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Die Berg-Werkstatt

Siedlungsentwicklung, Tourismus, Nachhaltigkeit, Identität - eine eierlegende Wollmilchsau

Singletrails erkunden statt Baden am Mittelmeer: Menschen hierzulande entdecken im Corona-Sommer das Mountainbiken. Einzelne Bike-Destinationen wurden regelrecht überrannt. Der aussergewöhnlichen Sommersaison geschuldet, oder ist das der Durchbruch für den Mountainbike-Tourismus in der Schweiz? Und wann wird der Kommerz am Berg zur Belastungsprobe für Einheimische und Natur*? Diese kritischen und bei weitem nicht neuen Fragen stellte sich die jüngste Ausgabe des Wirtschaftsmagazins «Trend» (SRF) und griff damit nicht nur die Frage nach dem Stellenwert des Mountainbikens auf. Ob bewusst oder nicht, mit den gestellten Fragen wird auch eine sich abzeichnende Kontroverse um die nachhaltige Entwicklung von ländlichen Bergregionen aufgeworfen.

Mit dem Erfolg von Bündner Destinationen, die seit zehn Jahren in die Klientel der Mountainbikerinnen investierten, entsteht ein gewisser Hype der Nacheiferung. Es ist anzunehmen, dass Gemeinden oder Regionen auf diesen Zug aufspringen möchten, um dem Klumpenrisiko des zusehends unter Druck stehenden Wintertourismus die Spitze zu nehmen und den Sommer besser auszulasten. Andererseits vielleicht auch als Alternative zu dem unter dem Klimawandel leidenden Wintersport. Oder verbunden mit der Hoffnung einer wirtschaftlichen Wertschöpfung und damit sicheren Zukunft. Doch alleine Trails zu bauen oder in den Mountainbiketourismus zu investieren, wird die Herausforderungen, die sich vielen Berggemeinden stellen, nicht lösen.

Erfahrungen und Ergebnisse aus nationaler und eigener Forschung zeigen einerseits, dass diejenigen Städte und Gemeinden – unabhängig von Bevölkerungsgrösse oder Wirtschaftskraft – ökonomisch und demographisch erfolgreich waren, die sich auf ihre originären Stärken konzentriert haben, anstatt erfolgreicher Wachstumsstrategien Dritter nachzueifern.[1] Andererseits stellen globale Trends (Megatrends) wie Bevölkerungswachstum, Demografischer Wandel, Digitalisierung, Klimawandel aber auch Schrumpfungsprozesse und Abwanderung Gemeinden auch in den abgelegenen Winkeln der Schweiz, vor neue Herausforderungen. Überall in Siedlungsräumen lassen sich immer schnellere und zusehends volatile Veränderungen beobachten. Es entstehen neue Wege der Kommunikation, neue Arbeits- und Wohnformen, neue Mobilitätskonzepte etc. – und gleichzeitig verändern sich die Bedürfnisse der Menschen. Lebensstile werden sich je länger je mehr an urbanen Wertvorstellungen orientieren. Die Individualisierung wird zunehmen, die Siedlungsstruktur einer immer breiteren Bedürfnisspanne Rechnung tragen müssen. Mit genannten Treibern einhergehend und insbesondere im Kontext der Individualisierung wird sich die Nachfrage nach Raumstruktur entlang dem Werte- und Verhaltenswandels stark verändern. Identität und Identifikation mit einem Ort, einer Region bekommen dabei einen zusehends wichtigeren und hohen Stellenwert. Auch in oder gerade dem Bezug Tourismus.

Es ist hinlänglich bekannt, dass Identität mitunter das touristische Kapital eines Ortes ist. Identität ist unbestritten mit Historie, Geschichten, Legenden, Bauten und Baukultur verbunden. Stadt- oder Dorfqualität oftmals der qualitativen Leistung durch vorhandene Infrastrukturen bspw. des Tourismus, Verkehrs und des Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesens sowie einer funktionierenden Grundversorgung etc. geleichgesetzt. Funktionale Infrastrukturen als Beitrag zu Lebensqualität oder Wertschöpfung für den Tourismus zu betrachten ist richtig, aber damit identifizieren sich die wenigsten von uns. Identifikation basiert auf Emotionen eines Ortes. Diese Authentizität, die damit verknüpften Emotionen gilt es zu erkennen, zu stärken und in die Entwicklung von Lösungen einzubinden. Auf die Anforderungen von Morgen können wir nicht mit den Antworten von gestern reagieren. Eine zukunftsgerechte und austarierte Raumentwicklung die dem entspricht, ist nicht restriktiv, sondern dynamisch– dies in kontextuellen Betrachtungsweisen und auf Basis von partizipativen Prozessen. Wichtig dabei ist, ein Entwicklungsprogramm zu schaffen, das nicht festlegt, sondern ermöglicht. Ein mutiges Konzept zu realisieren, das den Dialog der Gegensätze pflegt und mit einem unkonventionellen Schritt, der Leitidee einer Planung des Ungeplanten, mit Beteiligung von künftigen Nutzerinnen und Nutzer als «Produzenten des Raums» sichert. Eine Umsetzung dieser Idee und das Anstossen dieses neuen Planungs- und Entwicklungsinstrumentes, ist in einer kleinen Berggemeinde im Kanton Graubünden, als angewandtes Forschungsprojekt in Form eines «Reallabors» – der  «Berg-Werkstatt» skizziert und angestossen. Dabei entstehen – unter Einbezug der Bevölkerung und Interessengruppen die «Kartographierung von Lebensqualität und Identität» – der Output ist nicht nur ein konkretisiertes Zunkunftsbild, sondern auch Projekte die direkt umgesetzt werden und eine Entwicklungsdynamik anstossen. Ziemlich sicher findet sich darunter auch ein Entwicklungsprojekt, das sanften Mountainbiketourismus, mit natürlichen Trails und Muskelkraft zu einer Wertschöpfung generiert. Die Devise ist, klein, fein und insbesondere individuell entlang der eigenen originären Identität. Gemeinsam mit Betroffenen entwickelt und dadurch getragen.

 

*Eine Fragestellung, die auch im Kontext des Skitourismus, Alpinismus, Wirtschaftsforen etc. berechtigt wäre

[1] Berube, A; Katz, B.: State of English cities /Siedenttop, S, Informationen zur Raumentwicklung Heft 3 / 4 2008

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