Zoom-Fatigue, Instagram-Stories, KI-Assistenten: Wer denkt, das sei nur etwas für die Jungen, irrt gewaltig. Gemäss Pro Senectute nutzen über 89 % der über 65-Jährigen heute das Internet, ein Anstieg von mehr als 50 % in den letzten 15 Jahren. Fast ein Fünftel dieser Generation greift am liebsten zum Smartphone, um sich über Nachrichten zu informieren. Menschen, die noch ohne Handy aufwuchsen, werden überraschende Digital Champions. Zeit, alte Klischees über Bord zu werfen.
Der Wandel ist offensichtlich. Ü50er entdecken die Vorzüge der digitalen Welt und wenden sie aktiv an: Online-Banking ersetzt den Gang zur Filiale, Videotelefonie überbrückt Distanzen zu Enkelinnen und Enkeln im Ausland, Gesundheits-Apps unterstützen bei der Medikamenteneinnahme. Sie lernen schnell, oft systematischer und nachhaltiger als jüngere Generationen, weil sie verstehen: Digitalisierung ist Werkzeug, nicht Spielzeug.
Ihre methodische Herangehensweise ist bemerkenswert. Während viele Digital Natives intuitiv durch Apps navigieren, erarbeiten sich ältere Personen Schritt für Schritt fundiertes Verständnis, dokumentieren Fortschritte, stellen präzise Fragen und wenden ihr Wissen gezielt an. Diese Gründlichkeit macht sie zu wertvollen Wissensvermittler:innen – auch für jüngere Generationen.
Im Forschungsfeld «Computational Social an Education Sciences» (CSES) der Fachhochschule Graubünden wollen wir uns künftig dem Thema «Lernende 50+» widmen und erforschen, wie digitale Kompetenzen erworben werden und welche Lernumgebungen den Wissenstransfer optimal fördern. Studien zeigen, dass sich Lernen im digitalen Kontext verändert: Ältere profitieren besonders von klar strukturierten Lernumgebungen, wiederholtem Üben und praxisnahen Anwendungen. Digitale Tools erlauben es ihnen, im eigenen Tempo zu lernen und nachhaltiges Wissen aufzubauen. So wird Digitalisierung nicht nur zum Arbeitsinstrument, sondern auch zum Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung.
In künftigen Forschungsaktivitäten soll untersucht werden, wie Lernumgebungen gestaltet sein müssen, damit der Wissenstransfer gelingt. Niederschwellige Kurse, praxisnahe Aufgaben und die Möglichkeit, in eigenem Tempo zu lernen, fördern nicht nur digitale Kompetenzen, sondern stärken auch die Zusammenarbeit zwischen Generationen. Reverse Teaching, wenn jüngere Kolleginnen und Kollegen älteren Mitmenschen in Apps oder Tools schulen, während die Älteren strategisches Denken vermitteln, wirkt in der Praxis nachweislich.
Gerade in Graubünden bietet die kleinstrukturierte Wirtschaft ideale Voraussetzungen für solche Programme. Lernende 50+ werden so zu einer entscheidenden Brücke zwischen Erfahrung und Innovation. Angesichts des Fachkräftemangels – bis 2030 fehlen in der Schweiz bis zu 250'000 Arbeitskräfte – und der steigenden Zahl von Menschen, die auch jenseits des Rentenalters arbeiten, sind diese Kompetenzen essenziell.
Unternehmen und Bildungsinstitutionen sind gefordert: Sie müssen Lernumgebungen schaffen, die Geduld für unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten mitbringen und praktische Anwendungen bieten. Es bleibt zu prüfen, wie sich diese Investition lohnt – hier setzt unser Forschungsinteresse an. Unsere «Digital Natives mit grauen Schläfen» bringen Erfahrung und Innovationskraft zusammen und alle Generationen profitieren davon nachhaltig.
Quellen:
Adelisa Kalajdzini. (2024, January 4). Five trends for the Swiss world of work in 2024. Organizer.
Going Digital: Den digitalen Wandel gestalten, das Leben verbessern. (2025). OECD.
Ltd, M. I. (2025). Digital Seniors 2025. Pro Senectute Schweiz.
Marc-Alexander Iten ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft an der FH Graubünden tätig: fhgr.ch/cses.
Elham Müller, Leiterin des Forschungsfeldes CSES an demselben Institut, unterstützt die Initiative fachlich und stellt die Verbindung zu generationenübergreifenden Lernumgebungen her.
Alle vier Wochen diskutiert die einzige Fachhochschule im Kanton an dieser Stelle aktuelle Themen aus Lehre und Forschung.