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Erstaunlich modern: Der Kosmos der alten Griechen

Thomas Weibel über ein verblüffendes Stück Wissenschaftsgeschichte.

In der Schule lernen wir, dass erst die Aufklärung die moderne Wissenschaft hervorgebracht hat und dass die Menschen früherer Jahrhunderte das Universum nicht zu ergründen vermochten, weil sie es einfach nicht besser wussten. Daran ist so ziemlich alles falsch. Nicht nur, dass die alten Griechen bereits im ersten Jahrhundert vor Christus ausgeklügelte, heutigen Tischuhren ähnliche Apparate bauten, die mit hochkomplexen Zahnradgetrieben den Lauf von Sonne, Mond und Planeten berechneten: Die antike Wissenschaft verfügte auch über ein umfassendes Wissen in Mathematik und Astronomie. Und dieses Wissen ist erhalten geblieben, bis auf den heutigen Tag.

Claudius Ptolemäus (100–160 n. Chr.) war wissenschaftlicher Mitarbeiter der legendären Bibliothek von Alexandria, und seine grosse Leidenschaft galt den Sternen. Abend für Abend, Nacht für Nacht beobachtete er den Himmel, vermass mit einfachen Winkelmessgeräten den jeweiligen Stand der Planeten Venus, Merkur, Mars, Jupiter und Saturn und entwickelte daraus ein astronomisches Modell, das eine erstaunlich präzise Berechnung der Planetenbahnen erlaubt. Tagsüber trug er zusammen, was Forscher in den Jahrhunderten vor ihm an Schriften hinterlassen hatten. Aus all dem Material – griechischen, ägyptischen und babylonischen Quellen und seinen eigenen Messtabellen und geometrischen Darstellungen – stellte er ein 13 Bände umfassendes Standardwerk zusammen, den sogenannten «Almagest».

 

Die schlechte Nachricht: Die sagenhafte Bibliothek von Alexandria ist verschollen, und mit ihr sind sämtliche eingelagerten Werke – Schriftrollen und -tafeln aus der gesamten damals bekannten Welt – untergegangen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Weil der «Almagest» ein so fundamentales Werk war, wurde er schon bald nach seiner Niederschrift kopiert und danach wieder und wieder kopiert, und eine Reihe dieser detailgetreuen Abschriften sind nicht nur erhalten geblieben, sondern heute auch digitalisiert, übersetzt und übers Internet zugänglich gemacht.

Mit Computerwerkzeugen und etwas Programmierung lässt sich das antike Himmelsmodell heute so darstellen, dass seine verblüffende Realitätstreue ins Auge fällt – tatsächlich erwies sich das ptolemäische System als so akkurat, dass Astronomen noch im Mittelalter den «Almagest» konsultierten, wenn sie ihren eigenen Berechnungen nicht ganz über den Weg trauten. Unter der Adresse thomasweibel.ch/kosmos habe ich ein virtuell dreidimensionales Modell für Computer, Smartphone oder VR-Brille geschaffen, das die Bewegungen der Himmelskörper exakt so darstellt, wie sie Ptolemäus vor fast 1900 Jahren berechnet hat – nach den Vorgaben seines «Almagest», massstabsgetreu in Raum und Zeit, und sogar interaktiv: Mit einem Klick lässt sich das virtuelle Raumschiff um rund 18 Millionen nautische Meilen in die gewünschte Richtung bewegen. Weitere Funktionen – eine Aufsicht über das gesamte Planetensystem, ein Teleporter zurück in die Erdumlaufbahn – ergänzen die App.

«Die Vergangenheit ist niemals tot; sie ist nicht einmal vergangen», lässt William Faulkner eine seiner Theaterfiguren sagen. Das gilt auch für die Wissenschaft. Was wir heute in World Wide Web und Virtual Reality darstellen, haben Denker früherer Jahrtausende mitentwickelt. Der Forscher Ptolemäus, so ist mit Fug und Recht anzunehmen, wäre hell begeistert.

 

Und so geht‘s

  1. Rufe mit dem Smartphone die Website auf und tippe auf «Allow».
  2. Dreh Dich um Dich selbst und entdecke das ptolemäische Universum. Ein Cockpit im Zentrum gibt die verstrichene Zeit und den Abstand zur Erde (in Millionen nautischer Meilen) an.
  3. Tippe auf den Bildschirm, um in die gewünschte Richtung zu teleportieren.
  4. Neige das Smartphone zur Decke und tippe, um das Planetensystem von hoch oben zu betrachten.
  5. Neige das Smartphone zum Boden und tippe, um zur Erde zurückzukehren.

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