Wer die Diagnose Krebs erhält, wird oft mit einem fast Bünderischen Berg an Informationen konfrontiert: Fachbegriffe, Zahlen, lange Behandlungspläne. Für Patiententinnen und Patienten und ihre Angehörigen ist es dann schwierig den Überblick zu behalten und für wiederholtes Nachfragen bei ihren Ärzten fehlen die Zeit und manchmal auch die Kraft. Ein neuer Ansatz wurde von Forschenden an der FH Graubünden erprobt: Fakten und Erklärungen können systematisch in datengetriebene Bilder, sogenannte Datenvisualisierungen, «übersetzt» werden. Und wie immer, ein Bild sagt mehr aus tausend Worte: die so erstellten Bilder helfen nicht nur beim besseren Verständnis – sie bleiben auch Wochen später noch erstaunlich gut im Gedächtnis.
Die moderne Krebsmedizin macht kontinuierlich Fortschritte, und dank früher Diagnosen und personalisierter Therapie steigen die Überlebenschancen bei Krebs. Neue Behandlungen werden aber auch länger und umfassen Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung sowie Zell- und Immuntherapien. Für Laien sind die komplexen Abläufe oft schwer zu verstehen, besonders wenn sie durch die Diagnose unter Stress stehen, nicht in ihrer Muttersprache kommunizieren können oder durch die Vorbehandlung kognitiv eingeschränkt sind. Studien zeigen, dass viele Erkrankte nach einem Gespräch oft deutlich weniger als die Hälfte der Informationen behalten. Das bleibt nicht ohne Folgen: Wer schlecht versteht, ist ängstlicher, weniger therapietreu und fühlt sich unsicher.
Hier können Bilder helfen. Ob Piktogramme, Zeitpläne oder einfache Grafiken: Visuelle Informationen werden leichter verstanden und erinnert als Wort und Text. Das kennen wir aus der Schule, aber auch aus dem öffentlichen Leben, wo im Nahverkehr, auf Beipackzetteln und in der digitalen Kommunikation Symbole und Emojis verwendet werden. Auch in Aufklärungskampagnen, etwa während der Corona-Pandemie, spielten erklärende Grafiken eine wichtige Rolle, um Daten zu kommunizieren.
In der Onkologie kann dies entscheidend sein. Wir haben in unserem Ansatz einfache visuelle Therapiepläne etabliert, welche mit Symbolen und wenig Text die Schritte der Behandlungsabfolge erklären. Patientinnen und Patienten können ihre persönlichen Therapiepläne mit nach Hause nehmen, in Ruhe anschauen, mit Angehörigen besprechen. Das stärkt das Gefühl von Kontrolle in einer ohnehin als belastend empfundenen Zeit. In unserer klinischen Evaluation haben sich die visuellen Therapiepläne als sehr effektiv erwiesen: Ärztinnen und Ärzte empfanden die Pläne als Entlastung, Patientinnen und Patienten als echte Hilfe: Sie konnten 80 Prozent der Verständnisfragen beantworten und erinnerten sich auch mehrere Wochen später noch an Details. Und viele hatten die Pläne zu Hause aufgehoben oder an Angehörige weitergegeben.
Noch sind solche Hilfen nicht flächendeckend im Einsatz. Ein nächster Schritt ist eine sogenannte randomisierte Studie, um den Effekt zu quantifizieren. Doch Fachleute sind überzeugt: Mit standardisierten Symbolbibliotheken und digitalen Anwendungen könnten sie bald zum Alltag gehören. Vielleicht sogar automatisch erstellt, mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz.
Die Botschaft ist klar: In einer Zeit, in der Gesundheitssysteme unter Druck stehen, kann visuelle Kommunikation helfen, Ressourcen zu sparen und zugleich Patientinnen und Patienten stärker einzubeziehen. Manchmal braucht es eben keine komplizierten Methoden, sondern nur einfache Bilder, damit schwere Krankheiten verständlicher werden.
Dr. Helena Jambor ist als Dozentin für Datenvisualisierung am Institut für Data Analysis, Artificial Intelligence, Visualization und Simulation (DAViS) an der FH Graubünden tätig.