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Der professionelle Umgang mit Daten ist in vielen Bereichen der FH Graubünden ein zentrales Thema. In diesem Blog wird das Thema «Daten und Demokratie» im Rahmen der internationalen Anbindung des Schweizer Instituts für Informationswissenschaft (SII) und anhand der aktuellen Herausforderungen bezüglich der Steuerung von verfügbaren Datengrundlagen für gesellschaftliche Prozesse diskutiert. Es zeigt wie die Theorie der Informationswissenschaft, die Kompetenzen im Umgang mit Daten sowie die Vernetzung in der informationswissenschaftlichen Community und über diese hinaus ein Wirkungsfeld für die FH Graubünden ermöglicht und definiert.
International Association for Social Science Information Service and Technology (IASSIST)
Die IASSIST ist eine internationale Organisation, die Expert:innen aus Bibliotheken, Archiven, Data Services und ähnlichen Organisationen aus der ganzen Welt zusammenbringt. Die meisten Mitglieder zählt die IASSIST in Nordamerika und dort wiederum in den USA. Durch Prof. David H. Schiller, Dozent für Datenmanagement am Schweizer Institut für Informationswissenschaft (SII), ist auch die FH Graubünden Teil dieser Community. David Schiller ist seit vielen Jahren Mitglied im Admin Committee der IASSIST und deren European Secretary.
Keynote an der SciCAR
Durch die Vielzahl der US-Mitglieder spürt die Community der IASSIST die aktuellen Auswirkungen einer veränderten Datenpolitik in den USA besonders stark. Kolleg:innen und Mitglieder der IASSIST sind direkt von diesen betroffen. Durch starke internationale Vernetzung sowie durch bedeutende Datenbestände in den USA, die auch viel ausserhalb der USA genutzt werden, sind von der veränderten Datenpolitik auch IASSIST-Mitglieder ausserhalb der USA betroffen. Zu diesen erwähnten Veränderungen gehören, dass Datenbestände nicht mehr verfügbar sind, bestimmte Konzepte (zum Beispiel zu Gender oder Klimathemen) nicht mehr erhoben werden sollen, Datenerhebungen nicht mehr finanziert und Expert:innen im Bereich Daten gekündigt, deren Projekte nicht mehr finanziert oder ihre Arbeit diskreditiert wird.
Dabei sind diese Aktionen klar als ideologisch zu klassifizieren. Sie sind nicht durch wissenschaftliche Prozesse bekleidet und begründet. Vielmehr repräsentieren sie die Überzeugungen der regierenden Partei der USA und die der MAGA-Bewegung. Diese Entwicklungen haben weltweit für Aufsehen und für grosses Interesse an mehr Input in die Community gesorgt. In seiner Rolle als European Secretary wurde Prof. David Schiller daher als Keynote Speaker an die SciCAR25 in Dortmund, Deutschland, eingeladen. Das Ziel der SciCAR ist es Daten, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen zusammenzubringen, um Kooperationen im Bereich Computer Assisted Reporting (CAR) zu initiieren und den interdisziplinären Austausch von Ideen, Methoden und Projekten zu fördern (netzwerkrecherche).
Daten und Demokratie
Die Keynote stand unter dem Titel «Daten und Demokratie» und diskutierte die Bedeutung von Daten als Basis für Wissen in einer Gesellschaft. Dieses Wissen wird wiederum ist die Basis einer einer informierten Gesellschaft. Ohne diese schliesslich ist die Erhaltung demokratischer Werte in Gefahr. Zur Zeit der Aufklärung waren es Bibliotheken und Archive, die Bücher und Schriftstücke enthielten. Diese funktionierten als Basis für Informationsangebote an die Bevölkerung, die sich so bilden und aufklären konnte. Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit gewannen an Bedeutung. Bibliotheken fanden Einzug in Gemeinden und breite Schichten der Bevölkerung konnten partizipieren. So bekam Schritt für Schritt die gesamte Gesellschaft die Möglichkeit sich Wissen anzueignen.
