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Rut­schung trifft auf Holz­wol­le

Es rutscht. Nein, nicht nur in Brienz. Es rutscht auch kleinräumiger und unscheinbarer an Hängen, Ufern und neu gestalteten Böschungen. Wir wollen hier aber für einmal nicht die Gründe für diesen Umstand ins Zentrum rücken, seien es der Klimawandel, der zivilisierte Mensch, beides zusammen oder gar nichts davon. Die genauso dringende Frage ist: Was tun wir dagegen?

Bekannt sind die Stabilisierungsmassnahmen der besagten Böschungen und Ufer mit Kokosmatten, Jutenetzen oder Faschinen jeglicher Füllart. All diese Materialien kommen aus dem Ausland, was bei genauerer Betrachtung paradox erscheint. Da soll für die Rutschungen der Klimawandel verantwortlich sein, welcher durch unseren globalisierten Lebensstil geprägt ist, und um das Problem zu lösen, importieren wir Waren aus dem Ausland, welche wiederum zum erhöhten Treibhausgas-Ausstoss beitragen. Aber wie erwähnt – wir suchen hier nach Lösungen, nicht nach Ursachen.

Es muss doch auch anders gehen. Praktisch jeder im Kanton Graubünden kennt den Luxus, aus dem Fenster zu schauen und Wald zu sehen. Der Wald ist so selbstverständlich, dass wir ihn manchmal fast vergessen. Holz ist der Rohstoff, mit welchem wir arbeiten sollten. Es macht doch weitaus mehr Sinn, den kleinräumigen und untiefen bis mitteltiefen Rutschungen mit einem Baustoff aus der Nähe entgegenzuwirken, anstatt Materialien von weit weg zu importieren. Überdies kann man nämlich nicht ausschliessen, dass in Importware auch noch Eier und Samen von Neozoen und Neophyten enthalten sind. Ist das nicht der Fall, waren Pestizide im Spiel. Und was viele von uns nicht wissen: In den Kokosnetzen sind immer auch Kunststofffasern eingearbeitet, welche dem Netz den nötigen Halt geben und für ungeschulte Augen unsichtbar sind. Wer also Neozoen, Neophyten, Pestizide oder Kunststoff in seinem Garten vermeiden will, sollte nach Alternativen zu den Kokosnetzen Ausschau halten.

Die meisten von uns kennen Holzwolle aus der Anwendung zur Euterreinigung oder als Verpackungsmaterial. Hergestellt wird sie im Toggenburg aus Schweizer Holz. Dass man damit auch der Erosion entgegenwirken kann, konnte das Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR) der FH Graubünden bereits vor ein paar Jahren wissenschaftlich bestätigen. In der Fortsetzung dieses Projekts untersucht das IBAR aktuell den Einsatz von Holzwolle-Faschinen. Holzwolle-Faschinen bestehen aus einer Baumwollstoffpackung, welche mit Holzwolle-Fasern gefüllt ist. Sie ähneln einer grossen Wurst mit quadratischem Querschnitt. Diese können an Böschungen terrassenartig eingebracht werden und dadurch dem neuen Grün Stabilität und später auch Substrat bieten, bevor die Pflanzen selbst mit ihren Wurzeln die Böschung stabilisieren.

Wir sind eine holzreiche Region. Besinnen wir uns auf unsere Wurzeln und arbeiten mit dem, was wir haben. Dadurch können wir nicht nur ein kleines Stück Unabhängigkeit von der Globalisierung zurückgewinnen, wir können auch die gesamte Wertschöpfungskette in der Schweiz halten. Versuche aus Pilotprojekten zeigen sehr optimistische Resultate. Seien Sie mutig. Versuchen Sie es doch mal selbst, wenn das nächste Mal bei Ihnen im Garten oder entlang einer neu gestalteten Strasse der Boden zu rutschen droht.

Seraina Braun-Badertscher ist wissenschaftliche Projektleiterin am Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR) der FH Graubünden. Alle vier Wochen diskutiert die Fachhochschule Graubünden an dieser Stelle aktuelle Themen aus Lehre und Forschung.

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