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Ein ekla­tan­ter Wi­der­spruch der heu­ti­gen Zeit

Die FH Graubünden trägt zur Erderwärmung bei. Sie hat zwar keine Produktionsprozesse, aber aufgrund der hohen Anzahl Menschen und deren Aktivitäten im Hochschulbetrieb werden Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Stickoxid freigesetzt. Diese können durch die natürlichen Kreisläufe nicht abgebaut werden und führen zum Treibhauseffekt, der seit der Industrialisierung schrittweise, aber kontinuierlich, zur Erhöhung der Temperaturen führt.

Dieses Jahr wurde erstmals beziffert, wie stark die Fachhochschule zur Erderwärmung beiträgt und vor allem wodurch. Sind es die umstrittenen Einweg-Kaffeebecher, auf die wir für eine bessere Klimabilanz verzichten sollten? Die Intuition ist bisweilen ein schlechter Ratgeber, gerade in dieser Frage. Wer etwa auf einen wiederverwendbaren Kaffeebecher umsteigt, tut damit eher dem eigenen Gewissen als dem Klima einen Gefallen. Zwar entsteht dadurch weniger Abfall. Die Herstellung von Kaffee setzt aber durch die intensive Düngung und Bewässerung der Kaffeeplantagen und den dazugehörigen Dieselverbrauch der Traktoren, dreimal so viele klimaschädliche Gase frei wie der Überseetransport, die Verpackung und die Zubereitung zusammen. Wenn uns der echte und effektive Klimaschutz am Herzen liegt, kommen wir nicht um die Frage herum, welchen Beitrag wir an die ressourcenschonende Produktion von Kaffee leisten und welchen Kaffeekonsum wir verantworten können. Die Diskussion auf den Verzicht auf Einweg-Kaffeebecher zu reduzieren, wird dem Umweltproblem nicht gerecht.

Zurück an die FH Graubünden, wo im Jahr 2019 immerhin 400 kg Kaffee, also etwa 50'000 Tassen oder eben Becher konsumiert wurden. Dieser Kaffeekonsum belastete das Klima in einem Jahr im gleichen Ausmass wie drei Tage lang heizen in den Gebäuden der FH Graubünden. Mit dieser Erkenntnis verabschieden wir uns an dieser Stelle vom Kaffeekonsum und legen den Fokus auf die wesentlicheren Umweltbereiche. Und da können wir gleich beim Heizen fortfahren. Die Wärmeversorgung machte nämlich zehn Prozent des gesamten Ausstosses der klimaschädlichen Gase der FH Graubünden aus. Das ist der Verwendung von fossilen Energieträgern, allen voran Gas, geschuldet.

Grosses Potenzial liegt im geplanten Fachhochschulzentrum, das uns dank technologischem Fortschritt und erneuerbaren Energien künftig von dieser relevanten Umweltbelastung entlastet. Der Hund liegt aber an einem anderen Ort begraben. Denn über drei Viertel der Umweltbelastungen der FH Graubünden gingen auf deren Mobilität zurück. Denken Sie dabei an den Flugverkehr? Ja, die 880'000 zurückgelegten Flugkilometer fielen im Jahr 2019 mit einem Ausstoss von 200 Tonnen Treibhausgasen deutlich ins Gewicht. Aber noch deutlicher, nämlich zweieinhalb Mal so viel Umweltbelastung verursachte der Pendelverkehr der Mitarbeitenden, hauptsächlich durch die Fahrten von 1.5 Millionen Autokilometern zwischen dem Wohn- und Arbeitsort. Dies widerspiegelt sich in der ganzen Schweiz: der Verkehr ist die grösste Quelle von Treibhausgasen.

Die Abhängigkeit von Erdölprodukten ist gross und dessen Loslösung nicht in Auflösung begriffen. Die Tatsache, dass eine verantwortungsvolle Fachhochschule, an der die Studierenden zum Klimawandel gebildet werden, das Thema in Forschungs- und Dienstleistungsprojekte integriert wird, trotzdem weiterhin völlig unbeabsichtigt die Erderwärmung vorantreibt, verdeutlicht, dass unser Umgang mit den natürlichen Ressourcen die grösste Herausforderung unserer Zeit ist und bleibt. Um diesen eklatanten Widerspruch aufzulösen, braucht es innovative Lösungen, die den Lebensstandard erhalten und sicherstellen, dass wir nicht mehr Ressourcen brauchen als uns zustehen, und das was uns zusteht denn auch gerecht verteilt wird. 

Livia Somerville verantwortet die Nachhaltige Entwicklung an der Fachhochschule Graubünden. Die FH Graubünden diskutiert an dieser Stelle alle vier Wochen aktuelle Themen aus Lehre und Forschung.

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