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Bauen als so­zia­ler, kom­ple­xer und vi­su­el­ler Prozess – Ein Rück­blick auf die Swiss­bau

Ist selbstorganisiertes Arbeiten in Bauprojekten möglich? Wer oder was steht in der Initiierungsphase von Bauprojekten im Fokus der Betrachtung? Wie kann Visualisierung Entscheidungen in Bauprozessen unterstützen? Auf der Swissbau Compact haben wir uns in mehreren Veranstaltungen diesen Fragen gewidmet und in interaktiver Art und Weise mit unseren Innosuisse-Projektpartnern und weiteren Bau-Fachleuten darüber diskutiert.

Aller Anfang ist komplex

Bauherr, Architektin und Nutzer stehen in der Phase der Initiierung von Bauprojekten vor komplexen Aufgaben. Doch oft bekommt die Initiierungsphase von Projekten nur selten die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Die Aufgaben sind häufig miteinander vernetzt, die Themen komplex und die Phase lässt sich aufgrund der nicht-linearen Prozesse nur schwer standardisieren. Zudem werden die Aufgaben je nach Motivation, Eigenschaften der Bauherrschaft sowie Charakteristik des Projekts parallel und in unterschiedlicher Intensität bearbeitet. Gerade deswegen müssen in der Initiierungsphase viele wegweisende Entscheidungen getroffen werden. Die Initiierungsphase findet noch vor dem Vorprojekt statt, weshalb einzelne Schritte in dieser frühen Phase vielfach als «Blackbox» wahrgenommen werden. Oft unterschätzt, wird dieser Prozessschritt selten ganz bewusst angegangen, um wichtige Aspekte frühzeitig zu klären.

Dabei können durch die gemeinsame Entwicklung von Grundlagen eine verlässliche Planungsgrundlage geschaffen und projektgefährdende Entwicklungen vorgebeugt werden. Wenn alle wichtigen Aufgaben strukturiert erfasst werden, wird in der Initiierungsphase direkt ersichtlich, wie die Aufgaben in Beziehung zueinander und am richtigen Ort zur Verfügung stehen. Später können die Aufgaben dann Teams zugewiesen, weiterentwickelt und mit entsprechenden Informationen angereichert werden.

Doch nicht nur die Bauherrenvertreter, sondern auch die Nutzerin oder der Betreiber spielen eine wichtige Rolle in der Initiierung. Durch die Einbindung der Bedürfnisse der Nutzer lassen sich frühzeitig Personenströme, Nutzungszusammenhänge und Anforderungen an den spezifischen Ort erfassen. Auf diese Weise entsteht zwischen den Anspruchsgruppen innerhalb der Bauherrschaft und dem Architekten direkt eine inhaltliche Zusammenarbeit, auf dessen Basis das Projekt kontinuierlich weiterentwickelt werden kann.

Die richtige Balance zwischen Selbstorganisation und Strukturen

Um Bauobjekte mit hoher Qualität, ressourceneffizient, aber auch mit mehr Engagement, Eigenverantwortung und Vertrauen aller Beteiligten abzuwickeln, sind neue Formen der Zusammenarbeit gefragt. Mehr Selbstverantwortung jedes Einzelnen bedeutet auch, dass die Beteiligten gewohnte Wege in Sachen Strukturen und Planungsabläufe verlassen und neue Methoden testen. Doch neue Methoden zu wagen, fordert und überfordert beteiligte Gewerke meist gleichzeitig.

Damit sich die am Bau beteiligten Gewerke schnell orientieren können ist grosse Transparenz notwendig. Vom «Gärtchen-Denken» weg zu kommen, Wissen zu teilen und für alle, über das jeweilige Projekt hinaus, verfügbar zu machen, gehören zu den grossen Herausforderungen innovativer Bauprojekte. Das Erlangen des Rollenbewusstseins - wer ist mit seiner Rolle für was verantwortlich? - ist schon beim Einstieg in das Bauprojekt von Relevanz, damit das Verständnis für das Endprodukt (in welcher Abhängigkeit die Arbeit jedes einzelnen steht) geschaffen werden kann.

Durch Selbstorganisation und der Übernahme von Verantwortung durch selbstorganisierte Teams eröffnen sich neue Möglichkeiten, Führungsverantwortung zu übernehmen. Die Rolle von Führung – Leadership - wird sich verändern und neue Anforderungen werden hinzukommen.

Eine geeignete Visualisierung erleichtert Entscheidungen

Visualisierung spricht Menschen an. Visualisierungen können im Vergleich zu gesprochenen oder geschriebenen Informationen besser im Gehirn verarbeitet werden. Auch in der Zusammenarbeit in Bauprojekten können Visualisierungsformen eine wichtige Aufgabe einnehmen. Sie können dazu dienen, wichtige Stakeholder früh einzubinden, Anwohnern bauliche Informationen zu geben, Entscheiderinnen von grossen Projekten vorgängig zu informieren. Visualisierungen dienen aber auch als Arbeitsgrundlage für Planer und verschiedene Gewerke. So können schlichtweg alle Beteiligten frühzeitig in einen Dialog eingebunden werden, um Freigabeprozesse zu verkürzen und eine bessere Diskussionsgrundlage durch visuelle Sprache zu schaffen. Und am Ende sehen und sprechen alle vom Gleichen.

Wie geht es weiter? Nach Abschluss des Innosuisse-Projekts bleibt zu wünschen, dass die Impulse von den Beteiligten weitergetragen werden und – trotz der grossen Fülle an technologischen Möglichkeiten – der Mensch wieder (mehr) ins Zentrum der Arbeit rücken darf.

Larissa Biechler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Prof. Dr. Kerstin Wagner ist Dozentin am Schweizerischen Institut für Entrepreneurship (SIFE).

Anzahl Kommentare 2
Kommentare

Jeanette Leu 10.06.2022

Vielen Dank, dass Ihr das Thema der selbstführenden Organisation in einem Bauprojekt an die Swissbau gebracht habt. Es ist schön zu wissen, dass es weitere Menschen gibt, die sich darüber Gedanken machen und die das umsetzen möchten.

Jürgen Debusmann 09.06.2022

Sehr spannende Vorträge und Diskussionen. Inhaltlich und die Interaktion mit den Zuhörern war spannend. Hinweise und Learnings aus der Praxis statt Theorie mit vielen Impulsen zum Nachdenken. Auch kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns und die Offenheit der Panelisten anderen gegenüber machten die Veranstaltung zu einem Highlight.