Was passiert, wenn aus einer herausragenden Masterarbeit echte wissenschaftliche Innovation wird? Die Erfolgsgeschichte von Selina Giger, ehemalige Studentin des Masterangebots User Experience Design an der FH Graubünden, sowie Heike Brockmann (Lehrbeauftragte) und Dr. Florian Mathis (Dozent am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft) zeigt, wie an der FH Graubünden gesellschaftlich relevante Lösungen entstehen und zugleich wissenschaftliche Anerkennung finden.
Wie können digitale Technologien Menschen in belastenden Momenten unterstützen und das niedrigschwellig, alltagsnah und wissenschaftlich fundiert? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Paper «DigitalOmmie: Adapting Calm Design from Social Robots to Digital Replicas to Reduce Momentary Anxiety» von Selina Giger, Heike Brockmann und Dr. Florian Mathis. Entstanden ist dieses Paper aus der Masterthesis von Selina Giger.
Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, wie sich beruhigende Interaktionsprinzipien aus der sozialen Robotik in ein mobiles, digitales Format übertragen lassen. Ausgangspunkt war der soziale Roboter Ommie von Matheus et al. von der Yale University in den USA, der in früheren Arbeiten zur Unterstützung bei Atemübungen zur kurzfristigen Angstreduktion entwickelt wurde. Das FHGR-Team untersuchte nun, wie aus diesem physischen System eine Smartphone-basierte Anwendung werden kann, ohne die zentralen Qualitäten der ursprünglichen Interaktion zu verlieren.
Entstanden ist DigitalOmmie: eine App, die Nutzerinnen und Nutzer mit einer Kombination aus visuellen, auditiven und haptischen Reizen durch kurze Atemübungen begleitet. Sowohl die Entstehung als auch die Validierung erfolgte nach wissenschaftlichen Kriterien: In einer explorativen Vorstudie mit 18 Personen wurde untersucht, welche Merkmale des ursprünglichen Roboters für eine digitale Version besonders wichtig sind. Anschliessend folgte eine Laborstudie mit 16 Teilnehmenden, darunter 8 Personen mit eigener Angsterfahrung, um die Wirkung der App auf momentane Angst zu evaluieren.
Die Ergebnisse sind vielversprechend: Es zeigte sich in der Angst-Kohorte eine signifikante Reduktion momentaner Angst nach der Interaktion mit DigitalOmmie. Besonders positiv wurden audiovisuelle Hinweise sowie ein klarer, reduzierter Interaktionsablauf erlebt. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass sich nicht jedes Gestaltungselement gleich gut aus der physischen in die digitale Welt übertragen lässt: Vibrationen wurden von einigen Teilnehmenden als beruhigend erlebt, von anderen dagegen als eher stressig. Genau diese Ambivalenz macht die Arbeit spannend, weil sie zeigt, dass gute digitale Interaktion nicht nur technisch funktionieren, sondern auch sensibel auf individuelle Unterschiede reagieren muss.
Aus Sicht der Mensch-Computer-Interaktion ist die Arbeit relevant, da sie Erkenntnisse über die Benutzerfreundlichkeit, das Interaktionsdesign und die Nutzererfahrung liefert. Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Calm Design, Human-Robot Interaction, Mobile UX und Mental Health Technology. Sie zeigt exemplarisch, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse aus einem Forschungsfeld, hier der sozialen Robotik, in ein anderes übertragen lassen. Gleichzeitig bleibt das Paper differenziert: DigitalOmmie wird nicht als Ersatz für professionelle Behandlung verstanden, sondern als niederschwellige, ergänzende Unterstützung für den mobilen Alltag.
Dass das Paper an der ersten AlpCHI-Konferenz präsentiert wurde, ist eine schöne Anerkennung für die Leistung unserer User-Experience-Design-Masterabsolventin Selina Giger und bietet dafür einen besonders passenden Rahmen. AlpCHI versteht sich als neue HCI-Konferenz für den Alpenraum und darüber hinaus, mit Fokus auf Austausch, Community-Building und unmittelbare wissenschaftliche Diskussion. Die Erfolgsgeschichte von Selina Giger zeigt zudem eindrücklich, wie aus einer akademischen Abschlussarbeit eine beachtete Innovation entstehen kann.
Mehr zum Masterangebot User Experience Design
Hier gibt es weitere Blogs der FH Graubünden zu lesen
Das Paper ist als Open-Access-Beitrag über die ACM Digital Library verfügbar:
Referenzen:
Für Fragen zum Paper steht Dr. Florian Mathis zur Verfügung. Bei Fragen oder Interesse am Masterangebot «User Experience Design» hilft Prof. Philipp Liebrenz gerne weiter.