Wie gross der CO₂-Fussabdruck eines Produkts wird, entscheidet sich oft lange vor dem ersten Prototyp. Genau dann fehlen jedoch belastbare Daten. Eine Master Thesis im MSc Business Administration, Studienrichtung Sustainable Business Development der FH Graubünden zeigt, wie Unternehmen dieses Dilemma adressieren können: mit sechs ineinandergreifenden Bausteinen, einem praxistauglichen Bewertungswerkzeug und Nachhaltigkeit als verbindlichem Kriterium im Stage-Gate-Prozess.
Der CO₂-Fussabdruck wird oft zu spät entschieden
Viele Unternehmen haben Klimaziele definiert. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wo werden diese Ziele im Tagesgeschäft wirksam? Gerade bei Industrieprodukten fällt ein grosser Teil der späteren Umweltwirkung nicht erst in der Produktion an. Materialwahl, Lieferanten, Produktarchitektur, Energiebedarf, Lebensdauer oder Reparierbarkeit werden bereits in der Produktentwicklung geprägt.
Damit entsteht ein anspruchsvolles Dilemma: Je früher eine Entscheidung getroffen wird, desto grösser ist ihr Einfluss auf den späteren CO₂-Fussabdruck – gleichzeitig ist die Datenlage in dieser Phase besonders unsicher. Wie daraus ein praktikabler Ansatz wird, zeigt die Master Thesis von Nicolas Allenspach im Masterstudium Sustainable Business Development. Begleitet von Advisor Prof. Dieter Conzelmann und Co-Advisor Sebastian Beck verbindet sie wissenschaftliche Fundierung mit praxisnaher Entwicklung und Validierung in einem Unternehmen.
Nicht die nächste Methode fehlt – sondern die Integration
Die Forschung zeigt ein bekanntes Muster: An Methoden mangelt es nicht. Life Cycle Assessment, Ecodesign, Design for X, Scoring-Modelle oder Multi-Criteria Decision Making bieten zahlreiche Möglichkeiten, Nachhaltigkeit zu bewerten. In der Praxis werden solche Instrumente jedoch häufig nur punktuell eingesetzt – beispielsweise in einzelnen Pilotprojekten oder erst dann, wenn wesentliche Designentscheidungen bereits gefallen sind.
Die zentrale Erkenntnis: Nachhaltige Produktentwicklung gelingt nicht durch einzelne Methoden, sondern durch ein abgestimmtes Gesamtsystem. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Strategie, Organisation, Prozessen, Methoden, operativer Steuerung sowie Daten und Wissen. Erst wenn diese Elemente ineinandergreifen, wird Nachhaltigkeit zu einem verbindlichen Entscheidungskriterium.
Sechs Bausteine für emissionsärmere Produkte
Der entwickelte Leitfaden verbindet sechs ineinandergreifende Komponenten:
- Strategie: Nachhaltigkeit mit konkreten Zielen in Strategie und Portfoliosteuerung verankern und definieren, was ein «nachhaltiges Produkt» bedeutet.
- Organisation: Rollen, Verantwortlichkeiten und cross-funktionale Zusammenarbeit klären; Nachhaltigkeit darf nicht allein Aufgabe einer Fachstelle bleiben.
- Prozess: Nachhaltigkeitsbewertungen schrittweise in den bestehenden Produktentwicklungsprozess integrieren – insbesondere an den Gates.
- Methodik: Je Entwicklungsphase geeignete Bewertungs- und Designmethoden einsetzen; früh eher einfache qualitative oder scoringbasierte Verfahren.
- Operative Umsetzung: Bewertungsfragen, Gewichtungen und klare Bewertungsanker nutzen, um Entscheidungen reproduzierbar und transparent zu machen.
- Daten und Wissen: Eine zugängliche Wissensbasis und belastbare Daten mit wachsendem Reifegrad systematisch aufbauen.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt nicht in einem einzelnen Baustein, sondern im Zusammenspiel. Besonders zentral sind die strategische Komponente und die Daten- und Wissenskomponente: Die Strategie gibt die Richtung vor, die Daten schaffen die Entscheidungsgrundlage.
Nachhaltigkeit wird zum Gate-Kriterium
Ein besonders praxisrelevanter Punkt ist die Verankerung im Stage-Gate-Prozess. Statt Nachhaltigkeit als zusätzliche Prüfung am Ende der Entwicklung zu behandeln, wird sie schrittweise zu einem verbindlichen Kriterium an den Gates.
Das ist entscheidend, weil sich die Qualität der verfügbaren Informationen im Entwicklungsverlauf verändert. Am Anfang können qualitative Einschätzungen, Erfahrungswerte und erste Hotspot-Analysen genügen. Später lassen sich diese durch quantitative Daten, Lieferanteninformationen oder detailliertere Life-Cycle-Assessments ergänzen.
Damit entsteht eine Bewertungslogik, die mit dem Projekt «mitwächst»: früh genug, um Entscheidungen noch beeinflussen zu können, und zunehmend präzise, sobald bessere Daten verfügbar sind.
Was die Praxisvalidierung zeigt
Der Leitfaden wurde gemeinsam mit Fachpersonen eines Unternehmens validiert. Die Rückmeldungen bestätigen insbesondere Verständlichkeit, Integrationsfähigkeit und Nutzen des Ansatzes. Die grösste Herausforderung liegt nicht im Konzept selbst, sondern in seiner Umsetzung.
Denn systematische Nachhaltigkeitsintegration benötigt Ressourcen: Zeit, Kompetenzen, klare Verantwortlichkeiten und eine verlässliche Datenbasis. Genau darin liegt eine wichtige Managementbotschaft. Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein durch ein neues Tool «einführen». Sie erfordert organisatorische Verankerung und einen gezielten Reifegradaufbau.
Der Leitfaden ist deshalb bewusst modular aufgebaut. Unternehmen können mit bestehenden Strukturen starten, erste Bewertungslogiken integrieren und Daten, Methoden sowie Kompetenzen schrittweise weiterentwickeln.
Vom Klimaziel zur Entwicklungsentscheidung
Die Master Thesis macht deutlich: Wer Treibhausgasemissionen von Produkten wirksam reduzieren will, muss Nachhaltigkeit dort verankern, wo Produkte tatsächlich gestaltet werden. Klimaziele auf Unternehmensebene entfalten erst dann Wirkung, wenn sie in konkrete Entwicklungsentscheidungen übersetzt werden.
Für Unternehmen bedeutet dies einen Perspektivwechsel. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: «Wie nachhaltig ist unser Produkt?» Sondern: «An welchem Punkt im Entwicklungsprozess treffen wir welche Nachhaltigkeitsentscheidung – mit welchen Kriterien, Daten und Verantwortlichkeiten?» Genau diese Verbindung von Strategie und operativer Produktentwicklung ist ein zentraler Hebel für die nachhaltige Transformation industrieller Unternehmen.
Wir gratulieren Nicolas Allenspach zum erfolgreichen Abschluss MScBA Sustainable Business Development an der FH Graubünden.
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Prof. Dieter Conzelmann ist Studienleiter des Masterstudiums Sustainable Business Development an der FH Graubünden.