Nach Jahren des Online-Unterrichts sind Dozierende der FH Graubünden wieder persönlich an der Shanghai University of Engineering Sciences (SUES) tätig. Das Wiedersehen mit Studierenden, Kolleginnen und Kollegen zeigte eindrücklich, wie wichtig physische Begegnungen für eine internationale Hochschulkooperation sind – und wie sehr sich Shanghai seit der Pandemie verändert hat.
Seit mehreren Jahren verbindet die Fachhochschule Graubünden (FHGR) eine enge Kooperation mit der Shanghai University of Engineering Sciences (SUES). Im Rahmen dieser Partnerschaft unterrichten Dozierende des Instituts für Tourismus und Freizeit (ITF) die Studierenden der SUES im Fachbereich Tourismus. Ziel ist es, dass Studierende nicht nur touristisches Fachwissen, sondern auch innovative Lehr- und Lernkonzepte aus der Schweiz kennenlernen. Die jeweils Klassenbesten qualifizieren sich darüber hinaus für das letzte Bachelorjahr in Chur.
Während der Covid-19-Pandemie wurde der gesamte Unterricht ausschliesslich online durchgeführt – eine pragmatische Lösung, die den Austausch zwar ermöglichte, aber auch seine Grenzen offenbarte. Digitale Kanäle können viel vermitteln, doch sie ersetzen nicht die direkte Begegnung.
Seit letztem Jahr findet der Unterricht nach mehreren Jahren mehrheitlich wieder vor Ort in Shanghai statt. Melanie Tamborini und Frieder Voll unterrichteten in diesem Rahmen die Fächer Products in the Tourism and Leisure Industry sowie Transportation and Mobility. Die Rückkehr an den Campus war eine besondere Erfahrung – ein Wiedersehen mit Kolleginnen, Kollegen und Entwicklungen, die während der Pandemie nur aus der Distanz verfolgt werden konnten.
Bereits beim ersten Spaziergang durch das Viertel rund um die Hochschule fiel auf, wie stark sich die Umgebung verändert hat. Elektromobilität prägt heute das Stadtbild: Fast lautlos rollen Busse, Taxis und Motorroller durch die Strassen, die Luftqualität hat sich sichtbar verbessert. Der Himmel ist klar, Sonne und Mond sind in einer Deutlichkeit zu sehen, die man in der Megacity früher kaum kannte. Auch sprachlich hat Shanghai einen grossen Schritt in Richtung Internationalisierung gemacht – englische Beschriftungen in der Metro, englischsprachige Menükarten und eine wachsende Vielfalt internationaler Gastronomie zeugen von einer offeneren Haltung, die inzwischen über das Stadtzentrum hinausreicht.
An der SUES selbst wurden ebenfalls deutliche Fortschritte sichtbar. Die digitale Infrastruktur in den Unterrichtsräumen ist modernisiert. Doch der wahre Wert der Rückkehr lag nicht in der Technik, sondern im menschlichen Kontakt. Das Wiedersehen mit den Teaching Assistants, der Administration und den Studierenden war herzlich und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Diese Begegnungen verdeutlichten einmal mehr, dass persönliche Beziehungen die Basis unserer erfolgreichen Kooperation sind.
Für die Studierenden ist der Unterricht mit den Schweizer Dozierenden vor Ort ein besonderes Erlebnis. Workshops, Exkursionen, Präsentationen und Business Guests fördern aktives Lernen und schaffen Raum für Fragen und Diskussionen, die online oft zu kurz kommen. Die persönliche Präsenz ermöglicht einen direkteren fachlichen und kulturellen Austausch. Themen wie Arbeitsweisen und Lernkulturen lassen sich vor Ort besser nachvollziehen, und auch die Dozierenden erhalten dadurch einen unmittelbaren Einblick in den chinesischen Unterrichtsalltag und die Erwartungen der Studierenden.
Die Erfahrungen zeigen klar: Trotz des organisatorischen und zeitlichen Mehraufwands bietet der physische Unterricht einen deutlichen Mehrwert – fachlich, pädagogisch und menschlich. Er stärkt nicht nur die Kooperation zwischen den Hochschulen, sondern auch das gegenseitige Verständnis in einer zunehmend global vernetzten Bildungslandschaft.
Neben den Eindrücken an der Hochschule war auch die Entwicklung Shanghais als touristisches Ziel bemerkenswert. Die Stadt und das Land insgesamt befinden sich mitten in einer Phase intensiven touristischen Wachstums. Der Massentourismus dominiert: grosse Gruppen, hohe Reisetaktung, viele Erlebnisse pro Tag und ein starker Fokus auf Preis-Leistung. Individualismus spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig öffnet sich China spürbar dem internationalen Publikum – ein vereinfachter Visaprozess und das wachsende Angebot internationaler Dienstleistungen unterstreichen diese Tendenz.
Der Aufenthalt in Shanghai hat gezeigt, dass Bildung, Tourismus und gesellschaftlicher Wandel eng miteinander verknüpft sind. Die Veränderungen vor Ort, die neuen Begegnungen und die Rückkehr in den physischen Unterricht haben einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Kooperation lebt vom Dialog – und dieser entfaltet seine volle Wirkung erst, wenn Menschen sich wirklich begegnen.
Melanie Tamborini und Frieder Voll sind wissenschaftliche Projektleitende am Institut für Tourismus und Freizeit (ITF). Projektverantwortliche dieser Hochschulkooperation ist Thuc Lan Tran, Dozentin am ITF.
Vielen Dank für euren Einsatz in Shanghai. Die Bedeutung des persönlichen Kontakts und Austausch ist bei internationalen Kooperationen nicht hoch genug einzuschätzen.