Prof. Dr. Vera Husfeldt, Dozentin für Bildungsinformatik und Projektleiterin, als auch Sharon Alt, wissenschaftliche Projektmitarbeiterin, sind am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft tätig. Mehr zum Projekt «Swiss Digital Skills Academy» gibt es auf der Webseite. Alle vier Wochen diskutiert die Fachhochschule Graubünden an dieser Stelle aktuelle Themen aus Lehre und Forschung.

Anzahl Kommentare 1
Kommentar

Chris Bühler 02.09.2021

Danke für diesen anschaulichen Beitrag. Als Digitalisierungsethiker gefällt mir vor allem die Differenziertheit: „Daten“ sind nicht a priori „böse“ (übrigens auch nicht „gut“). Mit mehr Informationen – die wir aus Daten gewinnen können – können wir auch viel Gutes bewirken. Nebst dem technisch und methodisch sauberen Umgang mit Daten müssen wir also auch den moralischen lernen. Das „Data Literacy Project“ ist eine tolle Initiative, solche Kompetenzen aufzubauen.

Auch der „Datenozean“ ist ein schönes Bild, das auch ich immer wieder gerne verwende. Dieser Post hat mir darüber hinaus noch einen anderen Vergleich in Erinnerung gerufen: Wir wissen heute mehr über den Mond als über die Tiefsee… Was also wäre in der Datenanalogie wohl der „Mond“?

Viel Erfolg!