Zwar dauerte es noch bis dieses Wissen als solide Basis für Demokratien funktionierte, doch ein Grundstein war gelegt. Objektiviertes Wissen als Basis für die Demokratie. Aufbauend auf der digitalen Transformation benötig eine heutige, neue und moderne Aufklärung digitale Daten als Basis. Dabei sind nach dem informationswissenschaftlichem Ansatz Daten als Basis für Informationsangebote zu sehen, welche wiederum die Basis für Wissen darstellen. Es geht dabei um die technischen und methodischen Notwendigkeiten zur Behandlung der Ressource Daten aber eben auch um die Frage, was mit Daten belegt, dargestellt und gemessen wird.
Daten bilden die Gesellschaft ab. Was nicht erhoben oder gemessen wird besteht in der digitalen Welt der Daten nicht und kann somit nicht Teil des Diskurses und des Wissensschatzes einer Gesellschaft werden. Beispielsweise Messdaten zum Klimawandel oder die Angabe von mehr als zwei Geschlechtern. Dabei hatten sich die Begründungen zur Messung und Darstellung dieser Konzepte in Daten aus wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen heraus entwickelt. Die Verunmöglichung der Erhebung dieser Daten durch Verbote oder entzogene Finanzierungen ist dagegen ideologisch motiviert und nur von einem Teil der Gesellschaft der USA getragen.
Es handelt sich also um eine gezielte oder indirekte Steuerung der Basis für demokratischen Diskurs und demokratische Entscheidungen. Dies zeigt die Bedeutung von weiteren gesellschaftlichen Organisationen neben der Politik und der Administration eines Staates auf. Zu diesen gehören der Journalismus, die Forschung und Einrichtungen wie Bibliotheken, Archive und Datenservices. Aus einer internationalen Betrachtung heraus besteht die Gefahr, dass Datenbestände aufgrund von politischen Entwicklungen in einzelnen Nationalstaaten verlorengehen können. Es besteht also die Notwendigkeit für Internationalisierung und internationale Kooperationen im Bereich Daten und der Bedarf zur demokratischen Diskussion über die notwendigen Daten zur Beschreibung von Gesellschaften und die demokratische Legitimation dieser Datensammlungen, Datenbestände und der Datennutzung. Konzepte müssen daher international diskutiert werden.
Data Rescue Projekt
Eine besonder Hervorhebung in diesem Kontext sollte das Data Rescure Projekt erfahren.
Es wird weitestgehend ehrenamtlich und auch von vielen Mitgliedern der IASSIST, nicht nur aus den USA, getragen. Im Rahmen des Projektes werden zum Beispiel gesamte Webseiten kopiert und gespeichert, Datenbestände dupliziert und Netzwerke zwischen Expert:innen erhalten und gefestigt. Das Data Rescue Projekt ist jedoch nur eine Adhoc-Lösung aus der Not und Angst heraus geboren Datenbestände für immer zu verlieren. Nachhaltige, objektivierte und legitimierte Aktionen für Datenbestände als Basis für Demokratien benötigen ein umfassenderes Konzept, das hoffentlich national und international stärker diskutiert werden wird. Die FH Graubünden kann hier eine Rolle spielen.
Ausblick und Resümee
In der Folge der Keynote an der SciCAR Konferenz konnte die FH Graubünden noch weitere Beratungen zum Thema, zum Beispiel für die Klaus Tschira Stiftung, durchführen. Die FH Graubünden kann hier ihren Teil zur Diskussion auf nationaler und internationaler Ebene beitragen. Dabei kann das Spezifika des Kantons Graubünden als einziger dreisprachiger Kanton der Schweiz als Inspiration genutzt werden. So kann im kleinen diskutiert werden, was einen solchen mehrsprachigen und durch hohe Berge getrennten Kanton zusammenhält, als Vorbild genommen werden, um internationalen Zusammenhalt zu diskutieren.
Die technische Ausrichtung der FH Graubünden mit Data Science als methodische und technische Grundlage, aber auch der Informationswissenschaft als Mittler zwischen Daten und Wissen, und somit zwischen Daten und Menschen, können als Grundlage für die Idee und die Notwendigkeit von Daten in der Demokratie dienen.
Hier gibt es weitere Blogs der FH Graubünden zu lesen
Prof. David Schiller Dozent, Wissenschaftlicher Projektleiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft (SII), Departement Angewandte Zukunftstechnologien